Vom Herzig-Sein ist Meg Ryan in Locarno wenig anzumerken

Die US-Schauspielerin ist der Inbegriff der romantischen Komödiantin. Am Festival sprach sie über Erfolge und Karriere.

Ihr scheint das Älterwerden weniger schwer zu fallen als anderen Hollywoodstars: Meg Ryan in Locarno. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Ihr scheint das Älterwerden weniger schwer zu fallen als anderen Hollywoodstars: Meg Ryan in Locarno. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Was sie kann, zeigt das Filmfestival von Locarno mit zwei radikal unterschiedlichen Filmen von ihr: «Sleepless in Seattle» von 1993 mit Tom Hanks, einer Liebeskomödie von Nora Ephron, bei der sich die Partner in den letzten Minuten des Filmes treffen. Und «In the Cut» von Jane Campion zehn Jahre später, einem düsteren, erotisch erhitzten Thriller, den die Regisseurin ganz aus dem Blickwinkel ihrer Hauptfigur erzählt.

Der Film sei damals nicht gut angekommen, sagt Meg Ryan im Gespräch mit Journalisten, werde aber heute als feministische Dekonstruktion jener Filme wahrgenommen, die sie früher so oft gespielt habe: die Liebeskomödien mit einer Frau in der Mitte, die an den Mythos der wahren Liebe glaubt. «Ich halte diesen Glauben für ausgesprochen gefährlich», sagt sie. Dass sie diesen Glauben so oft gespielt hat und dabei auch Rollen akzeptierte, bei denen sie vornehmlich herzig war, haben ihr die Feministinnen häufig vorgeworfen.

Selbstironisch und energisch

Von diesem Herzig-Sein ist in Locarno wenig zu merken. Dabei begegnet einem die Amerikanerin genauso sympathisch wie in ihren Filmen, sie lacht oft und hat es gerne selbstironisch. Aber sie wirkt auch energisch und auf gelassene Weise selbstbewusst. Vor allem beantwortet sie die Fragen, ohne hinter der maskenhaften Freundlichkeit zu verschwinden, die man bei solchen Begegnungen oft erlebt. Meg Ryan weiss auch eine Pointe zu drehen. Was hat sie von George Cukor gelernt? Das ist der Hollywoodregisseur, der mit ihr seinen letzten Film drehte und sie mit ihm einen ihrer ersten: «Er nahm seine Zähne heraus und schrie uns an: Hört auf zu schauspielern. Stop acting.»

Auch wenn sie viele Genres genutzt hat: Die Schauspielerin weiss, dass sie dem Genre der unbekümmerten Liebeskomödie ihren Welterfolg verdankt, angefangen mit «When Harry Met Sally» von 1989 mit dem Komiker Billy Crystal als Filmpartner. Der Film über zwei verschiedene Freunde, die sich doch noch verlieben, enthält den längsten, von Meg Ryan vorgeschlagenen falschen Orgasmus der Filmgeschichte. Heute wahrt sie zu ihren Erfolgsfilmen Distanz. «Manchmal sehe ich mich im Fernsehen mit einer Stimme von vor 25 Jahren», sagt sie: «Dann stelle ich den Fernseher ab.» Die meisten ihre Filme habe sie nie mehr wieder gesehen.

Von den Paparazzi verfolgt

Meg Ryan hat mit manchen humorvollen Kollegen gespielt, Billy Crystal, Kevin Kline, Jean Reno oder Tom Hanks. Dieser spielt auch bei «Ithaca» mit, ihrer ersten Regiearbeit. «She’s tough», hat Hanks einmal über sie gesagt: Die kann im Fall auch knallhart sein. Frage an Mrs. Ryan: Wie er das wohl meinte? «Dass man in diesem Geschäft eine Rüstung anhaben muss und einen starken Bullshit-Detektor», sagt sie. Man müsse herausfinden, wem man trauen könne, und aushalten, wie viel Gemeinheiten über einen erzählt werden. In den Jahren ihres frühen Ruhms wurde sie von Paparazzi verfolgt, ihr Liebesleben kam an die Öffentlichkeit, das Scheitern ihrer Ehe mit dem Kollegen Dennis Quaid, mit dem sie einen Sohn hat, wurde intensiv kommentiert. Er hatte sie wiederholt betrogen und war nicht von den Drogen losgekommen. Inzwischen hätten sie es gut, sagt sie.

«Ich habe den Erfolg genossen, aber ich hätte ihn nicht als Schauspielerin haben müssen», sagt Ryan, die an der New Yorker Universität mehrere Jahre lang Journalismus studiert hat. «Ich bevorzuge eine mehr beobachtende Rolle.» Vor zehn Jahren zog sie von Los Angeles nach New York, seit einigen Jahren arbeitet sie als Autorin, Produzentin und Regisseurin, schreibt an einer Fernsehserie über eine Gruppe von älteren Leuten und möchte mit der Produktionsfirma Working Title die Regiearbeit für eine neue Komödie übernehmen. Sie redet ohne Bedauern über den früheren Erfolg und ihre heutige Bedeutungslosigkeit, und sieht man von ihren Liftings ab, die in Hollywood offenbar zum Beruf gehören, obwohl sie nicht schöner machen, nur glatter, scheint der 56-Jährigen das Älterwerden weniger schwer zu fallen als anderen.

Was gefällt ihr eigentlich an New York, der neuen Wahlheimat? «Ich liebe die New Yorker, die meisten jedenfalls», gibt sie zur Antwort. «Die einen wollen dich nach Paris mitnehmen, den anderen bleibst du komplett egal.» Sie scheint mit beiden Typen klarzukommen.

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