Tarantino aus dem Tiefkühlfach

Im Autofilm «Drive» spielt Ryan Gosling einen stoischen Stuntfahrer, der ins Kreuzfeuer der Gewalt gerät. Grandioses Kino!

Mönchische Coolness: Ryan Gosling als wortkarger Fluchthelfer für Gangster und Ganoven im Film «Drive».

Mönchische Coolness: Ryan Gosling als wortkarger Fluchthelfer für Gangster und Ganoven im Film «Drive».

(Bild: Richard Foreman)

Florian Keller

Spärliches Licht, ein Zimmer in einem anonymen Hotel. Ein Mann spricht ins Telefon, die Kamera gleitet durch den Raum, dreht sich einmal sachte um sich selbst. Im Fernsehen läuft eine Sportübertragung, ohne Ton. Auf der Jacke des Mannes reckt ein in Gold gestickter Skorpion seinen Stachel. Als der Mann fertig geredet hat, schweift der Blick der Kamera zum Fenster. Draussen: schillernde Nacht in der Stadt der Engel.

So fängt er an, der Film «Drive» des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn. Und die traumwandlerische Eleganz dieser ersten Einstellung macht sofort klar: Wir sind hier in einen Tempel für Stilfetischisten eingetreten. «Drive» ist das Nonplusultra des Designerkinos. Ein Film der reinen Oberflächen, so makellos wie eine glänzende Karosserie.

Allein der Prolog ist phänomenal. Das sind zehn Minuten, die das amerikanische Genrekino auf seine Essenz verdichten. Ryan Gosling, der Mann aus dem Hotelzimmer, sitzt jetzt vor einer Lagerhalle im Auto und wartet. Wie einst der namenlose Titelheld in Walter Hills «Driver» (1978) verkauft er seine Fahrkünste an Einbrecher, als Fluchthelfer am Steuer. Was folgt, ist eine Verfolgungsjagd, wie man sie so noch nie gesehen hat. Hochspannung, aber unaufgeregt. Tempo und Stillstand, Sirenen und Blaulicht. Aber keine quietschenden Reifen, kein krachendes Blech. Nur ein Versteckspiel bei laufendem Motor, ein Tanz mit dem ausschwärmenden Gegner, im Schutz der Nacht. Alles ohne Worte, bis auf die schnarrenden Durchsagen im Polizeifunk und den Sportreporter am Radio.

Idylle der einsamen Seelen

Dieser Auftakt ist ein Geniestreich zwischen Verzögerung und Beschleunigung. Danach muss «Drive» erst einmal Luft holen. Tagsüber geht der Mann aus dem Auto seinem Job als Stuntfahrer beim Film nach, sein Garagist würde mit ihm gerne in den Rennzirkus einsteigen und verhandelt dafür mit einem lokalen Mobster (Albert Brooks). Und nach Dienstschluss probt der Fahrer ein keusches Leben in der Ersatzfamilie, mit seiner Nachbarin (Carey Mulligan), die bang darauf wartet, dass der Vater ihres Buben endlich aus dem Gefängnis entlassen wird. Es ist eine Idylle der einsamen Seelen, die Nicolas Winding Refn hier skizziert, samt Ausflug mit Kind zu einem trostlosen Bächlein.

In gewöhnlicheren Filmen sähe man nun ein amouröses Dreieck kommen und das böse Ende gleich mit. In einem aussergewöhnlichen Film wie «Drive» läuft das anders, und alles kommt noch böser. Da kehrt der Gatte zwar aus dem Gefängnis zurück und schaut argwöhnisch auf den möglichen Liebhaber seiner Frau – aber dann macht dieser den Kavalier und bietet dem Nachbarn seine Hilfe an, als ihn die Unterwelt brutal zurück ins Verbrechen zieht. Das geht schief, und plötzlich steht der Fahrer, der doch seinem Nachbarn nur Gutes tun wollte, im Kreuzfeuer der Gewalt.

Der McQueen-Typus

«Drive», nach einem Roman von James Sallis, ist ein Tarantino wie aus dem Tiefkühlfach: bis zum Exzess mit Stilbewusstsein imprägniert, aber in seinem Temperament auf nordische Grade abgekühlt. Wo Tarantino seine Filme gerne auf taffe Mädchen ausrichtet, ist Nicolas Winding Refn («Pusher») ein rührseliger Macker, der in seinen Filmen ein archetypisches Männerbild über die Zeit rettet. Das ist in «Drive» nicht anders, aber hier gelingt ihm dabei das Kunststück, mit dem Blick des Europäers drei Generationen des amerikanischen Kinos gleichzeitig die Reverenz zu erweisen. Der Fahrer, der wenig sagt und keine Miene verzieht: Das ist natürlich ein Wiedergänger jener wortkargen Helden vom Schlage eines Clint Eastwood oder Steve McQueen. Ein Mann ohne Namen und mit unbekannter Vorgeschichte, von mönchischer Coolness, sparsam in seinen Gesten und spartanisch in seinen Ansprüchen.

Ryan Gosling gibt diesen Fahrer so minimalistisch, als wolle er auf keinen Fall beim Schauspielern erwischt werden. So gerinnt ihm die Figur zu einer Ikone: Ein harter Kerl, ja, aber mit sanfter Stimme, und in seinen blauen Augen wohnt eine bodenlose Trauer. Ein urbaner Samurai ist das, wie aus der Zeit gefallen. Oder auch ein wundes Tier, das zu seinem eigenen Entsetzen zum Monster wird, als die Schergen der Mafia mit ihren Pumpguns bei ihm einfallen.

Da gibt es diesen gespenstischen Moment in einem Motelzimmer, als der Fahrer blutüberströmt zurückweicht, wie wenn er sich verstecken wollte, vor der Kamera und vor dem, was da gerade passiert ist vor seinen Augen. Dreimal explodiert die Gewalt förmlich auf der Leinwand, ganz kurz nur und ultrabrutal. Einmal, für den ersten und letzten Kuss im Film, wird die Zeit verlangsamt und das Licht gedimmt, ohne Angst vor dem Kitsch – und noch im gleichen Atemzug entledigt sich der Fahrer eines Killers, der in seinem Rücken lauert.

Reizvoll-kitschige Oberfläche

Es ist, als würde das Genrekino der 90er-Jahre in diesen Film einbrechen, als Regisseure wie der junge Tarantino die Grenzen in der Darstellung der Gewalt neu ausreizten. Dabei lebt «Drive» äusserlich ganz von den Oberflächenreizen der 80er-Jahre: Da glänzen die Felgen wie einst bei Michael Mann in «Miami Vice», der elektronisch pulsierende Soundtrack von Cliff Martinez taucht die Stadt in Neonfarben. Und erst die Titelschrift im Vorspann: in Pink und mädchenhafter noch als das Poster von «Flashdance». Als wollte sich Nicolas Winding Refn mit dem effeminierten Look über diesen brutalen, sentimentalen Mackerfilm lustig machen, für den er in Cannes als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

Beim blutigen Final dann zeigt er uns nur zwei Schatten auf dem Asphalt, die miteinander ringen. Das ist der Preis, den der Fahrer bezahlt: Wenn er leben will, muss er zum Schatten werden.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt