Spaghetti, Western und Statuten

Von 1967 bis 1972 versorgte der Filmklub Bern die Stadt mit engagiertem, anspruchsvollem Kino abseits des Mainstreams. Die Folge davon: ein Fichen-Eintrag.

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Regula Fuchs

Es war am Freitag, dem 13. Oktober 1967, als ein Dutzend Filmfreundinnen und Filmfreunde über die Schanzenbrücke in Richtung Schwanengasse zog. Dort, im Kino Rex, sollte die erste Vorführung des eben gegründeten Filmklubs Bern stattfinden. Ein Vorstandsmitglied hatte sich mit einer Lochzange von Franz Carl Weber ausgerüstet, doch, wie sich Fred Zaugg erinnert, «zu knipsen gab es wenig»: Nur ein paar Verwegene sahen sich in der Spätvorstellung Francesco Rosis «Salvatore Giuliano» an.

«Suchen Sie ein engeres Verhältnis zum Medium Film?», hatte es kurz vorher auf einem Flugblatt geheissen. Für einen jährlichen Mitgliederbeitrag von 30 Franken bot der Klub zwölf Film­abende – mit Werken von Friedrich Murnau und Carl Theodor Dreyer bis Luis Buñuel und Jean-Luc Godard. Oder eben «Salvatore Giuliano»: «Der Held ist tot von Anfang an, und daher wird die Geschichte nicht linear erzählt. Das war für einige Leute ein kleiner Schock damals», erzählt Fred Zaugg. Der spätere langjährige «Bund»-Kulturredaktor gehörte zu den Gründern des Filmklubs und arbeitete zu jener Zeit noch als Lehrer.

Es blieb jedoch nicht lange bei ein paar Verwegenen; schon wenige Monate nach seiner Gründung hatte der Filmklub fast 300 Mitglieder – offensichtlich gab es in Bern ein Bedürfnis nach politisch engagierten, ästhetisch anspruchsvollen Filmen. «Damals liefen diese Werke oft überhaupt nicht im regulären Kinoprogramm», so Zaugg. «Es gab eine erdrückende Welle von Hollywood-Produktionen. Filme aus der Schweiz, aus der BRD, aber etwa auch aus dem damaligen Ostblock hatten es schwer.»

Das Auto vor der Botschaft

Die Mitglieder des Filmklubs seien «Filmfanatiker» gewesen, die sich schlichtweg alles angeschaut hätten. Und daher auch einen breiten Horizont besassen. So fanden auch Westernfilme – zu jener Zeit oft schnöde in die Unterhaltungsecke verbannt – Eingang ins Programm des Filmklubs.

Aber wie wusste man überhaupt um solch sehenswerte Werke? Urs Jaeggi, damals schon als Filmredaktor tätig, versorgte den Klub mit schwer zu bekommenden Publikationen und rapportierte von den Filmfestivals, die er von Berufs wegen besuchte. Zwar sei es öfter «ein Cabaret» gewesen, die Filme auch tatsächlich zu bekommen, erzählt Zaugg, doch die Stadt Bern jedenfalls legte dem Unterfangen keine grösseren Steine in den Weg: Die Vorführbewilligung bekam man ohne Probleme. Dass das Tun des Klubs jedoch nicht unbeobachtet blieb, kam Jahre später ans Licht – als Zaugg seine Fiche einsah. Im staatlichen Spitzelbericht war die Rede davon, dass sein Auto während mehrerer Stunden vor der tschechoslowakischen oder ungarischen Botschaft parkiert gewesen sei. Zaugg hatte dort Filme visioniert; die Botschaften seien bei der Filmbeschaffung behilflich gewesen.

Die Gestaltung der Programme muss man sich als ziemlich demokratischen Prozess vorstellen. In den Vorstandssitzungen plädierten einzelne Mitglieder für ihre bevorzugten Werke, die Mehrheit entschied dann, welche gespielt werden sollten. Einig war man sich oft; ausser, als es um die Programmierung einer «Schweizer Woche» ging – und man über Clemens Klopfensteins kruden Western-Experimental-Krimi «Wir sterben vor» stritt. Der war einigen dann doch «zu primitiv».

Zu den Sitzungen gehörten Spaghetti und Rotwein ebenso wie ein Protokoll. Es muss nicht ganz so hippiesk zugegangen sein, wie man sich das in einem kulturell bewegten Verein um 1968 vorstellt. So liess der Präsident Urs Jaeggi einmal im Protokoll vermerken, dass bei der Diskussion mehr Ordnung gehalten werden solle. Allzu weit trieb man es mit der kleinbürgerlichen Ordentlichkeit jedoch nicht: Ein Jahr nach der Gründung gab es nicht nur einen Mitgliederbeitrag «für Ehepaare», sondern auch einen «für Ehe- oder andere Paare».

Richtige Gespräche

Dass der Filmklub im Rex an der Schwanengasse sein Domizil hatte, war nicht selbstverständlich: Jenes Kino beherbergte damals die reisserischsten unter den kommerziellen Filmen. Doch sein Besitzer, Willy Hohl, kannte die Vorstandsmitglieder – die alle auch Filmkritiken schrieben. Und so öffnete er sein Kino und liess dem Klub grosse Freiheiten.

Das Publikum schätzte das. Und auch, dass es immer wieder Gelegenheit gab, über die Filme zu sprechen – keine Podiumsdiskussionen seien das gewesen, so Fred Zaugg, sondern richtige Gespräche unter Filmfreunden. Dennoch kam das Ende des Filmklubs Bern bereits Anfang der Siebzigerjahre. Nicht wegen mangelnden Erfolgs. Sondern, weil das Bemühen, andere Filme nach Bern zu bringen, anderswo aufgenommen wurde. Als 1970 das Kellerkino aufging und genau jene unabhängigen, selten gespielten, engagierten Filme zeigte, waren die Ziele des Filmklubs erreicht. Mit der statuarisch geforderten Zweidrittelsmehrheit beschloss man die Auflösung.

Der Bund

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