«Es ist wie Pingpong»

Stardirigent Christian Thielemann gibt immer wieder zu reden: mit grandiosen Interpretationen und streitbaren Äusserungen. Nun kommt er mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden nach Luzern.

«Ich finde es ja bis heute seltsam, dass man einen Frack anzieht»: Christian Thielemann dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden. Foto: Matthias Creutziger

«Ich finde es ja bis heute seltsam, dass man einen Frack anzieht»: Christian Thielemann dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden. Foto: Matthias Creutziger

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Wenn Sie dirigieren, hat man den Eindruck, Sie stehen auf einem Grat: Auf der einen Seite der Rausch, auf der anderen die totale Kontrolle. Wie bleiben Sie oben?
Das ist das Grundproblem bei diesem Beruf. Sie müssen die rauschhaften Momente voll auskosten, sonst bleiben Sie der Musik etwas schuldig. Gleichzeitig müssen Sie die Kontrolle behalten.

Oder die Macht?
Ich weiss nicht, ob man von Macht reden soll. Schauen Sie, geführt werden muss, die Orchester möchten das ja auch. Wenn Sie in der Probe die Intonation nicht korrigieren, gehen die Musiker in die Pause und sagen: Der hat keine Ohren. Es ist alles eine Frage des Tons. Wenn der anständig ist, kann man sehr pingelig sein.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Ihren Orchestern?
Musikalisch sollte es fast osmotisch sein, so eng wie möglich. Persönlich – da ist man manchmal Kumpel und manchmal Chef, das muss man gut dosieren. Wenn ich merke, dass mir die Musiker etwas anbieten, lasse ich sie auch mal eine Zeit lang machen. Dann wieder gibt es Dinge, da sage ich, wie ich sie haben will. Es ist wie Pingpong, man spielt sich die Bälle zu. Mit Orchestern, die ich länger kenne, funktioniert das magisch.

Schätzen Sie deshalb langfristige Zusammenarbeiten? Sie haben in Dresden bis 2024 verlängert.
Ich finde es ja eigentlich schade, dass ich nicht mehr so viel gastiere, ich würde gern all die wunderbaren Angebote annehmen, die ich bekomme. Aber es ist besser, wenn ich auf mein eigenes Konto einzahle. Wenn ich mich also auf Dresden und Bayreuth konzentriere, dazu auf die Berliner und die Wiener Philharmoniker. Diese Orchester kennen mich so gut, die merken die geringste Veränderung. Wenn ich eine etwas andere Bewegung mache, reagieren die sofort.

Sie dirigieren ruhiger als früher.
Man kommt weiter mit weniger. Ich habe früher mit dem Gesicht viel mitgemacht, habe in der Oper Text mitgesprochen – das habe ich mir abgewöhnt. Ich gucke die Leute zwar intensiv an, aber ich grimassiere nicht. Auch meine Gestik versuche ich zu reduzieren. Wenn ich kleiner schlage, wächst die Aufmerksamkeit im Orchester. Je mehr einer vorne herumturnt, desto weniger gucken die Musiker hin. Nun gut, man muss da durch: Wenn ein Junger klein dirigiert, sagen die Orchester, der hat ja gar kein Temperament. Aber mit dem Alter kann man gelassener werden.

Auch gegenüber Kollegen? Andris Nelsons hat 2016 vor der «Parsifal»-Premiere Bayreuth verlassen. Es hiess, Sie hätten ihm dreingeredet.
Das war eine Ente. Da war wirklich nichts vorgefallen, ich habe mich nie eingemischt. Wenn Leute sagen, der Thielemann sitzt in der Probe und meckert rum, dann ist das gelogen. Ich will doch keine guten Dirigenten vertreiben! Wir engagieren in Bayreuth die besten, die wir kriegen können. Und es ist ja nicht mehr so, dass man aus dem Vollen schöpfen könnte: Von den grossen Alten sind nur noch wenige übrig, die Jungen sind noch nicht so weit. In meiner Generation gibt es leider ein Dirigentenloch.

Wie kommt das?
Ich weiss es nicht. Vielleicht hat es mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun? Dass da eine Elterngeneration fehlte, die den Nachwuchs hätte fördern sollen?

Warum sind Sie selbst eigentlich Dirigent geworden?
Zuerst wollte ich Organist werden. Ich habe versucht, mir das Orgelspiel selber beizubringen. Wenn du Klavier spielst, dachte ich, ist das kein Problem. Aber ich bin gescheitert, mit den Pedalen, den verschiedenen Manualen. Und ich habe mir gleich noch die Klaviertechnik verdorben, meine Lehrerin hat sehr geschimpft. Also habe ich mich gefragt: Was hat denn sonst so viele Farben wie die Orgel? Das Orchester! Und wer nimmt das Orchester in Betrieb? Der Dirigent! So kam das. Und nicht, weil ich Karajan erlebt hätte oder so. Ich finde es ja bis heute seltsam, dass man einen Frack anzieht und sich verbeugt vor dem Publikum.

Aber Karajan war schon wichtig für Sie, nicht? Sie waren sein Assistent.
Es gab zwei Karajans. Den einen habe ich in privater oder halbprivater Runde erlebt; da habe ich immer gestaunt, wie lustig und entspannt und normal er war. Auf der anderen Seite war das eine Zeit, als man begann, sein Image zu pflegen. Er hat sich schon sehr inszeniert.

Frühere Dirigenten taten das nicht?
Nein, darum mag ich die ja so. Wenn Sie einen Knappertsbusch sehen auf Fotos: Der war ordentlich angezogen und gekämmt, aber es ging nicht um die äusserliche Wirkung. Oder Furtwängler: Alles andere als elegant. Auch Bruno Walter oder Erich Kleiber waren einfach so, wie sie waren. Ehrliche Musiker.

Auch musikalische Vorbilder?
Wenn ich bei Knappertsbusch ein Tempo toll finde oder einen Übergang – dann könnte es sein, dass ich mich daran ein bisschen orientiere. Aber ich nehme nur, was mir gefällt. Was mir nicht gefällt, nehme ich nicht. Ich würde sagen, ich bin ein kritischer Traditionalist.

Auch politisch? Sie gelten als konservativ und wurden auch schon als «AfD-Versteher» kritisiert.
Da müsste man erst einmal definieren, was konservativ heisst! Und: Manchmal wird einem das Wort im Mund umgedreht. Hätte man das im Voraus gewusst, hätte man vielleicht mehr Wischiwaschi gesprochen . . . Ich finde nicht, dass ein Künstler seine politische Meinung äussern sollte. Es geht niemanden etwas an, ob einer insgeheim Kommunist wird – was ich natürlich nicht tue.

Ihnen müsste eher die «Erklärung 2018» entsprechen, mit der deutsche Kulturschaffende und Intellektuelle eine Begrenzung der Einwanderung gefordert haben.
Ich unterschreibe nichts, ich äussere mich nicht zu Parteien und bin nirgendwo Mitglied. Ich bin völlig unabhängig. Aber natürlich finde ich es gut, dass Bewegung in die Diskussion kommt. Die Zeit der 68er ist vorbei, die merken jetzt langsam, dass ihnen die Dinge entgleiten. Dass eine neue Generation kommt, so wie sie damals gekommen sind und die anderen niedergebrüllt haben.

Jetzt brüllen andere.
Der Ton macht mir Sorgen, ich kann keine Talkshows mehr sehen. Alle reden durcheinander, fallen übereinander her – grauenvoll. Ich bin anständig erzogen worden und finde es wichtig, dass man sich gut benimmt. Wir kommen alle besser miteinander aus, wenn wir Stil haben.

Aber?
Es ist doch nur gut, wenn junge Leute kommen und die Dinge hinterfragen. Genauso unverschämt wie die 68er früher. Es ist nie schlecht, zu reden.

Migros-Kulturprozent-Classics: Christian Thielemann dirigiert von Weber, Liszt, Brahms. Luzern, KKL, 31. Mai, 19.30 Uhr. 18.30 Uhr: Vorkonzert mit der Schweizer Cellistin Chiara Enderle. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2018, 23:13 Uhr

Christian Thielemann

Dirigent

Der 1959 in West-Berlin geborene Thielemann ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Ausserdem ist er Musikdirektor der Bayreuther Festspiele und leitet die Salzburger Osterfestspiele. (Red)

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