Mimi stirbt unter den Sternen

Erst im zweiten Anlauf vollendet, dann aber in allen Teilen gelungen: Das Opernfestival Avenches brilliert dieses Jahr mit Giacomo Puccinis Meisterwerk «La Bohème».

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Ein heftiges Sommergewitter setzte dieses Jahr dem ersten Opernabend in Avenches nach nur einer halben Stunde ein jähes Ende. Damit wurde die zweite Vorstellung vom Samstag zur eigentlichen Premiere. Und diesmal regnete es nicht, das Publikum war begeistert, und ja: «La Bohème» eignet sich sehr wohl für diesen grossen Rahmen. Das ist nicht selbstverständlich, weil die halbe Oper in einer engen Dachkammer spielt.

Regisseur und Ausstatter lösten diese Aufgabe zwar ohne Drehbühne (wie letztes Jahr in «Rigoletto»), aber mit einem drehbaren Gebäude. Von vorne offen, stellt es die hier zweistöckige Mansarde dar, umgedreht das Café Momus, schräg gestellt schliesslich das Gasthaus an der Barrière d’Enfer. Wie die Butte Montmartre ziehen sich schwarz-weisse Häuserreihen die Rückseite der Arena hinan, oben aber thront – wie wohltuend – für einmal nicht Sacré-Cœur, sondern das Panthéon. Denn wir sind ja auf dem Rive Gauche, im Quartier Latin. Einige typische Versatzstücke aus der Seine-Metropole: eine Bank, eine Laterne – et voilà. Dieses Konzept ermöglicht rasche und effektvolle Verwandlungen.

Fantastisches junges Ensemble

Das schärft den Blick für die Kompaktheit dieser Oper mit ihrem riesigen musikalischen Reichtum. Wer bei «La Bohème» zum ersten Mal in einer Oper sitzt, ist ergriffen ob der menschlichen Tragik und freut sich an den Massenszenen, und dank der Übertitelung finden sich auch Opernneulinge rasch zurecht. Bei aller Dramatik gibt es auch sehr humoristische Stellen; die Musik ist zwar komplex, aber eingängig. Aber auch wer das Werk schon zehn- oder zwanzigmal gehört hat, wird jetzt wieder etwas Neues entdecken.

Das Orchestre de Chambre de Lausanne (hier natürlich nicht in Kammerbesetzung) erweist sich einmal mehr also hoch professioneller Klangkörper, vorzüglich bis hin zum Glockenspiel und fähig, die typische Farbenpracht Puccinis zu erzeugen. Als Glücksfall erweist sich die Verpflichtung des versierten Dirigenten Stefano Ranzani: Abgesehen von vereinzelten Koordinationsproblemen, wie sie bei diesen Dimensionen kaum zu vermeiden sind, hat er alle Kräfte sicher im Griff. Er setzt auf transparenten Klang und erliegt nicht der Versuchung, die Arena mit Forte-Orgien zu füllen: Die Akustik der alten Römer ist und bleibt bemerkenswert.

Des Künstlers offensichtliche Neigungen

Das machen sich auch die Sängerinnen und Sänger zunutze, von denen niemand der Stimme mehr abfordert, als sie zu leisten imstande ist. Eric Vigié, Direktor in Lausanne und Avenches und Regisseur der «Bohème», wollte ein glaubwürdiges Ensemble auf die Bühne bringen. Das ist ihm gelungen. Eine junge, agile und wundervoll singende Truppe ist da zusammengekommen. Franco Pomponi gibt einen virilen, soliden und lebensfrohen Maler, dessen Neigungen schon nach der kleinen Auftaktpantomime klar sind. Brigitte Hool als Musette beherrscht den zweiten Akt mit operettenhaft, aber rollengemäss zickigem Auftreten – das indes auf Kosten nicht immer ganz reiner Spitzentöne. Klangschön und ohne Schärfen dann aber ihr Schluss am Sterbebett von Mimi.

Stoff für eine Charakterstudie

Mimi selber ist die interessanteste Charakterstudie: nicht bloss ein in die Grossstadt verirrtes Dummchen vom Land, sondern eine junge Frau mit durchaus heutigen Zügen. Alexia Voulgaridou gefällt stimmlich wie szenisch, der einzige Einwand betrifft ihre allzu stereotype Gestik während der grossen Arie. Aufhorchen lässt Teodor Ilincai als Rodolfo: eine schlanke, unforcierte, schön timbrierte und absolut höhensichere Stimme, der noch einiges zuzutrauen ist.

Auch die übrige Besetzung hält das hohe Niveau (Daniel Golossov als sonorer Colline, Benoît Capt als schillernder Schaunard sowie Marcin Habela, Nicolas Wildi, Juan Etchepareborda und Pierre Portenier). Der Chor der Lausanner Oper und der Kinderchor Les Marmousets (Einstudierung: Pascal Mayer) tragen das Ihre zu diesem Ope(r)n Air der Sonderklasse bei.

Paris aus dem Tourist-Shop

Das Hauptverdienst von Eric Vigiés Truppe liegt darin, dass sie die Geschichte der «Bohème» gleichermassen spannend wie verständlich erzählt. Sie zieht keine gigantische Revue in der Arena auf und setzt zusätzliche Akzente nur dezent. Neben dem erwähnten kurzen Vorspiel sind das etwa die Tourist-Shop-Versatzstücke im zweiten Akt: ein Riesenrad («Ecco i giocattoli di Parpignol!»), ein Arc de Triomphe, ein Eiffelturm.

Beim Einzug der Militärmusik spuckt er Feuerwerk, ein grossartiger Effekt vor der Pause. Für das Bühnenbild zeichnet Gian Maurizio Fercioni verantwortlich, für die sehr stimmigen Kostüme der routinierte Ezio Toffolutti. Je dunkler der Abend, desto spektakulärer die Beleuchtung (Denis Foucart). Die massvoll eingesetzten Projektionen stören nicht, wären allerdings auch nicht nötig gewesen: Die Bilder sind atmosphärisch dicht und bleiben ebenso haften wie die musikalischen Eindrücke – Avenches 2012 ist ein toller Jahrgang. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2012, 11:48 Uhr

Agenda

Weitere Aufführungen bis 17. Juli.

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