Kreuzzüge gegen sonntäglichen Schiesslärm und eingebildeteten Gasgestank

Charlie Chaplin wohnte 25 Jahre in Vevey. Er lebte wie ein Patriarch und drehte seine zwei letzten Filme.

Ein Ruhestand wars nicht: Hausherr Charlie Chaplin 1969 vor dem Manoir du Ban. Foto: François Gragnon (Paris Match, Getty Images)

Ein Ruhestand wars nicht: Hausherr Charlie Chaplin 1969 vor dem Manoir du Ban. Foto: François Gragnon (Paris Match, Getty Images)

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Als Charles Spencer Chaplin, der berühmteste Komödiant der Welt, sich am 17. September 1952 in New York auf der Queen Elizabeth einschiffte mit seiner Familie (wir reden von Oona, seiner vierten Frau, und bereits vier leiblichen Kindern aus dieser Ehe), da trug er eine Genehmigung zur Wiedereinreise in die USA in der Tasche. Aber wahrscheinlich hat ers geahnt, dass es dauern würde mit der Rückkehr.

Mehr Bilder zu Chaplins Jahren in der Schweiz finden Sie hier.

Er war ja im Kriegszustand mit Amerika, seit Amerika ihm die Liebe entzogen hatte, wie er fand. Er hatte erlebt, wie man seinen Film «Monsieur Verdoux» 1947 in Grund und Boden stampfte, weil die Filmkritik und das Komitee für unamerikanische Aktivitäten die Kunst massen am Hitzegrad ihres antikommunistischen Patriotismus, und mit ideologischer Servilität wollte Chaplin nicht dienen müssen.

Es war ihm damals der Kragen geplatzt, und er hatte in der englischen Zeitung «Reynold’s News» geschrieben, dass «ich mich entschieden habe, Hollywood und all seinen Einwohnern ein für alle Mal den Krieg zu erklären». Das war pathetisch und ein Beweis für ein cholerisches Temperament, aber man versteht es: ein Kongressabgeordneter hatte immerhin Chaplins Deportation gefordert, an einer Neujahrsfeier spuckte ein politisch erregter Gast ihm ins Gesicht und kurzum: Es schien vorbei mit der Zuneigung zum Tramp.

15 Zimmer, dazu noch Interieur

«Limelight», der Film über den alten Clown Calvero, der traurig hinüberglitt in die «Melancholie eines abendlichen Zwielichts», war seine letzte amerikanische Produktion – ein anspielungsreicher Abschied, der bei einer Pressevorführung in New York mit «feindseliger Kälte» zur Kenntnis genommen wurde, wie der Chaplin-Biograf Peter Ackroyd schreibt. Die Premiere war in London geplant, nach zwei Tagen auf See traf das Telegramm der US-Behörde ein, welches ankündigte, dass Charles Spencer Chaplin, sollte er eine Wiedereinreise ins Auge fassen, wie jeder Erstankömmling auf seine moralische und psychologische Stabilität überprüft würde, unter besonderer Berücksichtigung kommunistischer Neigungen.

Die finanziellen Angelegenheiten drüben wurden schnell und in aller Stille geregelt, materielle Sorgen drohten nicht. Ende 1952 kaufte Chaplin von einem amerikanischen Diplomaten und dessen altadeliger Frau das Manoir de Ban in Corsier-sur-Vevey, 15 Zimmer samt einigem Interieur, das aus Loire-Schlössern stammte (auch wurde scheints die Dienerschaft vorläufig übernommen, aber ohne die Livreen, auf denen die Vorbesitzer noch bestanden). Zu Dreikönig 1953 zog die Familie ein, Chaplin war nun 63, und soweit er ­Talent zum Glücklichsein hatte, war er, wie es heisst, glücklich in den folgenden 25 Jahren.

Der Tramp in seinen verhatschten Schuhen, der heute als Denkmal am Seeufer von Vevey steht mit Melone und Stöckchen, war ihm schon abhandengekommen. Es äusserte sich ein Bedürfnis nach behaglicher (und hablicher) Privatheit, und besser passte ihm jetzt die Rolle des silberhaarigen Patriarchen, der noch fruchtbar war und sich mehrte. Die Schweiz war da vermutlich eine Inspiration, eigentlich hatte es Chaplin ja nicht gern bergig, aber offenbar verliebte er sich in die erhabene Idylle aus Park, See, Alpenkranz und waadtländischen Steuergesetzen.

Chaplins letzter Film: «A Countess from Hong Kong» (1967). Quelle: Universal Movies/Youtube

Ein Ruhestand wars nicht. Es rumorten noch Stoffe in ihm, die Film werden wollten. Zwei Filme entstanden tatsächlich während seiner Schweizer Jahre, und die Diskussion, ob sie haben sein müssen, ist bis heute nicht beendet. Vielleicht hätte der letzte, «A Countess from Hong Kong» (1967), es wirklich nicht gemusst, das Bemerkenswerteste an ihm ist, dass er Chaplins einziger Farbfilm war. ­Marlon Brando und ­Sophia Loren finden darin zusammen, und was soll man sonst sagen? Sieht man das heute, ists, als betrachte man wie von weit eine schon seinerzeit aus der Zeit gefallene romantische Komödiantik; noch die höflichste Kritik damals nannte den Charme der «Countesse» hölzern.

Durchaus ein Querulant

Mit dem früheren Werk, «A King in New York» (1957), verhält es sich allerdings komplizierter. Zwiespältiger. Es floss sozu­sagen Herzblut aus einer offenen Wunde. Die Bitterkeit über die Vertreibung aus den USA (nichts anderes war das seltsame Telegramm ja gewesen) hielt sich hartnäckig. Sie beförderte in der Geschichte vom exilierten König Shahdov (Chaplin selbst), den es unter die Kommunisten und amerikanischen Kommunistenjäger verschlug, nun eben auch eine bittere Plakativität der liberalen Botschaft.

Und doch wars (und bleibt es) ein echter Chaplin in Szenen von allerfeinster Boshaftigkeit: in jener, in der ihm das frisch geliftete Gesicht zerstürzt, weil er lachen muss; durch die Erfindung des fürs Badezimmer gedachten Fernsehers mit Scheibenwischer – und keiner, garantiert, hätte es wie er zustande gebracht, gleichzeitig eine humanistische Debatte mit einem dogmatischen Zehnjährigen zu führen und beiläufig einem anderen Saububen, der ihm Papierkügelchen ins Genick gespuckt hatte, den Kopf mit heisser Suppe zu schamponieren. Sodass dies doch noch einmal ein königlicher Auftritt des Tramp war, der – mit den Worten des Chaplin-Bewunderers Alfred Polgar, der diesen Film nicht mehr gesehen hat – die Tücken der ­Objekte reichlich paralysierte durch die Tücke des Subjekts.

Ein «echter Chaplin», gedreht 1957 nach dem Umzug nach Vevey: A King in New York mit dem Meister selbst und Sohn Michael Chaplin. Quelle: Claudia8/Youtube

Später hat Chaplin angedeutet, die Schweiz und die dort häufig vorkommenden Exilanten aus der Königsklasse hätten ungemein inspirierend gewirkt; aber das war wohl nur ein weiterer freundlicher Tupfer in der schönen Geschichte einer guten Beziehung. Wie die Kinder von Vevey, die dem siebzigjährigen Charlot ein Liedchen sangen zu seiner Freude. Wie die Elefanten des Circus Knie, die ihre Knie vor ihm beugten. Er konnte, um im Übrigen die ganze Wahrheit zu sagen, auch anders. Die Behörden von Vevey, die ihm zum Willkommen eine goldene Uhr geschenkt hatten, bekamen es später zu tun mit einer durchaus querulatorischen und fast paranoiden Launenhaftigkeit. Chaplin im Bewusstsein seines Weltruhms war fähig, wahre Kreuzzüge zu führen gegen sonntäglichen Schiesslärm und eingebildeteten Gasgestank. Man kam aber doch zurande miteinander, und als über die Jahre die Kräfte schwanden, die guten und die bösen, wurde es still um ihn und vermutlich auch in ihm.

Charles Spencer Chaplin starb am frühen Morgen des 25. Dezember 1977 im Schlaf. Seine Villa, der Park, ein Museum und ein Kino bilden seit kurzem Chaplin’s World, eine begehbare Erinnerungslandschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2016, 18:52 Uhr

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