Sein Niedergang scheint unaufhaltsam

Johnny Depp macht Filmpause und gibt mit seinen Hollywood Vampires munter-morbide Rockkonzerte.

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«We are the Vampires», kräht Alt-Schockrocker Alice Cooper ins Mikrofon, «we pay tribute to our dead drunk friends.» Dazu schwingt der 70-Jährige den Stock und gibt mit Zylinder den Zampano der Hollywood Vampires, benannt nach Coopers gleichnamigem Club aus den Siebzigerjahren, wo sich exzessive Zeitgenossen wie Ringo Starr, John Belushi, Marc Bolan oder Keith Moon gegenseitig unter den Tisch tranken. Cooper selbst ist aber erstens seit 30 Jahren trocken und zweitens nicht die Hauptattraktion des Abends in der Zürcher Samsung Hall. Diese Ehre gebührt einem anderen Exzentriker, und der war zuletzt alles andere als nüchtern: Johnny Depp.

Doch der angeblich tief gesunkene Hollywood-Glamour-Bad-Boy stolziert über die Bühne, als wäre nie etwas gewesen. Nicht die Sorge um den gesundheitlich angeschlagenen Sohn (was Mutter Vanessa Paradis vor Wochenfrist zur Absage ihrer eigenen Filmpremiere bewegt haben soll), nicht die Sorgen um den bevorstehenden Monsterprozess gegen sein ehemaliges Management (der ab Mitte Juli in Los Angeles stattfindet), nicht die Reue um mutmassliche häus­liche Gewalt gegen Ex-Gattin Amber ­Heard oder Bedenken wegen Drogen­exzessen oder verprasster Saläre in der Höhe von sagenhaften 650 Millionen Dollar, wie zuletzt das Magazin «Rolling Stone» berichtete.

Nein, der 55-Jährige gockelt fröhlich herum mit weissem Kurzarmhemd, schwarzem Gilet und jeder Menge Glitzerkram um Hals und Gürtel. Er grinst, raucht, wirft Gitarrenplektren ins Publikum und sieht dabei keineswegs so ­ungesund aus, wie zuletzt kolportiert wurde. Nun könnte man einwenden, dass es wohl zum guten Hollywood-Ton gehört, irgendwann im Leben eine eigene Band zu bewirtschaften. Ryan Gosling tut es mit der Indie-Rock-Gruppe Dead Man’s Bones, Jada Pinkett Smith singt in der Metalband Wicked Wisdom, Keanu Reaves war Bassist bei der Grunge-Combo Dogstar.


Video: Sorge um Johnny Depp

Auf aktuellen Fotos sieht der Megastar krank aus. Video: Tamedia


Bei Johnny Depp hat die Musik jedoch einen anderen Stellenwert: Der heutige Megastar hatte in den Achtzigern eine Bandkarriere angestrebt, lange bevor er seine ersten Rollen beim Film ergatterte. Und vor nicht allzu langer Zeit sagte er dem «Guardian»: «Musik ist und war meine erste grosse Liebe, seit ich das erste Mal eine Gitarre in der Hand hatte. Die Schauspielerei war eher ein Umweg, und eigentlich interessierte sie mich damals überhaupt nicht.»

Die Anfänge als Aussenseiter

Es war dann Depps Jugendfreund Nicolas Cage, der ihn dazu überredete, für den Teenie-Horrorfilm «A Nightmare on Elm Street» (1984) vorzusprechen. Depp bekam eine Nebenrolle, nahm Schauspielunterricht und schaffte den Durchbruch in den USA mit der überaus erfolgreichen TV-Serie «21 Jump Street». Nun wurde auch die Filmwelt auf den gut aussehenden Newcomer aufmerksam. Trash-Papst John Waters verpflichtete ihn als Hauptdarsteller neben Ex-Pornostar Traci Lords und Punkrocker Iggy Pop für die Fünfzigerjahre-Musicalparodie «Cry Baby» (1990). Und obwohl der Film kein Erfolg wurde, zeichnete er doch deutlich Depps Karriere vor, die in den Neunzigerjahren hauptsächlich aus Aussenseiterrollen bestand. Der Schauspieler lehnte angeblich Angebote für «Titanic», «Speed» oder «Interview with the Vampire» ab und liess sich stattdessen in Jim Jarmuschs elegischem Schwarzweiss-Western «Dead Man» (1995) von Kopfgeldjägern verfolgen und als falscher Dichter verehren.

Ähnlich schräg waren die Rollen, die Depp für den Regie-Düsterfürsten Tim Burton verkörperte. Angefangen vom scherenhändigen «Edward Scissorhands» (1990) bis zum maskenhaften Vampir in der Horrorkomödie «Dark Shadows» (2012) spielte er in insgesamt acht Filmen Burtons mit. Ein Hinweis auch darauf, dass der Darsteller damals manisch nach Vaterfiguren suchte. Neben Burton fand er solche Vorbilder etwa in Marlon Brando (neben dem Depp in «Don Juan DeMarco», 1995, auftrat) oder im Gonzojournalisten und Drogenspezialisten Hunter S. Thomp­son, dem er gleich zweimal die filmische Ehrerbietung erwies – in «Fear and ­Loathing in Las Vegas» (1998) und in «The Rum Diary» (2011).

Die Ikone Jack Sparrow

Der grösste Coup glückte Depp jedoch mit der Figur des Jack Sparrow in den bis heute fünf «Pirates of the Caribbean»-Filmen. Für die Rolle des allzeit derangierten Captains nahm er Mass an Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards und schuf daraus nicht nur eine moderne Filmikone. Dank Sparrow katapultierte sich Depp mit ungeheurer Lässigkeit ins Mainstreamkino und fand sich in einer Liga von fast übermenschlicher Anbetungswürdigkeit wieder. Ab dato strich Depp astronomische Gagen ein und widmete sich Lieblingsprojekten wie etwa «Finding Neverland» von Marc Forster (2004). Doch der Aussenseiterstatus verblasste, Depps Rollen wurden einförmiger, grenzten immer öfter ans Selbstplagiat – am deutlichsten im Riesenflop «The Lone Ranger» (2013), wo er als brabbelnder Indianer mit totem Vogel am Hut wie ein vertrockneter Jack Sparrow durch den Wilden Westen irrte.

Heute würde Johnny Depp gut daran tun, sich seiner Anfänge zu erinnern, als er noch ein Durchschnittstyp war. Einer, der sich nicht extra eine Insel zu kaufen brauchte, um sich wie Marlon Brando zu fühlen. Einer, der nicht die Asche von Hunter S. Thompson für drei Millionen Dollar mit der Kanone in die Luft jagen musste, um der Welt zu zeigen, wie verbunden er ihm war.

Beim ersten Schweizer Konzert vom Dienstag scheint Depp nun fast ein Star zum Anfassen zu sein. Und Gitarre spielen kann er auch. Nicht so selbstverliebt gniedelnd wie es Vampires-Gitarrist Joe Perry von Aerosmith tut, aber das Oldschool-Rockkonzert ist ein unterhaltsam morbides Potpourri. Es gibt passable Eigenkompositionen der Band (bei ­«People Who Died» singt erstmals Johnny Depp), der Hauptteil der Songs besteht allerdings aus rockhistorischer Ehrerbietung für die Verstorbenen, die zu den jeweiligen Songs im Bühnenhintergrund eingeblendet werden: Jim Morrison von den Doors wird mit einem Medley aus «Five to One» und «Break on Through» geehrt, The-Who-Schlagzeuger Keith Moon mit «Baba O’Riley» erinnert, am lautesten wird Motörheads Lemmy Kilmister bejubelt («Ace of Spades»), und zur Zugabe mixt Alice Cooper seinen Siebziger-Hit «School’s Out» mit Pink Floyds «Another Brick in the Wall». Hymnen à gogo. Das Publikum schwelgt in vergangenen Welten.

Löchrig wie ein Schweizer Käse

Und Johnny Depp? Der gibt David Bowies «Heroes» zum Besten, doch im Konjunktiv der Songzeilen («We could be Heroes, just for one day») ahnt man, dass da vielleicht eine Mahnung für ihn selbst liegen könnte. Gemäss der «Forbes»-Liste war Depp 2015 und 2016 der überbezahlteste Schauspieler Hollywoods. Klar, seine Jack-Sparrow-Figur wird überleben, die «Pirates»-Reihe wohl noch einige unnötige Fortsetzungen erfahren. Aber wird es Depp schaffen, nochmals einen neuen Karriereweg einzuschlagen, gar so etwas wie ein Alterswerk vorzulegen? Und was wird aus diesem unberechenbaren Rockstar-Kind im Mann, wenn demnächst die Prozesse beginnen und die Kasse leer bleibt? Alice Cooper lobt zum Schluss, Johnny Depp sei so präzise wie eine Schweizer Uhr und so löchrig wie ein Schweizer Käse. Da hat er vermutlich recht. Auch wenn man nicht wirklich begreift, was das heissen soll.

Die Hollywood Vampires spielen heute Abend am Montreux Jazz Festival, das Konzert ist ausverkauft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2018, 18:59 Uhr

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