Und dann ist da noch die Schildkröte

«Lucky» ist der letzte Film des im September verstorbenen Schauspielers Harry Dean Stanton. Er zeigt einen 90-Jährigen auf den letzten Metern seines Lebenswegs – und ist ein einzigartiges Vermächtnis.

Die Route wird von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde kürzer: Lucky (Harry Dean Stanton) braucht keinen grossen Kilometerzähler mehr. Eine Elle genügt.

Die Route wird von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde kürzer: Lucky (Harry Dean Stanton) braucht keinen grossen Kilometerzähler mehr. Eine Elle genügt. Bild: Xenix Film

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Ob man das überhaupt darf: einfach Ja sagen zu einem Werk, zu einem Kunstwerk, das keines sein muss, zu einem Film, der «Lucky» heisst, und zu einem Menschen, der dieser Lucky ist? Es müsste ein ganzes, ein einfaches Ja zum Leben sein. Bestimmt liessen sich Fehler finden in diesem ersten Regiestück des versierten Schauspielers John Carroll Lynch, Brüche, wie man klug zu sagen pflegt, andere würden vielleicht auf Längen, fragwürdige Schnitte oder weiss der Himmel was zeigen.

Nein, eben gerade nicht der Himmel wird es wissen, sagt doch dieser Lucky im Film von sich, er sei Atheist. Oder ist es vielleicht doch erst recht der Himmel, dieser Himmel über der wachsenden Wüste von Arizona, der heisse Himmel, unter dem die Erde zu flimmern beginnt. Die dürren Gräser trotzen steif dem Wind, jenem wilden Wehen, das Staub und Sand vor sich herträgt. Das ist die Welt von jenem Lucky, dem wir im Kino, ja sagend, zu folgen haben.

Möglicherweise gibt dabei eine hundertjährige Landschildkröte das Tempo an, diese verwirrende Langsamkeit. Das Publikum lernt sie noch vor Lucky kennen – und vor dessen Darsteller, Harry Dean Stanton (1926–2017). Wie dieser es so oft in seinem Berufsleben tun musste, spielt sie eine Nebenrolle, aber eine tragende: Sie hat die Freiheit gewählt. Zwar gehört sie dem bekannten Regisseur David Lynch, dem hier mitspielenden Spezialisten für das Geheimnisvolle, und sie heisst Roosevelt. Ja, sie hat die Ehre, den Namen von Franklin Delano Roosevelt zu tragen, des 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, der 1945 zu den Stiftern des Friedens nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte, ihn aber nicht mehr erleben konnte.

Die Schildkröte Roosevelt ist jedoch, von ihrem Panzer beschirmt, ausgebrochen und aller Namenehre zum Trotz Schildkröte geblieben. Besitzer Lynch bleibt zurück, sich fragend, ob er dem «Freund» im Wege gestanden sei. «Es gibt Dinge, die grösser sind als wir alle», sagt er. Seine Schildkröte ist eines davon. Mitten in den abgegriffenen, klappernden Westernrequisiten gibt es im Film «Lucky» diese Fenster ins Nachdenkliche, neben der Härte, der Ironie und einer verborgenen Traurigkeit – und dem Humor, auch wenn es Galgenhumor sein sollte.

In «Lucky» geht es nicht um grosse Namen, um Ruhm und Weltgeschichte, sondern um das einfache Leben, das schon lange, bevor unser Bewusstsein erwacht, begonnen hat, dem Ziel zuzustreben. Die Route wird von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde kürzer. Massstab ist die Zeit, ist der Ort, ist der Raum. Den Start nennen wir Ursprung oder Geburt, das Ziel heisst Tod. Lucky ist schon recht lange unterwegs, aber er steht auf und geht seine Strasse weiter. Niemandem ist es verwehrt, die Wegmarken zu lesen, die wir mit ihm passieren, ihre Symbolik und Gültigkeit zu erkennen. Lucky braucht keinen grossen Kilometerzähler mehr. Eine Elle genügt.

Entscheidend ist für uns von Beginn an das Ritual des Neunzigjährigen. Sein Tagesprogramm beginnt mit einer Zigarette. Dann folgen, noch in der Unterwäsche, die fünf Tibeter, jene uralte östliche Gymnastik, die konsequenten Anwendern ewiges Leben verspricht. Die zweite Zigarette. Ein knappes Frühstück. Dann Fernsehquiz und Kreuzworträtsel. Nichts wird zelebriert, jedoch alles gelebt. Und ein steter Rhythmus bleibt. Eine Fermate kann allerdings dann eintreten, wenn «realism» das gesuchte Rätselwort ist. «Realism is a thing», ist dann Luckys neuste Weisheit. Sie gilt auch für den Film, in dem der Mensch Stanton und die Figur Lucky nicht zu trennen sind, haben doch die Drehbuchschreiber Logan Sparks und Drago Sumonja «Lucky» mit und für Stanton geschrieben.

Beiläufig kann ja so vieles geschehen. Meistens geht Lucky, ohne das Gesicht zu verziehen, weiter durch den Tag, bis zu einem kleinen Schwächeanfall. Die Medizin des Doc ist einfach, aber wirksam: «Auch du wirst alt, Lucky.» Sie zwingt offenbar den Neunziger, zu sinnieren über das drohende Nichts seiner Philosophie und das Leben, dieses Etwas, dem man mit Witz und einer Prise Bosheit begegnen kann. So droht Lucky in der Bar bei seiner Bloody Mary, trotz Verbot eine Zigarette anzuzünden. Andrerseits begiesst er liebevoll seine Kaktee und wird von einer Sozialarbeiterin überrascht, die ihn und uns durchaus ähnlich zu bewegen vermag. Die Wirklichkeit ist stets präsent, aber auch ein feines Suchen und Finden im Ungewissen.

Das zarte mexikanische Lied, welches Lucky am Geburtstag des Latinobuben Juan Wayne improvisiert, bleibt wie vieles in Erinnerung, wenn der Film zu Ende ist und sowohl die Schildkröte als auch Lucky ihren klassischen Filmabgang haben. Auch dafür ein Ja.

Heute ausverkaufte «Bund»-Filmmatinee. Ab 18. Januar im regulären Kinoprogramm. (Der Bund)

Erstellt: 13.01.2018, 08:28 Uhr

Berner Stanton

Zum Film «Lucky» gibt es ein eindrückliches Präludium: Die Berner Filmautorin Sophie Huber legte vor etwas mehr als fünf Jahren unter dem Titel «Harry Dean Stanton: Partly Fiction» ein äusserst sensibel geschaffenes, impressionistisches Porträt des Schauspielers vor, das 2013 mit einem Berner Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Wie im Titel angedeutet, ist es aus Fiktivem und Realem gefügt. Zu Begegnungen kommen Filmausschnitte und Musik: Es ist die Collage eines zarten, verletzlichen Wesens unter einer oft hart wirkenden Haut. In «Lucky» ist nun aus Spiel und Leben ein Ganzes geworden. (fz)

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