Was für einen Filmgeschmack hat ein Algorithmus?

Der Computer programmiert mit: Das Berner Kurzfilmfestival Shnit setzt neu auf Big Data, um die Perlen aus den Zehntausenden Filmen zu fischen.

Das Programm scannt Tausende von Filmen: Shnit-Leiter Olivier van der Hoeven nutzt digitale Unterstützung bei der Programmation des Festivals.

Das Programm scannt Tausende von Filmen: Shnit-Leiter Olivier van der Hoeven nutzt digitale Unterstützung bei der Programmation des Festivals.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Regula Fuchs

2015 waren zum ersten Mal über 10'000 Kurzfilme beim Berner Festival Shnit eingereicht worden. Bei der ersten Ausgabe, 2003, waren es 200, fünf Jahre später schon mehr als 1000, vor zwei Jahren über 7000. Shnit-Direktor Olivier van der Hoeven, der seit den Anfängen dabei ist, erklärt die Zunahme mit der grossen Ausstrahlung des Festivals, das gleichzeitig in mehreren Städten weltweit stattfindet: «Diese Playgrounds sind natürlich Multiplikatoren. An jedem Ort werden auch lokale Filme für die nationalen Wettbewerbe eingereicht.»

Nadeln im Heuhaufen

Aus über 10'000 Kurzfilmen ein Programm mit ungefähr 200 Werken zusammenstellen – das ist etwa so, wie 200 Nadeln in einem Heuhaufen zu suchen. Also ein riesiger Berg Arbeit für die Handvoll Heinzelmännchen, die in der Shnit-Programmkommission die Filme visionieren. Darum hat Shnit nun neu eine Gebühr auf alle Einreichungen für den internationalen Wettbewerb eingeführt. «Die Festivalszene ist im Umbruch, was Gebühren angeht», sagt van der Hoeven. «Festivals wie Cannes, Locarno, Sundance oder Tampere verlangen eine Gebühr für Kurzfilme. In Oberhausen oder Clermont-Ferrand gibt es noch keine. Aber diese Festivals haben auch bedeutend weniger eingereichte Filme als wir.»

Die 20 bis 50 Franken, die Shnit pro Film – je nach Länge – verlangt, sollen eine kleine Hürde darstellen für jene Filmemacher, die ihre Werke flächendeckend streuen. «Wir wollen die Urheber dazu bringen, sich bewusst für oder gegen unser Festival zu entscheiden – und so nicht zuletzt auch erreichen, dass wir weniger Filme ablehnen müssen», sagt van der Hoeven. «Wir konnten letztes Jahr von den 10 000 eingereichten Kurzfilmen 0,6 Prozent zeigen. Das heisst, wir mussten von hundert Filmen bei mehr als 99 Nein sagen.»

40'000 Kurzfilme pro Jahr

Die schiere Masse soll also eingedämmt werden. Andererseits, und das mutet auf den ersten Blick etwas paradox an, hat man bei Shnit die Ambition, auch alle anderen Filme, die hier nicht eingereicht werden, in die Programmation einzubeziehen: «Jährlich werden vermutlich etwa 40 000 Kurzfilme gedreht. Ein Viertel davon kommt zu uns. Was aber ist mit dem Rest? Gibt es darunter Filme, die nicht an uns vorbeigehen dürfen?», fragt van der Hoeven. Mit anderen Worten: Shnit sucht sich noch zusätzliche Heuhaufen. Das aber ist keine Angelegenheit mehr für menschliche Spürnasen – hier kommt ein Algorithmus ins Spiel.

Gemeinsam mit einer englischen Firma hat Shnit ein digitales Instrument entwickelt, das die «relevanten Filme», wie van der Hoeven sagt, finden soll. Es analysiert alle wichtigen Filmquellen, vor allem Auszeichnungen, Festivals und Online-Plattformen, und sortiert dann die Filme nach vorgegebenen Kriterien. «Wir sehen beispielsweise, dass ein Film bei zwei Festivals im Wettbewerb war, je nach dem sogar einen Preis gewonnen hat. Damit ist er relevanter als ein anderer Film, der nur Out of Competition gezeigt wurde.»

Der Algorithmus zapft also ein kollektives Wissen darüber an, wie ein Film in der Festivallandschaft unterwegs ist. Und siebt aus dem Gros der Filme die für Shnit möglicherweise relevantesten 1000 Filme aus. Gesehen hat sie bis dahin noch niemand. Ganz ohne ein menschliches Auge geht es allerdings nicht – die letzte Auswahl trifft die Programmkommission, die diese computergenerierte Auswahl zusätzlich zu den eingesandten Filmen visioniert.

Reisekosten sparen

Drei Jahre hat man bei Shnit an dieser Suchmaschine gearbeitet – das «Tool», wie es van der Hoeven nennt, soll Ende Jahr lanciert werden, sein Name ist derzeit noch geheim. Seine Entwickler hoffen, dass auch andere Festivals den Nutzen davon erkennen. «Manche Festivals schicken das ganze Jahr über Mitarbeiter an unzählige Festivals weltweit. Das Tool könnte helfen, einen Teil dieser Arbeit zu erledigen.» Ein solches Instrument, das auf Big Data setzt, habe das Potenzial, die Festivalprogrammierung zu revolutionieren, ist van der Hoeven überzeugt. «Kleinstfestivals könnten sich Zugang zum Pool der besten Kurzfilme des Jahres verschaffen und Top-Programme zusammenstellen. Andere könnten Reisekosten sparen.» Zudem kann das Tool auch kuratorisch genutzt werden, indem es Vorschläge generiert, wie die ausgewählten Filme sinnvoll zu Blöcken zusammengestellt werden können.

Ist die Krux aber nicht, dass dieses Instrument immer wieder auf dieselben Filme stösst? Dass am Ende von Bern bis Rotterdam, von Tampere bis Clermont-Ferrand dasselbe Best-of-Programm gezeigt wird? Und besteht der Ehrgeiz eines Festivalmachers nicht gerade darin, ein einzigartiges Programm für sein ganz spezifisches Publikum zusammenzustellen und selber Entdeckungen zu machen? «Natürlich», entgegnet van der Hoeven. «Das Tool ist eine Hilfe, wir brauchen es ergänzend. Die letzte Auswahl treffen wir selber – schliesslich macht das Visionieren auch Spass. Sofern man aus einer übersichtlichen Menge auswählen kann.» Profitieren werde nicht zuletzt das Publikum. «Wir können Content in unsere Programmation einbeziehen, zu dem wir bisher keinen Zugang hatten.»

Ob dieser zusätzliche «Content» am Festival sichtbar werden wird, lässt sich demnächst überprüfen. Am 5. Oktober beginnt die 14. Ausgabe von Shnit.

Das Festival wird am 5. Oktober in der Heiliggeistkirche eröffnet und dauert bis 9. Oktober. www.shnit.org

Der Bund

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