Tod eines Dichters

Der iranische Filmregisseur Abbas Kiarostami ist am Montag in Paris im Alter von 76 Jahren gestorben. Seine Filme sind elegische Gedichte, die ein Gefühl existenzieller Melancholie hinterlassen.

Abbas Kiarostami führte die Zuschauer zu Fragen, auf die er selbst keine einfachen Antworten hatte. Foto: Sophie Stieger

Abbas Kiarostami führte die Zuschauer zu Fragen, auf die er selbst keine einfachen Antworten hatte. Foto: Sophie Stieger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vielleicht drückt man es am besten so aus: Mit dem iranischen Filmregisseur Abbas Kiarostami starb ein grosser Dichter. Es hat ihn nie gekränkt, wenn man von ihm sagte, er sei eher ein Lyriker als ein Dramatiker. Er habe dann, sagte er einmal, das Gefühl, doch einiges richtig gemacht zu haben. Denn seine Filme sind ja so: elegische Gedichte aus iranischer Natur und Realität, ruhige Spaziergänge oder Autofahrten, auf denen man Menschen trifft und in Stimmungen gerät, und daraus entwickelt sich dann womöglich nur das stille Einzelbild einer existenziellen Melancholie, oft auch eine Erzählung natürlich und sogar ein Drama ab und zu, aber nichts, was einen mit dramatischer Gewalt in den Sessel presst.

Abbas Kiarostami über die Rolle, die Autos in seinen Filmen spielen. Quelle: Youtube

Abbas Kiarostami liebte seine Zuschauer beweglich, damit er sie mitnehmen konnte über den Vorwand einer Geschichte hinaus – dorthin, wo die Fragen waren, auf die er auch keine einfachen Antworten hatte.

Die Cineasten- und Cinephilenwelt ausserhalb des Iran entdeckte Abbas Kiarostami Ende der 80er-Jahre durch den Spielfilm «Wo ist das Haus meines Freundes?», das Filmfestival Locarno hatte daran 1989 sein Verdienst. Manche, die am Entdecken Anteil gehabt haben, sahen in der Zartheit dieser iranischen Kindergeschichte ein Stück mutige Dissidenz: einen ästhetischen Widerstand in der Zeit einer dogmatischen Scharia, die sich hysterisch äusserte (so sah man es in den Bildern der Tagesschauen: kreischende Frauen vor dem Porträt des Ayatollah Khomeini). Und Widerstand war es bestimmt, gewissermassen ein Widerstand der natürlichen Art. Aber wohl keine demonstrative Dissidenz. Es beschrieb da ein Filmemacher einfach die selbstverständliche Friedfertigkeit und Poesie eines immer noch existierenden anderen Iran.

Würde und Wärme

Eine unsentimentale Realität war das, keine Idylle, wohlgemerkt: Erwachsene in ihrer Begriffsstutzigkeit, die weder böse sind noch religiös kontaminiert, aber es einfach nicht begreifen, was für eine Katastrophe ein vergessenes Schulheft sein kann und wann für ein Kind der Himmel einstürzt; und die unvergiftete Unschuld eines Buben, der einem anderen Buben helfen will in erschöpfender und verzweifelnder Solidarität.

Der Zauber einer glaubwürdigen Wirklichkeit, in der immer kleine Hoffnungen aufblitzen, ging davon aus, und diese realistische und lyrische Magie fand man auch in den folgenden Filmen: in «Und das Leben geht weiter» (1992) und «Quer durch den Olivenhain» (1994), diesen Reisen durch ein schwer versehrtes Erdbebengebiet, auf denen Kiarostami über das Überleben nachdachte und wie daraus wieder Leben wird. Und das Kino meditierte in diesen Filmen auch über sich selbst, und schöner als der deutsche Filmkritiker Wolfram Schütte könnte man es kaum beschreiben. 2004, in einer Laudatio zum Konrad-Wolf-Preis an Kiarostami, nannte er es «die Wiedergeburt von Würde und Wärme aus dem Geist der dokumentarischen Anteilnahme».

Abbas Kiarostami fragte nach den Möglichkeiten menschlicher Originalität im «Kopienteufelskreis» – ohne Antwort.

Abbas Kiarostami hatte seine bewährten magischen Mittel und Methoden der lyrischen Verspieltheit, wie man sagen könnte. Er arbeitete gern mit Laien, und Kinder waren ihm die Allerliebsten, denn er glaubte an die Authentizität des Unverbildeten. Er brach die Illusionen und Sentimentalitäten des Kinos dadurch, dass er erzählend auf den Film als Film aufmerksam machte. Und er hatte eine Ruhe und Geduld, auf die Dramen und Dramolette der Wirklichkeit zu warten, die weit über die Geduld eines Zuschauers hinausgehen konnte.

Wenns zur persönlichen Erinnerung kommt, dann war es bei mir in «Der Geschmack der Kirsche» (1997, Goldene Palme in Cannes) so weit, als Herr Badii, ein Taxifahrer, durch Teherans Randbezirke fuhr auf der Suche nach jemanden, der ihn begraben sollte nach seinem angekündigten Suizid. Die Grenze der noch aushaltbaren Trägheit wurde dort überschritten, und dem Schreibenden ging die Lust auf Kiarostamis Fragen ohne Antworten und auf die melancholische Ironie seiner Verfremdungseffekte so ziemlich verloren.

Er war ein Widerspenstiger. Ein Krieger, der seine Kunst als Waffe verstand, war er nicht. Als Bürger protestiere er an der Seite der iranischen Opposition, sagte er einmal im Gespräch (2010, der radikalkonservative Mahmoud Ahma­dinejad war da noch Präsident), und seine Berühmtheit helfe ein wenig. Aber als Filmemacher mische er sich nicht ein. Nicht in eine brodelnde Aktualität, die ihm weder Distanz noch Analyse noch offene Fragen erlaube. Und er rate, sagte er in jenem Interview auch, jedem anderen iranischen Künstler zur kurzfristigen Anpassung im Sinn einer grösseren, längerfristigen Mission: die «Sensibilisierung des Menschen fürs Menschliche».

Das mag manche enttäuscht haben, denn es schien im politischen Tumult kein besonders mutiges offenes Wort. Aber womöglich war Abbas Kiarostami eben schon auf dem Weg zu einer neuen Subversivität seines Kinos. Er hat ja nicht mehr geglaubt an die klassischen Erzählungen und an die Scheherazades, die blutrünstige Könige durch Geschichte in «Tausendundeiner Nacht» vom Morden abhalten. Der Film, den er damals, 2010, abgedreht hatte, hiess «Copie conforme», es war Kiarostamis erster «ausländischer» Film, eine verführerisch verwirrende und elegante Beziehungsgeschichte in der Toskana. Sie fragte – ohne Antwort natürlich – nach den Möglichkeiten menschlicher Originalität im dramatischen «Kopienteufelskreis» (Kiarostami) Menschheit.

Unschuldige Verzweiflung

Im Iran wurde «Copie conforme» gleich als «uniranisch» verboten, und dabei schloss sich hier doch ein sehr lyrischer und sehr iranischer Kreis. Er habe, erzählte der Regisseur, in seiner Hauptdarstellerin Juliette Binoche nämlich den Jungen aus «Wo ist das Haus meines Freundes?» wiedergefunden. Eloquenter geworden natürlich, aber sonst: die gleiche unschuldige Verzweiflung und kindliche Einsamkeit. Und wenn das nicht eine wunderbar poetische und heimatliebende Pointe war.

Der letzte lange Spielfilm, eine japanische Liebesgeschichte, hiess «Like Someone in Love» (2012). Der weltläufige Filmemacher habe, so heisst es, einiges noch vorgehabt. Im letzten März wurde bei Abbas Kiarostami allerdings Krebs diagnostiziert, und am Montag ist er nun 76-jährig in Paris gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2016, 18:06 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Zu kurz

KulturStattBern Kulturbeutel 47/18

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...