Eine Begegnung mit Opernregisseurin Mariame Clément

Als Opernregisseurin ist Mariame Clément europaweit gefragt. Dennoch zieht es die Französin mit persischen Wurzeln immer wieder nach Bern. Zwischen zwei Proben erklärt die 35-Jährige, wieso, und verrät, weshalb sie hofft, dass das Berner Publikum nach der Premiere weint.

«Ich arbeite nicht nach vorgefertigten Konzepten, sondern beginne jede Arbeit bei null»: Mariame Clément. (Valérie Chételat)

«Ich arbeite nicht nach vorgefertigten Konzepten, sondern beginne jede Arbeit bei null»: Mariame Clément. (Valérie Chételat)

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«Bund»: Draussen ist es sonnig und heiss, Sie arbeiten seit Tagen drinnen im Theater ohne Tageslicht. Macht das nicht depressiv?

Mariame Clément: Wenn Arbeit so viel Spass macht, besteht keine Gefahr, depressiv zu werden.

Puccinis Oper «La Bohème» ist melancholisch, traurig, am Schluss sogar hoffnungslos . . .

. . . stimmt. Doch seltsamerweise wird gerade während der Proben zu tragischen Stücken viel gelacht und gewitzelt. Vielleicht, weil der Ernst dadurch erträglich wird.

Ist nach den Sommerferien die Disziplin im Ensemble ein Problem?

Nicht direkt. Aber die Arbeit an der Eröffnungspremiere hat tatsächlich Vor- und Nachteile. Dass die Sänger erholt sind, voller Energie und Tatendrang, beflügelt die Arbeit. Positiv ist auch, dass wir jetzt noch die Bühne praktisch für uns haben. Das ist ein Luxus in einem Repertoirehaus, wo verschiedene Stücke gespielt werden. Schwieriger war, dass die ersten Proben bereits im Juni stattfanden. So fühlte ich mich in der Sommerpause wie im Stand-by- Modus.

Über fehlende Aufträge können Sie sich nicht beklagen. Weshalb zieht es Sie immer wieder nach Bern?

Ich arbeite gerne mit einem Chor und Sängern, die ich schon kenne. Das gegenseitige Vertrauen hilft, effizienter und direkter zu arbeiten. Und es erlaubt, szenisch auch mal zu experimentieren.

Sonst geht das nicht?

Es ist schwieriger, wenn man sich nicht kennt. Die Bühnenarbeit ist delikat. Ein Sänger, der mit Leib und Seele in einer Rolle aufgeht, ist sehr dünnhäutig. Er reagiert betupft oder beleidigt, wenn man ihn korrigiert oder kritisiert. Solche Situationen sind dem Arbeitsprozess wenig förderlich.

Ein festes Ensemble sehen Sie als Vorteil?

Für die «Bohème», die in einer WG spielt, auf jeden Fall.

Humor und rasche Tempi sind Markenzeichen Ihrer Regiearbeit. Puccinis «La Bohème» ist ernst, intim, nach innen gekehrt. Müssen Sie Ihren Stil neu definieren?

Ich arbeite nicht nach vorgefertigten Konzepten, sondern beginne jede Arbeit bei null. Um Routine zu vermeiden, versuche ich immer wieder neue Wege zu finden, wie ich ein Werk angehe. Handwerklich macht es keinen Unterschied, ob man eine Tragödie oder eine Komödie inszeniert.

Die «Bohème» ist ein Publikumsliebling. Die Besucher werden mit Erwartungen ins Theater kommen. Macht das Angst?

Bei Opernhits ist der Druck grösser als bei unbekannten Stücken, denen das Publikum in der Regel viel offener und freier begegnet. Bei bekannten Stücken ist die Aufmerksamkeit für das Geschehen auf der Bühne geringer. Der Zuschauer kennt die Musik und lässt dazu den eigenen Film im Kopf ablaufen.

Heisst das, Sie müssen einen bekannten Stoff zuspitzen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen?

Es gibt Regisseure, die darauf schwören. Ich finde es uninteressant, ein Stück zu modernisieren und dann die Rechtfertigung nachzuliefern. Meine «Bohème» wird eher klassisch sein, sie spielt wie im Original um 1830, doch sie ist aktuell.

Was verstehen Sie unter aktuell?

Aktuell ist, was berührt. Mit einem Stück zu berühren, ist mein höchstes Ziel. Das heisst: Wenn das Berner Publikum am Schluss der «Bohème» nicht ein wenig weint, bin ich enttäuscht.

Wie wollen Sie das schaffen?

Ganz ohne Tricks. Es reicht, die Musik ernst zu nehmen und den Text richtig zu deuten.

Geben Sie ein Beispiel?

Es fällt der Satz «die Kerze ist erloschen». Das klingt unspektakulär, nebensächlich, ist es aber nicht. Die Kerze brennt hier nicht, weil es romantisch, sondern, weil es kalt ist. Es fehlt den Bohémiens das Geld, um die Stromrechnung zu bezahlen. Solche inneren Zusammenhänge gilt es aufzuzeigen.

Sie suchen die Poesie im Alltag?

Das interessiert mich. Die «Bohème» erzählt lebensnah von existenziellen Nöten im Künstleralltag. Es ist eine Herausforderung, dafür eine angemessene visuelle Sprache zu finden. Puccini war der Erste, der ein Alltagsthema auf der Opernbühne dargestellt hat.

Eine Premiere wird auch die Fernseh-Übertragung der «Bohème» aus einem Hochhaus im Berner Gäbelbachquartier. Der Chor des Stadttheaters und das Berner Symphonieorchester sind dabei. Sie nicht. Schmerzt es Sie, dass nicht Sie bei dem spektakulären Opern-Event Regie führen, sondern Ihre deutsche Kollegin Anja Horst?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Es ist ein anderes Projekt. Ich weiss zu wenig darüber. Aber es klingt spannend.

Heisst das, Sie werden die Inszenierung am Bildschirm verfolgen?

Wenn möglich – ich habe weder in meiner Wohnung in Bern einen Fernseher noch in Paris, wo ich zu Hause bin. (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2009, 10:15 Uhr

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