Klassiker der Woche: Chaplin trifft Brahms

Rasur im Takt des «Ungarischen Tanzes» Nr. 5: So etwas gibts nur in «The Great Dictator».

Pinseln im Takt: Charlie Chaplin als Barbier. (Youtube/Moneer Alrawahna)


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Natürlich, die Szene mit dem Weltkugelballon ist nicht zu überbieten. Aber Charlie Chaplins allererster Tonfilm, «The Great Dictator» von 1940, enthält auch noch andere Bijoux: etwa die beinahe ebenso berühmte Rasierszene.

Chaplin respektive seine Barbierfigur mag in diesem Film zwar seine Erinnerung verloren haben, aber nicht seine Musikalität. Wie er nicht nur das (wechselnde) Tempo aufnimmt, sondern auch die Stimmungen von Brahms’ «Ungarischem Tanz» Nr. 5; wie er musikalische Strukturen und Schnörkel in Rasiergesten übersetzt, als sei er selbst eine Partitur: Das ist hinreissend gemacht.

Das musikalische Talent hatte er von seinen Eltern geerbt, die beide Sänger waren und den kleinen Charlie schon früh in die Music Hall mitnahmen. Er war fünf Jahre alt, als die Mutter eine Aufführung abbrechen musste – und er als ihr Ersatz auf die Bühne gestellt wurde. Es scheint gut geklappt zu haben, jedenfalls hat das Publikum nicht nur applaudiert, sondern ihn sogar mit Münzen beworfen.

Stan Laurel hat einmal erzählt, dass Charlie Chaplin immer überall seine Geige dabeigehabt habe; später kam ein Cello dazu. Chaplin selbst berichtete, dass er jeweils zwischen vier und sechs Stunden täglich geübt habe. Selbst Claude Debussy war beeindruckt, als er den damals 20-Jährigen in den Pariser Folies Bergère erlebte.

Komponist ohne Noten

1913 sah Chaplin an der New Yorker Met erstmals eine Oper – Wagners «Tannhäuser». Er habe kein Wort verstanden, sagte er später, aber trotzdem bitterlich geweint. Kein Wunder: Sein Zugang zur Musik scheint überaus emotional gewesen zu sein. In vielen seiner Sketches und Filme spielt sie eine entscheidende Rolle, wobei er offenbar stets sehr klare Vorstellungen davon hatte, wie sie klingen sollte.

Bald begann er selbst zu komponieren – wobei er keine Partituren schrieb (er konnte keine Noten lesen), sondern Melodien und Stimmungen vorgab, die dann andere zum Soundtrack ausarbeiteten. 1973 trug ihm dies gar einen Oscar ein, für die Filmmusik zu «Limelight».

Da erstaunt es kaum, dass er den Kontakt zu grossen Musikern suchte – und dass diese ihn schätzten: In den USA begegnete er unter anderen Rachmaninow, Horowitz, Strawinsky, Eisler und Schönberg; später, in der Schweiz, besuchten ihn der Geiger Isaac Stern oder die Pianisten Arthur Rubinstein und Clara Haskil.

Nach dem Essen, so berichtete Chaplins Tochter Josephine später, habe man jeweils bei Kerzenlicht klassische Schallplatten gehört. Ob sich ihr Vater je zu Brahms’ Musik rasiert hat, ist dagegen nicht bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2018, 09:03 Uhr

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