«Vielleicht sind wir unfähig»

Hollywoods Geschichtenerzähler seien faul geworden, sagt James Gray, der Klassizist des US-Kinos. Sein letzter Film, «The Immigrant», ist nun auf DVD erschienen.

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Pascal Blum@pascabl

In «The Immigrant» kommt die Polin Ewa 1921 in Ellis Island an. Einmal schaut sie fasziniert einem Zauberer zu, der ein Stück über dem Boden schwebt. Es scheint, dass das Showbusiness das erste Geschäft war, das die Einwanderer in den USA kennen gelernt haben.
Ja, die Idee ist irrwitzig, aber es geht darum, dass man denkt, er könne wirklich schweben. So sieht es auch Ewa. Das Showbusiness ist eine grosse Macht, es kann befreiend wirken. Wenn der Zauberer die Schwerkraft überwindet, zeigt er Ewa, dass es andere Dinge im Leben gibt als Leid. Diese Variétéshows im Film wirken lächerlich, aber so waren diese Vorstellungen damals.

«The Immigrant» erinnert an das Kino der Siebzigerjahre, als es zwischen B-Movie und Blockbuster anspruchsvolle Hollywoodfilme gab. Vermissen Sie heute diesen «mittleren Film», wie Sie ihn nennen? Ja, aber es werden jetzt auch wieder vermehrt solche Filme gedreht, was ziemlich mutig ist angesichts des Budgets, das sie haben. Solche Filme kommen zurück, vielleicht lag ich da mit meiner These nicht ganz richtig. Das Problem ist aber, dass es momentan kein genügend grosses Publikum für diese Art von Filmen gibt: Dieses bleibt zu Hause und schaut fern, deshalb ist das US-Fernsehen auch so aussergewöhnlich geworden – obschon diese TV-Serien endlos dauern und ihnen die Architektur des Spielfilms fehlt. Vielleicht vermisse ich einfach die Siebzigerjahre, damals war das amerikanische Kino in gewisser Weise auf seinem Höhepunkt.

Leidet das amerikanische Kino heute unter erzählerischer Faulheit? Bestimmt. Zugleich ist die Kunst, eine Geschichte knapp zu erzählen, in vielen Kritikerkreisen nicht unbedingt hoch angesehen. Ich denke, viele Leute sind gelangweilt von Filmen, die in erster Linie eine Geschichte erzählen. Sie denken wohl, so etwas sei einfach. Das ist es aber nicht. Es gehört zu den schwierigsten Dingen überhaupt. Vieles wird sehr schnell klischiert genannt, sobald es als Story erkennbar ist. Aber womöglich sind wir Regisseure nicht faul, sondern eher unfähig. Ich glaube nicht, dass viele Filmemacher überhaupt dazu imstande sind, eine Geschichte gut zu erzählen.

Woran liegt das? Es hat einen systemischen Grund. In den 30er- und 40er-Jahren wurden in Hollywood unglaubliche Filme gedreht, aber nicht, weil die Leute klüger waren, sondern weil sie einen Apparat zur Verfügung hatten, der sie unterstützte. Man zeigte am Montag den Film vor Testpublikum und merkte, dass zwei Drittel davon keinen Sinn ergaben. Am Dienstag überarbeiteten die Autoren die Szenen, am Mittwoch ging die Crew ins Studio, holte die Schauspieler zurück, die unter Vertrag standen, und drehte die neuen Szenen. Am Donnerstag wurden die Streifen entwickelt, am Freitag in den Film montiert, und am nächsten Montag hatte man eine neue Version. Das alles ist heute nicht mehr möglich. Für einen Nachdreh muss man Millionen ausgeben, und man braucht dafür vielleicht ein Jahr.

Dabei werden Filme heute viel ausgiebiger getestet. Ja, aber dann geht es um Marketing und Tempo, weil Zuschauer immer sagen, der Film solle schneller und kürzer sein. Ironisch ist, dass vor allem kleine Filme zu Testzwecken vorgeführt werden, während man bei Blockbustern nicht will, dass zu früh etwas über den Film bekannt wird. Zugleich hat sich das Publikum verändert und eine ungeheure Fähigkeit entwickelt, Bilder zu lesen. Eine visuelle Idee wird sofort verstanden. Doch die Kompetenz, eine Erzählung zu verstehen, ist immer noch miserabel. Kaum jemand versteht Komplexität und Ambivalenz, diese Fähigkeit ist auf primitiver Stufe stehen geblieben.

Ihr klassisches Erzählkino steht quer zur herrschenden poststrukturalistischen Theorie, die an allen Erzählungen zweifelt und sie dekonstruiert. Sind Sie da ein einsamer Kämpfer? Was für eine Frage. Ich glaube, die Idee des Poststrukturalismus ist nicht, dass Fantasie Schwachsinn ist. Sie besteht darin, dass Fantasie Fantasie bleibt, aber für manche wahr werden kann. Die Könige des poststrukturalistischen Denkens würden Filme, wie ich sie mache, vielleicht sogar begeistert aufnehmen. Poststrukturalisten sagen ja nicht, dass Geschichten keine Bedeutung haben. Das wunderbare Geschenk dieser philosophischen Denkart besteht eher darin, dass wir heute fähig sind, alles zu kommentieren – ungeachtet der Qualität. Wir diskutieren alle Dinge auf derselben erhöhten Diskursebene, sei es Luchino Visconti oder eine Seifenoper. Was noch nicht heisst, dass beides gleich gut wäre.

Dennoch hält die Kritik Ihre Filme für zu wenig avantgardistisch. Die etablierte Kritik ist eben dieser poststrukturalistischen Strömung gefolgt. Der Poststrukturalismus ist ja auch ein äusserst nützliches Analysewerkzeug und hat eine grosse Kraft. Aber als Künstler kann man sich nicht daran halten. Wenn man nur noch an Jacques Lacan oder Louis Althusser denken würde, während man einen Film dreht, ergäbe dieser keinen Sinn mehr. Poststrukturalismus ist sehr nützlich, wenn man kritisiert, aber völlig nutzlos, wenn man etwas erschaffen will. Man kann nicht künstlerisch tätig sein und gleichzeitig an den Tod des Autors denken, so brächte man nie etwas zustande!

Sie waren mit fast allen Ihren Filmen in Cannes. Wie erleben Sie die dortigen Reaktionen? In Cannes werden meine Filme als zu wenig subversiv aufgefasst. Aber ich finde Filme uninteressant, die oberflächlich subversiv daherkommen. Interessant sind Filme, die unsere Erwartungen umstürzen, aber dies innerhalb der traditionellen Erzählform tun. Das jedoch ist auf den ersten Blick schwerer zu erkennen. Bei der Premiere kam «Vertigo» schlecht an, weil vieles von dem, was man an Hitchcock schätzte, nicht sofort erkennbar und an der Oberfläche war. Auch heute funktioniert an Festivals besonders gut diese Geste: «Peng, hier ist meine Subversion!»

DerBund.ch/Newsnet

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