Wir werden Frank Underwood vermissen

Die Dreharbeiten zur Erfolgsserie «House of Cards» werden fortgesetzt – ohne Kevin Spacey.

Fünf Staffeln lang mimte Kevin Spacey den machthungrigen, skrupellosen Politiker Frank Underwood in «House of Cards». Foto: Nathaniel E. Bell (Netflix)

Fünf Staffeln lang mimte Kevin Spacey den machthungrigen, skrupellosen Politiker Frank Underwood in «House of Cards». Foto: Nathaniel E. Bell (Netflix)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frank Underwood, ein Meister der Intrige und der Heuchelei, ein Mörder, wenn es sein muss, und auch sonst erfolgreich unterwegs, wenn es darum geht, Macht zu erlangen, was ihn zum Präsidenten der USA hat aufsteigen lassen – er ist ausgerechnet von dem Mann desavouiert worden, der ihn am besten kannte: Kevin Spacey, der amerikanische Schauspieler. Der hat Frank Underwood in der Serie «House of Cards» gespielt. Fünf Staffeln lang.

Jetzt ist Schluss. Als ruchbar wurde, dass Kevin Spacey junge Kollegen systematisch sexuell bedrängt oder missbraucht hatte, kündigte der Streamingservice Netflix an, die letzte Staffel ohne Spacey zu drehen. Immerhin bleibt Claire Underwood im Weissen Haus, Franks Frau, über die er sagte, er liebe sie wie der Hai das Blut.

Frank Underwood weiss, dass die meisten Menschen so verlogen sind wie er, bloss weniger raffiniert.

Die Haltung von Netflix lässt sich vertreten, auch wenn es dem Unternehmen wohl mehr um Image geht als um Moral. Was bei Kevin Spacey und anderen Fällen stört, ist die Feigheit des Kollektivs: dass im Nachhinein alle sagen, sie hätten es im Vorhinein immer gewusst. Spacey hat offensichtlich nicht damit gerechnet, wie schnell alle von ihm abfallen würden. Seine Figur wäre von nichts anderem ausgegangen. Frank Underwood weiss, dass die meisten Menschen so verlogen sind wie er, bloss weniger raffiniert.

Und trotzdem sahen wir zu, wie der Politiker mit dem öligen Lächeln seine Macht verteidigte. Wir verabscheuten, was er tat, aber wir wollten, dass es ihm gelänge, fasziniert von der Kälte der Figur, ihrer taktischen Brillanz. Genau so, wie William Shakespeare Richard III. gezeichnet hatte, Underwoods mittelalterliches Vorbild.

Was Kevin Spacey jetzt widerfährt, hätte er bei Shakespeare lernend voraussehen können: Solange du Macht hast, kannst du sie lange brauchen und missbrauchen. Hast du keine mehr, lassen sie dich fallen.

Video: Netflix schickt Kevin Spacey in die Wüste

Als Reaktion auf die Vorwürfe gegen Kevin Spacey hatte Netflix die Produktion vorläufig gestoppt. Video: TA/Reuters (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 09:03 Uhr

Artikel zum Thema

Die sechste Staffel «House of Cards» kommt

Das Serien-Finale soll sich auf Robin Wright konzentrieren. Mehr...

Wie löscht man ein Idol?

Analyse Kevin Spacey wird wegen Missbrauchsvorwürfen aus einem Film herausgeschnitten. Ähnlich wurde schon früher mit gefallenen Stars umgegangen. Funktioniert das? Mehr...

Kevin Spacey im freien Fall

Seit Jahren hat der Schauspieler junge Männer belästigt und genötigt. Nun ist seine grossartige Karriere abrupt beendet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Riesig hohe Surfwellen: Vor der portugisischen Küste befindet sich im Meer der Nazare Canyon eine über 230 Kilometer lange Schlucht mit einer Tiefe von bis zu 5000 Metern, deshalb entstehen hier die beliebten Wellen.
(Bild: Rafael Marchante) Mehr...