«Wir leben in einer neuen Welt»

Am Mittwoch erhalten Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal für «Mary & Johnny» den Berner Filmpreis. Die Regisseure fordern, dass sich die Filmförderung auf die digitale Ära einstellt. Und kündigen eine weitere Horvath-Verfilmung an – Schauplatz: Bern.

«Und nun hats funktioniert, und schon ist es Mainstream»: Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz.

«Und nun hats funktioniert, und schon ist es Mainstream»: Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz.

(Bild: Valérie Chételat)

Regula Fuchs

Jetzt hat also «Mary & Johnny», «ä schmuddlige chline Film», wie der Erzähler sagt, den Berner Filmpreis gewonnen. Hätten Sie erwartet, dass die Jury künstlerische Waghalsig- keit stärker gewichtet als Perfektion?
Samuel Schwarz:Was ist denn Perfektion heute überhaupt? Es gibt hochaufgelöste Filme, schlecht aufgelöste Filme, verschiedene Zugriffe, Wahrnehmungen. Das ist alles relativ. Im Vorfeld erklärten die Förderstellen ihre Ablehnung ja mit fast allem, was den Film nun ausmacht: Die Erzählerstimme aus dem Off sei unmöglich, die kurze Drehzeit, eine Ex-Miss in der Hauptrolle. Und nun hats funktioniert, und schon ist es Mainstream. Unsere Schauspieler werden zurzeit für einen Film nach dem anderen gecastet.

Wie kommt man auf die Himmelfahrtskommando-Idee, inmitten des Zürifäschts und des WM-Rummels 2010 einen Film drehen zu wollen?
S. S.:Bei der Euro 08 in der Schweiz beobachteten wir, wie der Mega-Kapitalismus die Städte in Beschlag nahm und wie die lokalen Gewerbler das Gefühl hatten, sie könnten daraus Profit schlagen – und dann blieben die Festbänke leer. Die Finanzkrise und vor allem ihre Auswirkungen auf die kleinen Leute, das wollten wir thematisieren. Und warum dafür nicht die Ressourcen nutzen, die da sind? Also die Stadt als Kulisse. Das hatte natürlich auch finanzielle Gründe.

Mit einem solchen Drehort setzten Sie sich dem Unvorhergesehenen ja völlig aus.
S. S.:Unsere Planung war noch strenger, effizienter, militärischer als normal. Was spontan wirkt, war nur möglich dank der guten Vorbereitung. Die gab uns den Raum, innerhalb des Geplanten auch die Unschärfen, die Ränder zu erwischen. So kann eine Szene, die man nur so nebenbei dreht, plötzlich ganz wichtig werden.
Julian M. Grünthal:Dafür haben wir im Voraus viel trainiert. So inszenierten wir das ganze Drehbuch mit Schauspielstudenten, um herauszufinden, wie wir die Vorlage von Ödön von Horvath umsetzen wollten. Oder wir gingen an einen Fussballmatch und probierten eine zentrale Szene aus, inmitten der Fussballfans.

«Mary & Johnny» hat kein Geld von staatlichen Förderstellen bekommen. Warum glaubte keiner an den Film?
S. S.: Es gab viele, die daran glaubten – private Sponsoren, der Profi-Cast und die Profi-Crew, die alle ohne Bezahlung mitgemacht haben. Nur die Förderstellen der öffentlichen Hand zogen nicht mit.
J. G.:Es hiess, die Sozialkritik sei nicht mehr zeitgemäss – und das kurz vor der Finanzkrise. Oder die Dialoge seien zu theatralisch. Es wurde auch angekreidet, dass es keine klar sympathische Hauptfigur gibt, mit der das Publikum mitleidet. Ohne das gehe es nicht.

Hat die Ablehnung von Fördergesuchen nicht auch damit zu tun, dass sich ein Filmer zuerst beweisen muss, bevor er berücksichtigt wird?
S. S.: Nein, das zählt nicht. Manche Filmemacher wie etwa Stina Werenfels, die mit «Nachbeben» einen bestechenden Film gemacht hat, der unkonventionell produziert und trotzdem erfolgreich war, werden sogar abgestraft dafür und kriegen keine Fördergelder mehr. Wahrscheinlich, bis sie sich dem System wieder beugen und keimfreie Ware anbieten.

Wollen Sie damit sagen, dass – im konkreten Fall – das Bundesamt für Kultur nur fördert, was ihm ästhetisch in den Kram passt?
S.S.:Die ästhetisch-moralischen Vorbehalte sind manchmal auch nur ein Vorwand für Ablehnungen. Es geht da auch um Macht und Neid – und es fehlt eine Qualitätskontrolle der Evaluationen. Wir hatten kürzlich mit Frédéric Jauslin, dem Direktor des BAK, ein Gespräch, in dem wir unsere Bedenken formulieren konnten: Das BAK scheint derzeit logistisch überfordert, und das Rotationsprinzip wird nicht eingehalten, das heisst, es sitzen immer dieselben Leute in den Kommissionen. Die Filzgefahr ist sehr gross. Das BAK hat im Rahmen von Verbandssitzungen Verbesserungen versprochen. Bis jetzt ist aber nichts passiert.

Sie bekommen aber vom BAK eine Projektförderung für «Der Polder».
J. G.: Ja, aber nicht für den Kinofilm «Der Polder», sondern nur für dessen transmediale Auswertung – das ist ein sehr kleiner Beitrag, der zudem an die Realisierung des Films gekoppelt ist.
S. S.: Wir stecken mitten in der Finanzierung. Gut für uns ist, dass wir auch wegen der Aufmerksamkeit, die «Mary & Johnny» an internationalen Festivals erhalten hat, für das transmediale Projekt «Der Polder» bereits Fördergelder in Deutschland und Brüssel sowie vom SWR und vom Schweizer Fernsehen generieren konnten.

Warum gabs denn vom Ausland Geld, von der Schweizer Filmförderung aber nicht?
S. S.: Noch nicht! Es ist ja erlaubt zu hoffen, dass auch beim BAK ein Bewusstsein für zeitgemässe Ansätze des Storytelling entsteht. Seit zehn Jahren, seit Youtube aufkam, leben wir in einer völlig neuen audiovisuellen Welt. Der Schweizer Film scheint aber bis jetzt immer noch das Zelluloid schützen zu wollen. In dieser neuen Welt ist es möglich, mit einer guten Idee in einem Tag einen Film zu drehen, der auf Youtube eine Million Klicks generiert. Man interagiert mit der Community, kreiert transmediale Kampagnen, lässt die Leute am Prozess teilhaben. So wie bei der Serie «Mad Men», als eine Bloggerin zwischen zwei Staffeln eine Figur weiterentwickelte und die Macher das dann einbauten. Wir haben uns intensiv in diese Richtung weitergebildet und wollen einen Paradigmenwechsel herbeiführen.

Also liegt der Knackpunkt darin, dass die Definition dessen, was ein Film sei, unscharf geworden ist?
S. S.: Ja. Die Spielfilmförderung, wie sie das BAK – noch – betreibt, ist wie die Subventionierung der Bauern. Da wird eine Illusion von Swissness generiert, ein Bild davon, wie der Schweizer Spielfilm sein soll – ländlich, moralisch sauber, leicht links, aber nicht zu sehr. Und am Ende produziert man einen Film nur noch deswegen, weil man Subventionen dafür bekommt – an den brisanten Themen und Ästhetiken vorbei. Als Folge davon herrscht im Spielfilm dieselbe lieblose Homogenität wie bei den Bauern – über jedem Hof hängt derselbe Aromat-Geschmack. Dabei wäre es wichtig, dass der Staat dem Publikum auch Filmerfahrungen ermöglicht, die erschreckend oder verunsichernd sind – wie bei einem Michael Haneke, einem Lars von Trier, einer Susanne Bier. Das wäre Staatskunst, die so viel internationale Relevanz hätte, dass den Kulturabschaffern von rechts die Argumente fehlen würden.

Ihre Theatergruppe 400asa arbeitet seit Jahren multimedial. Muss man als Künstler des 21. Jahrhunderts mit allen Medien jonglieren können?
S. S.: Ja, aber es ist egal, ob man das im Rahmen eines Stadttheaters oder eines Studiosystems tut – es geht um eine Geisteshaltung. In unserer Arbeit suchen wir immer eine Möglichkeit, dass die Medien uns nicht schlucken, sondern uns eine Bewusstseinsveränderung ermöglichen. Die Leute merken auch wieder, dass das Theatrale, das Maskenhafte, spannend ist, bauen sich künstliche Charaktere im Internet und spielen damit.
J. G.:Die technische Entwicklung kommt unserer Arbeitsweise entgegen, wir können viel billiger und einfacher produzieren. Entscheidend ist nicht, dass man jedes Kameramodell kennt, sondern dass man die richtigen Mittel für seine Stoffe wählt. So sehen auf den hochaufgelösten HD-Fernsehern Hollywoodfilme plötzlich aus wie die Lindenstrasse. Darum wird sich ein Filmemacher künftig vielleicht entscheiden, mit weniger Auflösung zu drehen, um die Magie zu erhalten. Oder die Sehgewohnheiten passen sich an.

Womit sind Sie demnächst in Bern präsent?
S.S.:Im Juni kommen wir mit einem «Alternate Reality Game» nach Bern, mit Audio-Walks, Rätselspielen im Stadtraum und geheimnisvollen Castingshows.

Und auf der Leinwand?
J.G.: Es gibt einen weiteren Film, der auf einer Horvath-Vorlage beruht. «Der erste August» spielt 1936 in Bern und setzt sich mit der antifaschistischen Kultur auseinander. Uns schwebt dafür eine Crossover-Ästhetik à la «Sin City» oder «Moulin Rouge» vor, also kein historisch korrekter Film. Wir planen, in der Reitschule und der Brasserie Lorraine zu drehen.

Der Bund

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