Wie man Schwarze richtig beleuchtet

Wie rückt man Dunkelhäutige ins beste Licht? Die Kamerafrau der Hitserie «Insecure» erklärts – und korrigiert die Filmgeschichte.

Auch in der Bar bestens beleuchtet: «Insecure» mit (von links) Yvonne Orji, Natasha Rothwell, Issa Rae und Amanda Seales.

Auch in der Bar bestens beleuchtet: «Insecure» mit (von links) Yvonne Orji, Natasha Rothwell, Issa Rae und Amanda Seales. Bild: HBO

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«Insecure» heisst eine HBO-Comedyserie um zwei schwarze Freundinnen. Ihre Irrungen und Wirrungen sind so erfolgreich, dass jetzt gerade eine dritte Staffel bestellt wurde. Gelobt wird nicht nur das Tempo und der Witz der Komödie, sondern auch die Tatsache, dass die Hauptdarstellerinnen und ihre Freunde verdammt gut aussehen. Und das nicht (nur), weil sie besonders schön sind. Sondern, weil sie schön ausgeleuchtet sind.

Es ist nicht einfach, dunkelhäutige Darstellerinnen und Darsteller zu filmen, besonders in schummrigen Nachtclubs, in denen diese Serie oft spielt. Das wissen alle Kameraleute, aber was sie tun sollen, ist vielen unklar. «Als ich in der Filmschule war, sprach niemand darüber, wie man nicht weisse Menschen ausleuchtet», sagte die Kamerafrau Ava Berkofsky dem US-Internetmagazin «Mic». Sie gilt inzwischen als Spezialistin auf diesem Gebiet und wurde für die zweite «Insecure»-Staffel engagiert, um der Serie einen besseren Look zu geben. Ihr Geheimnis: reflektierende Schminke.

«Statt jemandem direkt ins Gesicht zu leuchten, versuche ich lieber, ihre Haut reflektieren zu lassen», erklärt die Kamerafrau. Diese Technik und ihre Auswirkungen gibt es jetzt in einem Film zu sehen, der in den sozialen Medien gerne geteilt wird. «This is dope», twitterte zum Beispiel Regisseur Barry Jenkins. Er muss es wissen, denn er kennt sich in der Problematik bestens aus: Mit dem «schwarzen» Film «Moonlight» gewann er im März den Oscar für den besten Film.

Wie sehen Schwarze besser aus? Einblicke im «Mic»-Film.

Aufschlussreich ist auch ein Rückblick in die Filmgeschichte. Denn sobald im weissen Hollywood Schwarze auftauchten – selten genug, aber wer erinnert sich nicht an den Klavierspieler Sam in «Casablanca»? –, sahen diese schlecht aus. Zu grell ausgeleuchtet, zu dunkel, häufig einfach daneben. Daran sind nicht nur die Kameraleute schuld. Sondern auch der führende Filmmaterialhersteller Kodak.

Den Standard für die Aufnahmen von Haut und Gesichtern in Hollywood setzten nämlich die Mitte der 1950er-Jahre entstandenen «Shirley Cards», benannt nach der Kodak-Angestellten Shirley Page. Sie stand Modell für ein allererstes Kartenset, mit dem Kameraleute ihre Kameras kalibrieren konnten. Wenn Shirley gut aussah, konnte man davon ausgehen, dass auch die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Leinwand gut aussehen würden – aber natürlich nur, wenn diese weiss waren wie Shirley und all ihre Nachfolgerinnen bis in die 1990er-Jahre.

Die Karten wurden zwar bereits Mitte der 1970er-Jahre kritisiert, aber nicht etwa wegen fehlender dunkelhäutiger Darstellerinnen und Darsteller. Nein, TV-Stationen bemängelten zuerst, dass man braune Holztöne nicht voneinander unterscheiden könne, wenn zum Beispiel Kommoden vor Holzwänden standen oder ein Film in einem Chalet spielte. Erst 1995 gab Kodak dann ein Kartenset heraus, in dem auch dunkelhäutige und asiatische Frauen Modell standen.
Eine «Shirley Card» aus dem Jahr 1966.

Richtig gut wurde es aber erst mit der Einführung digitaler Kameras. Und dem einflussreichen Film «Selma» (2014) von Ava DuVernay, der auch in Sachen Beleuchtung wegweisend war. Die Regisseurin überlegte sich einiges zur Beleuchtung ihrer dunkelhäutigen Schauspieler. Und kritisiert auch moderne Serien wie «Boardwalk Empire»: «Sobald darin schwarze und weisse Gesichter auf der Leinwand sind, sieht es einfach schlecht aus.»

In «Insecure» ist dies definitiv anders. Die Arbeit der Kamerafrau soll aber nicht nur Filmprofis etwas bringen, Ava Berkofsky gibt auch Ratschläge für dunkelhäutige Personen, die einfach im Nachtclub ein Selfie machen wollen: «Nahe bei einer sanften Lichtquelle stehen und sich zu drei Vierteln dem Licht zuwenden, sodass dieses nicht alles gleich stark beleuchtet.» Das Resultat sehe dann fast so aus wie ein Gemälde von Rembrandt.

«Insecure» wird im deutschsprachigen Raum auf Sky Atlantic ausgestrahlt (in der Schweiz via Teleclub). Es gibt die Serie auch als Stream auf Amazon oder iTunes

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2017, 09:09 Uhr

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