Dieser Mann macht das Nichts zu stiller Musik

Der rumänische Pianist Radu Lupu und sein meisterliches Schubert-Rezital: Glücksmomente im Kultur-Casino Bern.

Ein grosser Pianist mit einer mönchshaften Aura: Radu Lupu.

Ein grosser Pianist mit einer mönchshaften Aura: Radu Lupu. Bild: zvg

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Radu Lupu redet nie. Er verweigert jegliche Interviews, beantwortet keine Fragen, und das seit zwanzig Jahren. Anders als viele seiner jungen Pianistenkollegen, die gerne auf verbale Vermittlung setzen, lebt der rumänische Pianist konsequent die Überzeugung, dass es genügt, wenn er spielt. Am Meisterzyklus-Abend im Kultur-Casino hätte man ihm sogar recht gegeben. Ganz still und stumm wurde einem zumute ob der subtilen Klänge, die der bald 67-jährige Pianist dem Flügel entlockte. Lupu spielte so, dass man glaubte, er spiele nur für einen selbst. Ein bisschen weniger Licht im Saal, und der intime Charakter hätte auch äusserlich perfekt gestimmt.

Wie im Vorübergehen

Wie eine Sphinx sass Lupu auf dem Stuhl, den Rücken aufgerichtet an der Lehne, und verströmte eine mönchische Ruhe. Da gab es kein Wippen in seinem Tun, kein theatralisches Gestikulieren, wie man es von jungen Kollegen kennt, die damit ihr Spiel dramatisch aufzupeppen suchen. Lupus Finger huschten in massvollen Tempi über die Tasten. Die Hände kreuzten sich, die Läufe glitzerten. Ganz natürlich. Und hin und wieder lud er wie im Vorübergehen das rätselhafte Leise in Schuberts Musik mit Melancholie auf, dass es zu Tränen rührte.

Radu Lupu fokussierte sein Berner Rezital ganz auf Franz Schubert, einen Komponisten, dem er sich seit den Siebzigerjahren schwerpunktmässig und erfolgreich gewidmet hat: Seine Aufnahme der Schubert-Sonaten wurde mit einem Grammy ausgezeichnet. Dennoch war es ein Wermutstropfen, dass Lupu nicht spielte, was im Programm angekündigt war. Zu Schubert hätte er auch Werke von César Franck und Claude Debussy geplant gehabt. Kurzfristig entschied er, sich auf Schubert zu konzentrieren. Wieso, weiss nur er. Immerhin, er spielte. Andernorts hat der Rumäne kürzlich aus gesundheitlichen Gründen ganze Konzertabende abgesagt.

Geheimnisvolle Leerstellen

Vor der Pause also die vier Impromptus op. 142 (posthum): So klug und aus einem Guss, wie er die gute halbe Stunde zusammenfasst, kann man die vier Teile auch als Sonate hören. Und nach der Pause die Sonate B-Dur: Das Werk entstand 1828, in dem Jahr, in dem Schubert 31-jährig starb.

Es ist dennoch kein trister Schwanengesang. Der Pianist betont das Leichte, das Leichtfüssige. Der Nuancenreichtum seiner Artikulation ist atemraubend. Faszinierend, wie er gehaltene Akkorde mit überirdischen Trillern bespielt. Oder im musikalischen Fluss Pausen und Leerstellen einbaut, die sich wie Erinnerungen in einem Lebensfilm ausnehmen. Dass man das Nichts als stille Musik mithört, ist ein Geheimnis, das Radu Lupu perfekt beherrscht. Immer wieder bewegt er sich am Rand des Hörbaren und setzt damit Glanzlichter. Aus raunenden Sechszehntelbewegungen lässt er thematische Kerne wachsen, aus punktierten Achteln schält er das «Rosamunde»-Thema. Alles ist unaufdringlich, klar, transparent. Ein Hörgenuss voller Glücksmomente, in dem der Pianist dem Unaussprechlichen in der Musik ganz nahekommt. Der Wunsch, mit dem schweigsamen Künstler über die Rätsel der Musik und des Lebens zu reden, ist nach diesem Konzert umso stärker geworden. (Der Bund)

Erstellt: 29.02.2012, 13:20 Uhr

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