Einer, der sich kümmerte

Der Schweizer Komponist Klaus Huber ist 92-jährig gestorben. Er gehörte zu den Grossen der Neuen Musik. Sein Werk sah er als Reaktion auf den empörenden Zustand der Welt.

Besass ein Gespür für die Ambivalenz einer jeden wahrhaftigen Kunst: Der Schweizer Komponist Klaus Huber, der 92-jährig gestorben ist.

Besass ein Gespür für die Ambivalenz einer jeden wahrhaftigen Kunst: Der Schweizer Komponist Klaus Huber, der 92-jährig gestorben ist. Bild: Martin Ruetschi/Keystone

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Ein Komponist wie Klaus Huber wollte, nein, er musste sich einmischen in den Weltlauf, ins Bewusstsein vom Zustand der Welt im Kalten Krieg. «Die Herausforderung durch die konkreten Verhältnisse unserer Gegenwart ist so übermächtig», schrieb er 1983, mitten in der deutschen Nachrüstungsdebatte, «dass wir – nicht nur wir Künstler – wie gelähmt zurückbleiben».

Huber versank aber nicht in Depression, er gewann aus der entmutigenden Weltlage, Schwung zu neuen Ansätzen einer alarmierenden Avantgardemusik. Seine gewichtigste Partitur dieser Jahre trug den Titel «Erniedrigt, geknechtet, verlassen, verachtet». Die Schlüsselworte verdankte Huber dem «Kommunistischen Manifest».

Musik als Schrei und Aufruhr

Der 1924 in Bern geborene, in Zürich als Geiger und Komponist ausgebildete Klaus Huber besass ein Gespür für die Ambivalenz einer jeden wahrhaftigen Kunst. «Ich bin mir der Absurdität meiner Situation als Komponist inmitten des satten, übersatten, immer wahnsinniger nuklear aufgerüsteten Europas wohl bewusst. Diesen Grundwiderspruch mit seiner ganzen Neurose habe ich versucht mitzukomponieren.»

Hubers aufrüttelndes politisches Oratorium für Solostimmen, Orchester und Chor in mehreren Gruppen, Mikrofone, Tonbänder und Video, von mehreren Dirigenten geleitet, verwendet poetische Texte des linken nicaraguanischen Dichters und Politikers Ernesto Cardenal, den Huber besucht hatte, daneben Texte der Bibel und Zeugnisse von gefolterten Gefangenen aus Entwicklungsländern. Aufruhr, Schrei, Einspruch gegen jede Gewaltherrschaft, Mitleiden, Hoffen auf die Chancen einer besseren Welt, das alles bebt in dieser Musik.

Huber hatte bis dahin Kammer- und Vokalmusik komponiert, in freier Adaption zwölftoniger oder serieller Schreibtechniken, inspiriert von den mystischen Dichtungen aus Mittelalter und Barock. Musik der Transzendenz, des Suchens wie in der Kantate «Des Engels Anredung an die Seele» oder, zum Dürer-Jahr 1971, im Oratorium nach dem Wort des Malers «inwendig voller Figur».

Schon in Hubers Werktiteln fanden stets poetischer Eigensinn und existenzieller Tiefsinn zueinander: «Ein Hauch von Unzeit» reagierte auf «Die umgepflügte Zeit» – die Raummusik von 1990. Und 2001 liess Huber die dunkel glühende Oper «Schwarzerde» nach Mandelstam folgen, dem russischen Poeten, der Opfer Stalins wurde.

Artifizielle Kunstmusik um ihrer selbst willen interessierte Klaus Huber lange wenig, älter werdend fand er sogar zu neuen Sprachen und Inhalten, zu neuer künstlerischer Identität. Er öffnete sich der orientalischen Musikkultur, den arabischen Dichtungen und Tonsystemen, liess die Mikrotonalität in seine Musik hinein, knüpfte Kontakte zu Musikern der arabischen Kultursphäre. Der dazu gehörende Stücktitel bleibt im Gedächtnis: «Die Seele muss vom Reittier steigen».

Die schöne Freiheit

Sein anderes Kapital schöpfte Klaus Huber aus dem Unterrichten. Er war ja gelernter Lehrer und hatte 1947 bis 1955 im Berner Oberland unterrichtet. Später, nach dem Musikstudium, lehrte er Komposition in Luzern und Basel, ehe er 1973 an die Musikhochschule Freiburg im Breisgau berufen wurde. Diese Professur für Komposition an der Musikhochschule Freiburg übte er bis 1990 aus. Zu den vielen Schülern gehörte der junge Wolfgang Rihm, der sich erinnerte, es habe bei Klaus Huber immer eine «schöne Freiheit» geherrscht, «nichts und niemand wurde ferngehalten, in aller Offenheit wurde besprochen, was sich lebendig zeigte».

Klaus Hubers künstlerische Aussagekraft offenbarte sich in den Regionen des Leisen, ebenso in Ausbrüchen eines kämpferischen Geistes, der Empörung über das Unrecht der Welt. Er gehörte zur Generation und in die Reihe der grossen Komponisten Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez und Hans Werner Henze. 2009 erhielt er den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, den «Nobelpreis für Musik».

Klaus Huber ist am Montag im Alter von 92 Jahren in seiner italienischen Wahlheimat Perugia gestorben. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 04.10.2017, 15:03 Uhr

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