Wo Unlust ist, soll Lust werden

In Christoph Schaubs rätoromanischem Spielfilm «Amur senza fin» empfiehlt ein Pfarrer «Kamasutra».

Ein Priester (Murali Perumal) bringt Leben ins Dorf. Foto: PD

Ein Priester (Murali Perumal) bringt Leben ins Dorf. Foto: PD

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Obwohl mans uns als Nation nicht so recht zutraut: Das ganze Spriessen, Aufschiessen, Verdorren oder Über-den-ehelichen-Hag-Wuchern der Sexualtriebe ist als Thema schwer im Schwang dieses Jahr, vor allem in Film und Fernsehen. Nun hat es in Christoph Schaubs Fernsehfilm «Amur senza fin» das rätoromanisch sprechende Bünden erreicht, wo man sehr katholisch ist, aber sexualpsychologisch auch nicht hinter dem Mond.

Tragikomik überall

Ein freigeistiger Katholizismus beatmet in Sagogn in der Surselva sogar eine erlahmte und muffig gewordene Einfallskraft in Sachen Körperlichkeit. Mit der seelischen Liebe allein ist es ja nicht immer getan; insbesondere einigen Sagogner Ehefrauen (der Mona, der Ladina, selbst der Giulia, obzwar sie eine Af­färe mit Monas Mann hat) ist zumute, als lasse man sie am ausgestreckten Arm verhungern, emotional und sexuell.

Denn die Energie der Männer (des Gieri, des Silvio, des Urs) und ihre wahre Lust sind scheints ganz investiert in die Steinbockjagd und den Marathonlauf. ­Wobei es beim Gieri, Monas Mann, doch etwas komplizierter ist, seine häusliche Abstinenz – jetzt einmal abgesehen davon, dass man halt nicht mehr 20 ist – kommt von einer kuriosen fremdgängerischen Selbstverpflichtung zu einer Art monogamen Polygamie.

Überhaupt verbergen sich hinter den individuellen Unlüsten tie­fer­rei­chen­de männliche Dramen, sie haben etwa mit der geheim zu haltenden Erkenntnis der eigenen Würstchenhaftigkeit zu tun. Und mit der Mühsal der vergeblichen Versuche, in einer Beziehung bei aller Liebe doch immer die Hosen anzuhaben. Tragikomik überall: Darin steckt die Essenz von Wirklichkeit.

«Amur senza fin» - Trailer. Quelle: Youtube

Der komische Kitzel kommt aber von der Haupthandlung in der erotischen Wüstenei: von der segensreichen Ankunft eines deutsch-indischen Priesters (Murali Perumal), der die Dia­lektik von Selbstliebe und Nächstenliebe predigt und in diesem Zusammenhang das «Kama­sutra» in seinen feinen Raffinessen empfiehlt, also über die einfache «Krabbenstellung» und die «Schubkarre» hinaus auch die «Liane» und gar den «lüsternen Beinstrecker».

Das bringt Begierden und Seelen durcheinander, und als es zu ­Ende ist und alles herausgekommen, herrscht eine schöne Parität von wiedererweckter Liebe, Töpfchen, die ihr Deckelchen ­gefunden haben, und nicht mehr zu kittenden Scherben. Von ­filmischen Kühnheiten ist nichts zu berichten, man ist jedoch ganz zufrieden mit der charmanten Routine einer intelligenten Harmlosigkeit.

Von ­filmischen Kühnheiten 
ist nichts zu berichten.

Eine Sprache voll Melodie, dieses Rätoromanisch. Es spielen mit ihrem angeborenen Sprachgehör unter anderem: Rebecca Indermauer (Mona), Anita Iselin (Ladina), Tonia Maria Zindel (Giulia), Bruno Cathomas (Gieri), Rene Schnoz (Silvio) und Beat Marti (Urs), grazia fitg per tut! Es ist im Übrigen nicht der erste rätoromanische Spielfilm, wie behauptet wurde. Das Etikett gebührt Dino Simonetts «La rusna pearsa» von 1993, einer in die Schamsertaler Mystik greifenden Geschichte. Tonia Maria Zindel hatte schon damals daran teil.

Sicher ist es aber der erste ­rätoromanische Spielfilm, der von einem US-Verleih gekauft wurde. Auf Englisch heisst er «Hide and Seek»; die Cinema Management Group (CMG) aus Los Angeles plant nun einen ­Kinostart in den USA, wie gestern berichtet wurde. Oder sogar ein Remake?

Verschiedene Vorstellungen morgen am Tag des Kinos. Am 23. Sept. auf SRF 1, um 20 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 21:13 Uhr

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