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Spike Lee sticht in Italien in ein Wespennest

Spike Lees neuer Film «Das Wunder von Sant'Anna» hat eine heftige Debatte über den Faschismus ausgelöst. Die tatsächlichen Mängel des Films gehen dabei unter.

«Das Wunder von Sant'Anna» spielt in der Toscana, doch es ist eine zutiefst amerikanische Geschichte. Spike Lee geht es in seinem neuesten fast dreistündigen blutigen Epos um eine andere Sicht auf den Zweiten Weltkrieg, um «den letzten ehrenhaften Krieg der USA», den der 92. US-Division im faschistischen Italien. Sie bestand fast ausschliesslich aus schwarzen Soldaten – unter weissen Kommandeuren, versteht sich – die auch die «Buffalo Soldiers» genannt wurden.

Im Sommer 1944 kämpfen sie in der Nähe des toscanischen Dorfes Sant'Anna di Stazzema einen heroischen Kampf fürs Vaterland, gegen Faschisten und Nationalsozialisten, vor allem aber gegen den Rassismus gegenüber schwarzen Soldaten im eigenen Land. Lee erzählt die Geschichte von vier Mitgliedern der Division, die zwischen die feindlichen Linien geraten, kurz nachdem die SS in einem grausamen Massaker die Zivilbevölkerung von Sant'Anna, 560 Frauen, Kinder und Greise, exekutiert hat.

Noch ehe der Film in Italien auch nur angelaufen war, löste er eine Debatte aus, die mit der Wucht eines Kulturkampfes geführt wird. Lee war offenbar nicht bewusst, in welches Wespennest an unbewältigter Vergangenheit er sticht. Dient ihm der historische Hintergrund vor allem als Folie, vor der er sein Thema, den amerikanischen Rassismus, entwickelt, wurde der Film in Italien ganz anders verstanden.

Spike Lee nämlich greift zu einem dramaturgischen Kniff, der nicht der historischen Wahrheit entspricht, hält sich dabei aber wiederum recht genau an die Romanvorlage von James McBride, einem schwarzen Kriegsveteranen. Zum Massaker der Deutschen in Sant'Anna führt schon im Buch ein Verräter in den Reihen der Partisanen. Damit lieferte Lee mehr als genug Stoff für einen Schlagabtausch, dessen Heftigkeit sich nur dadurch erklärt, dass die Geschichte des Faschismus das Land bis heute zutiefst spaltet – erst recht, seitdem die politischen Enkel Benito Mussolinis von der Alleanza nazionale in Rom auf der Regierungsbank sitzen und Verklärung des Duce wieder salonfähig wird.

Staatspräsident lobt den Film

Kein Wunder also, dass der Partisanenverband gegen die «Geschichtsfälschung und grobe Beleidigung der Resistenza» protestierte, dass eine graue Eminenz der Linken, der 88-jährige Giorgio Bocca, auf der Titelseite der «Repubblica» gegen den «Revisionismus» des Films zu Felde zog – und das, obwohl er ihn offenbar noch gar nicht gesehen hatte.

Lee blieb nichts anderes übrig, als sich zu verteidigen, entschuldigen aber mochte er sich nicht und berief sich auf die Freiheit der Kunst. Ihm sei es vor allem um die afroamerikanischen Soldaten gegangen, versicherte er, und dass er keinesfalls das Ansehen der Partisanen habe beleidigen wollen. Erst seitdem sich Staatspräsident Giorgio Napolitano, ebenfalls ein einstiger kommunistischer Widerstandskämpfer, durchaus lobend über den Film äusserte, ebbte die Debatte wieder etwas ab.

Die gravierenden ästhetischen Mängel, die der Film tatsächlich hat und dazu führten, dass er zum letzten Festival in Venedig nicht zugelassen wurde, traten dabei völlig in den Hintergrund. So ist er dort stark, wo es um die Demütigungen geht, die die schwarzen Soldaten bei ihrer Verteidigung der Freiheit erdulden müssen. Handlung und Figuren aber bleiben allzu klischeehaft, die verschiedenen Erzählstränge und vor allem der Schluss sind geradezu grotesk pathetisch und kitschig: Der gute «Riese aus Schokolade», der einen kleinen italienischen Jungen rettet, der liebenswerte alte Faschist, die Dorfschönheit, die praktisch vor aller Augen eine Liebschaft mit einem schwarzen Soldaten beginnt, der gute deutsche Deserteur und der böse italienische Verräter sollen zwar grosse Gefühle wecken, bleiben aber holzschnittartig.

Wenig überzeugend ist auch, dass ausgerechnet in der Kirche des Dorfes ein fröhliches Fest gefeiert wird oder dass Lee das Verständigungsproblem löst, indem einer der schwarzen Soldaten, der aus Puerto Rico stammt, praktischerweise auch gleich noch Italienisch spricht. Und so leidet Lees Film, der in den USA vorab als «Ereignis» gefeiert wurde, am grössten Mangel, der einem Regisseur unterlaufen kann. Er ist überfrachtet und nicht nur historisch, sondern auch dramaturgisch unglaubwürdig. Die heutigen Bewohner des Dorfes Sant'Anna indessen störte das nicht. Sie sind froh, dass sich endlich jemand mit diesem lange totgeschwiegenem Stück Geschichte beschäftig und machten den amerikanischen Regisseur zum Ehrenbürger.

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