«Und wenn wir uns nicht liken?»

Science-Fiction-Komödie im Zürcher Opernhaus: Michael Pelzels «Last Call» wurde uraufgeführt.

Nicht blinzeln, singen! Ruben Drole eröffnet das Stück als Urguru. Foto: Herwig Prammer

Nicht blinzeln, singen! Ruben Drole eröffnet das Stück als Urguru. Foto: Herwig Prammer

Susanne Kübler@tagesanzeiger

Wie weiter in der digitalen Welt? Unsere Gegenwart rätselt noch, in Michael Pelzels Kammeroper «Last Call» ist man schon weiter. Die Urchips rebellieren, die Multimegabitwelle droht alles wegzuspülen. Was tun? «Sie haben vier Auswahlmöglichkeiten», verkündet die Stimme aus dem Automaten, nämlich: Erde einnebeln und Erdrotation stoppen. Auswanderung auf den Planeten Elpisonia. Vernichtung der Menschheit. Oder: Party im All.

Eine schräge Sache, dieses Stück. Eine gewagte auch: Denn neben der Stimme aus dem Automaten gibt es auf der Studiobühne des Opernhauses ganz reale Sängerinnen und Sänger. Und unter der Leitung von Jonathan Stockhammer ist das durch und durch analoge Ensemble Opera Nova am Werk. Da könnte es leicht passieren, dass die digitale Katastrophe akustisch eine reine Behauptung bleibt.

Es gongt und dröhnt

Aber Michael Pelzel, geboren 1978 in Rapperswil und nach Xavier Dayer der zweite Schweizer Komponist, der fürs Opernhaus eine Kammeroper schreiben durfte, hat genügend Klangfantasie für diesen Stoff. Mag sein, dass ihm sein Hauptjob als Organist hilft: Wie man Klänge mischt, umfärbt, ausdünnt und auflädt – das lernt man mit diesem Instrument. Und Pelzel weiss es zu übertragen auf das Ensemble, das mit zwei unterschiedlich gestimmten Klavieren, reichlich Schlagwerk und ein paar Streichern besetzt ist. Mal brodelt es in der Tiefe, mal schweben Klangbläschen nach oben. Es gongt und dröhnt, es fiept und tröpfelt.

Wird aus den skurrilen Szenen tatsächlich irgendwann ein Stück?

Dass die Sänger dazu keinen Belcanto liefern, ist klar. Ruben Drole beeindruckt als Urguru nicht nur mit seinem explosiven Bariton, sondern auch mit der Fähigkeit, erst lange nicht zu blinzeln und dann so richtig irr. Die Influencerin Trendy-Sandy-Mandy, die eigentlich Alina Adamski heisst, vertritt Option vier («Party im All») mit hysterischen Koloraturen. Dr. Karitzoklex (Jungrae Noah Kim) versucht es tatsächlich mit Opernpathos. Und dann ist da noch der Moderator der Show auf Zapp 3, in der über die vier Auswahlmöglichkeiten abgestimmt wird: Harald Gottwitz heisst er, Pelzel hat prächtig verdrehte Cabaretmusik komponiert für ihn, und Thomas Erlank weiss sie zu geniessen.

Eine knappe Stunde geht das so, man amüsiert sich auch dank der schrillen Inszenierung des Video-Künstlers Chris Kondek bestens – und fragt sich zwischendrin, wie Pelzel es schaffen wird, aus dieser Reihe von Showblöcken ein Ganzes zu formen. Bleibt es beim Casting-Prinzip, in dem jeder zeigt, was er kann, und dann wieder gehen darf? Oder wird aus den skurrilen Szenen irgendwann tatsächlich ein Stück?

Streichen und ergänzen

Es wird. Aber ein Blick ins Programmheft verrät, dass es wohl nicht einfach war. Vergleicht man Dominik Riedos dort abgedrucktes Libretto mit dem, was bei der Uraufführung zu hören war, kann man sich vorstellen, wie viel passiert ist während der Proben. Etliches wurde gestrichen, anderes hinzugefügt. Aber vielleicht ist es gerade das, was dieser Musik ihre Wucht gibt, ihre Freiheit, ihre Roheit. Pelzel gehört nicht zu jenen Komponisten, die jeden Ton in der Partitur nach allen möglichen Parametern durchdefinieren. Er liefert eine Vision.

Und in diesem Fall: eine Überraschung. Denn man hat noch gar nicht abgestimmt über die vier Auswahlmöglichkeiten, da kommt schon die Multimegabitwelle. Die Evakuation nach Elpisonia wird beschlossen, die von Sonja Füsti gebaute Bühne ist leer. Und plötzlich kippt die Science-Fiction-Komödie in Endzeit-Desolation, die musikalische Knalligkeit in stille Melancholie. Denn zwei sind hier geblieben, Frau Professor Hahnemann (Annette Schönmüller) und Johnny (Christina Daletska), die mit ihrer zaghaften postdigitalen Annäherung für den schönsten Teil des Abends sorgen. Wie weiter? Zu zweit? Allein? Doch noch auswandern? Kinder? «Und wenn wir uns nicht liken?» fragt Johnny.

Antworten gibt es keine. Oder nur vom Publikum: Es hat den Abend sehr gelikt.

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