Unter der Wolke

Zehn junge Regisseure haben je eine Episode für «Heimatland» gedreht – und dann alle miteinander vermischt. Der Spielfilm läuft als Schweizer Beitrag im Wettbewerb von Locarno.

Trailer: Contrast Film 2015. Website: Vimeo

Pascal Blum@pascabl

Es ballt sich etwas zusammen in der Schweizer Filmlandschaft. Von den Bergen kommt es her, es kriecht den Grund entlang und durch Höhlen hindurch, es schlängelt die Felswände hinab und verdichtet sich über einem Bergsee. Mütter, schliesst eure Söhne weg, es zieht eine gewaltige Wolke herauf, ein geradezu historisches Unheil aus Schwaden und Schleiern. Sie scheinen aus allen möglichen Tälern gekommen zu sein, um sich auf der Alp zusammenzuziehen, denn dieses Unwetter ist auf Mission.

Es kommt nämlich etwas zusammen in der Schweizer Filmwelt. Zehn junge Regisseure, geboren zwischen 1976 und 1985, haben sich verbrüdert, um «Heimatland» zu drehen. Nicht als filmische Kompilation, in der eine Episode auf die nächste folgt. Eher als Fluss aus Ideen und Figuren, in dem sich die Episoden der Beteiligten überkreuzen, mischen, gegenseitig beissen, wohl auch übereinanderstolpern. Wer welche Folge gedreht hat, wird in diesem Omnibusfilm nicht angeschrieben. Die Regisseure sind selbst ein wenig wie die Nebelschleier, die sich zu Beginn von «Heimatland» auf dem Berg zusammenbrauen.

Im Land der Isolierten

So düster gehts los, und dann gehts hinab in die Stadt und hinein in den feuchtheissen Kreis 4 in Zürich, wo gerade ein Freier am Werk ist und dann aufgelesen wird von einem Taxifahrer, beides Einsame auf ihre Art. Die ersten zehn Minuten versprechen einen endzeitlichen Atmosphärenfilm, in dem die Lichter flirren, ein losgelassener Hund über die Hardbrücke rennt und ein Prophet «Schweiz, du Hure Babylon» ruft. In Kloten werden die Flüge gestrichen wegen einer «unvorhergesehenen Wetterentwicklung», und das wird die Wolke sein, die sich über ein Land stülpt als Signal des Untergangs.

In Don DeLillos Roman «White Noise» wurden die Menschen von einer schwarzen Wolke vertrieben, man nannte sie den «airborne toxic event» und wusste wenig über Herkunft und Wirkung. Das war ein Buch über die Hintergrundstrahlung des elektronischen Zeitalters, und heute wurde aus der Giftwolke die Cloud, die uns umhüllt als Dunst aus Daten. In «Heimatland» verkehrt sich die Wolke zur metaphorischen Bedrohung, zum Zeichen des Ungewissen wie beim dürrenmattschen Tunnel, in dem ein Mann dem Nichts zustürzt. Der Film sei eher Dürrenmatt als Frisch, sagt Benny Jaberg, einer der zehn Regisseure von «Heimatland». Er erzähle von Isolation und einem Gefühl der Ohnmacht. «Wir haben uns in der Schweiz einen Käfig gebaut, in dem wir alle herumturnen, und jeder, der dieses Spiel im selbst gewählten kapitalistischen System mitspielen will, ist willkommen. Aber alle Formen von Andersartigkeit müssen entfernt werden.»

«Gegen den Individualismus ankämpfen»

Das Heimatland ist also ein zugegittertes Land, und die alltägliche Verinselung betrifft auch die zehn Regisseure. «Wir wollten gegen den Individualismus ankämpfen», sagt Jaberg. «Ich vermisse eine Zeit, die ich nie erlebt habe, diesen 70er-Jahre-Groove, als man einfach etwas zusammen gemacht hat.» Da sei «Heimatland» eine befreiende Erfahrung gewesen, auch weil man sich gegenseitig auf die Nerven gegangen sei.

In den «epischen Feedbackrunden», in denen die einzelnen Folgen zu einem Spielfilm verschränkt wurden, brauchte es dann auch Rädelsführer. Die Aufgabe übernahmen Michael Krummenacher und Jan Gassmann («Chrigu»). Vor drei Jahren hatten sie die Idee zu einem kollaborativen Film und baten gleichaltrige Regisseure um Storys, in denen ein apokalyptischer Sturm über der Schweiz aufzieht. Aus rund dreissig Vorschlägen wurden neun ausgewählt und zu einem Skript verbunden, mit dem man zu den Förderstellen ging. Für den Dreh stellte man drei Kameramänner, frische Gesichter und Laien sowie eine Crew an, die bei jeder Episode dabei war.

Die Regisseure – neben Jaberg, Krummenacher und Gassmann sind das Lisa Blatter, Gregor Frei, Carmen Jaquier, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp und Mike Scheiwiller – halfen sich auf dem Set gegenseitig aus. Man achtete auf eine gemeinsame Bildsprache, im Schnitt begann dann die langsame Verschlingung der Mikrodramen. «Das Schöne ist, dass wir alle sehr unterschiedliche Filme machen, was wir keinesfalls zerstören wollten», sagt Michael Krummenacher. Zugleich habe man nach einer «emotionalen Kontinuität» gesucht, nach einem gemeinsamen Ganzen und Echos zwischen den Episoden.

«Heimatland» sei auf «unsicherem Terrain» entstanden, sagt Krummenacher. «Ich glaube, der Film funktioniert auch nicht in allen Einzelheiten. Wir wollten aber nicht jede Unebenheit glätten. Es darf ruhig mal rumpeln.» Und es sollen sich die Figuren auch nicht wie im Ensembledrama ständig über den Weg laufen. «Die Isolation, die wir an der Schweiz wahrnehmen, entspricht im Film einem Nebeneinanderlaufen der Figuren», sagt Jaberg. Zwischen den Lebenswelten gebe es wenig Interaktion, in diese Realität seien auch die städtischen Projektmenschen verwickelt. Nicht nur würden viele im Alltag in ihrem Soziotop verharren, sie fühlten sich auch fast zu wohl im eigenen Experiment. Die Arbeit von «Heimatland» habe eine für manche ungewohnte Prägnanz verlangt. Dafür sei, was auf dem Set geschah, wiederum eingeflossen. «Man suchte sozusagen den Film im Material.»

Linke Selbstkritik

In der Beschreibung der Machtlosigkeit, die mit der Wolke kommt, steckt für Jaberg auch eine linke Selbstkritik. «Heimatland» sei ein Film der Sehnsucht, weil er als Gedankenexperiment zeige, wohin man nicht will – und wie sich dadurch neue Wege auftun. Ein erfundener Umbruch, eine andere Möglichkeit. Ein Generationenfilm? «Für uns ist es extrem schwierig geworden, utopisch zu sein. Um ein Ganzes heraufzubeschwören, braucht es in der Schweiz die alten Mythen», so Jaberg. Und noch immer müsse vieles hierzulande auf eine «Schoggitafel» passen, damit es kommuniziert werden könne.

Aber ein Utopierest ist noch übrig bei dieser Generation. In «Heimatland» wird der Gesellschaftsentwurf zum Negativszenario und bleibt doch Ausdruck eines Traums vom Kollektiv, den man praktisch schon mal ins Werk gesetzt hat. Was als politische Idee keine Zukunft hat, lässt sich vielleicht in Ansätzen über den Umweg eines Gemeinschaftsprojekts wiederherstellen – so sei «Heimatland», sagt Jaberg, eine «antizynische Veranstaltung», in der man sich von einer «dahinschweizernden Sicherheitsposition» zu lösen versucht habe.

Und sich zusammengeschlossen hat auf dem Festland – fernab der eigenen Inseln.

Premiere am 10. 8. um 16.30 Uhr am Festival in Locarno; Filmstart im November.

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