Schlechte Presse

Dieter Fahrer hat für «Die Vierte Gewalt» die Medienlandschaft erkundet. Dummerweise fühlt sich seine Liebeserklärung an den «Bund» an wie ein Adieu.

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Daniel Di Falco
Regula Fuchs

Das Telefon läutet. Geht jemand ran? Aber halt: Wir sind ja nicht im Büro, wo uns dieser Klingelton immer wieder aufscheucht, wir sitzen im Kino. Und schauen uns selber zu. Wir hören unsere Telefone, sehen unsere Bildschirme, die Kaffeebecher, die Papierstapel.

Die Redaktion des «Bund» ist nämlich das Sujet im Film des Berners Dieter Fahrer, oder besser: eines der Sujets. Und weil wir selber der Gegenstand sind, können wir über den Film hier natürlich nicht so schreiben, wie wir das sonst tun, sondern für einmal: ohne die übliche Distanz. Aber mit dem Wissen, wie es war, als Fahrer im Juni 2016 auf die Redaktion kam und erklärte, seine Eltern seien der Grund, warum er einen Film über Medien drehen wollte.

Die Eltern? Als Margrit und Ernst Fahrer aus der Wohnung auszogen, in der sie ein halbes Jahrhundert gelebt hatten, stand der Sohn im leergeräumten Wohnzimmer und erinnerte sich, wie seit eh und je der «Bund» auf dem Stubentisch gelegen hatte. Die Familie, die nach Fahrers Eltern einzog, hatte keine Zeitung abonniert.

Es ist eine Branche der unsicheren Zukunftsaussichten und bröckelnden Gewissheiten, die der Regisseur von «Thorberg» in seinem neuesten Film porträtiert. Er hat dafür nicht nur beim «Bund», sondern auch auf der Redaktion des Onlineportals Watson gedreht, beim «Echo der Zeit» von SRF (das im Film aber nur eine Randerscheinung ist) und bei der «Republik», dem werbefreien Internetmagazin, das zur Zeit der Dreharbeiten noch ein grosses, mit blumigen Worten garniertes Versprechen war.

Es treten also auf, als grösstmögliche Gegensätze: eine herkömmliche Zeitungsredaktion einerseits, in der Lokaljournalisten mit Gespür und Genauigkeit über das Kleine in der Nähe berichten und darin das Grosse suchen. Und andrerseits ein Netzprodukt, bei dem es ein «Ressort Spass» gibt und die dafür zuständige Redaktorin Cartoons zum Thema Menstruation aus dem Internet fischt, um «unsere Seite gut zu füllen».

Man wundert sich ein bisschen über die Dehnbarkeit eines Berufsbilds. Und trotzdem ist klar, welches Medium bei einer solchen Gegenüberstellung als das beweglichere, frischere, für die Zukunft fittere erscheint. Da kann Kollege Marc Lettau vom «Bund» noch so klug über die Rettung des Wissens in der Ära der Googlisierung nachdenken, und wir würden alles unterschreiben, was er hier sagt – doch wer wollte andrerseits dem Appeal eines Portals widerstehen, das die Bedürfnisse moderner Büromenschen so perfekt zu bewirtschaften weiss? «Hallo! Emotionen!», heisst es auf der Redaktionssitzung von Watson bei Themenentscheiden. Auch wenn «Die Vierte Gewalt» dieser Fashionability nicht völlig erliegt: In den Bildern aus Zürich ist eindeutig mehr Schwung drin, mehr «Traffic», um es im Sprech der Online-Maschinisten zu sagen. Diese Bilder passen auch besser zur Welt, wie Fahrer sie sieht: alles so flüchtig geworden, so substanzlos und zapplig.

Und da beginnt das Problem, das wir mit diesem Film haben. Dieter Fahrer ist ein Grosser mit Bildern, ein Virtuose im visuellen Erzählen; er bringt es sogar fertig, derart dürren Dingen wie der Arbeit am Bildschirm oder dem Blick auf eine Website eine Macht zu verschaffen, die einen packt. Zugleich haben diese visuellen Kräfte ein merkwürdiges Eigenleben: Fahrers Bilder (die Kamera hat Christoph Walter geführt) erzählen etwas anderes als sein Text. Die Einstellungen und die Schnitte übergehen die Sätze, die Fahrer als Erzähler

sagt und die seine Befürchtungen als kritischer Medienkonsument ausdrücken. Die Befürchtung zum Beispiel, dass sich unter dem Quotendruck Information in Manipulation verwandle. Dass Empörung geschürt werde, um die Leser bei der Stange zu halten. Dass die Verantwortung für die Lage der Medien aber auch bei einem Publikum liege, das nicht mehr bereit sei, für guten Journalismus etwas zu zahlen. Und schliesslich sagt Fahrer auch, aber das kommt bezeichnenderweise so klar nur im Abspann zur Sprache: dass Menstruationscartoons und Katzenvideos auch kein Geschäftsmodell seien – Watson macht nach wie vor keinen Gewinn. Der Schlüssel zur Zukunft liegt auf keinem der Schauplätze herum: vier Redaktionen, allenthalben dasselbe Ringen um Geld und Publikum.

Dieter Fahrer sorgt sich also um den klassischen Journalismus, doch genau den lässt er dann in seinen Bildern totenblass aussehen. Es gibt in «Die Vierte Gewalt» etwa jene Szene, in der Kollege Lettau über den Dauerregen von Information spricht, gegen den man sich zu behaupten habe, mit dem journalistischen «Tribunal der Fakten», heute erst recht – und plötzlich geht das Licht aus, weil das der Bewegungsmelder der Stehlampe so will. Was sich nicht regt, wird ausgeknipst: So etwas lässt sich nicht anders als metaphorisch lesen.

Sinn- und Leitbilder sind auch die Räume in Fahrers Film. Leer ist die Wohnung der Eltern, und leer ist die Ecke auf der «Bund»-Redaktion, wo man die Pulte weggeräumt hat, um Miete zu sparen. Die Parallele ergibt die Botschaft: Die alte Welt weicht der neuen; und die gehört im Film nicht uns, sondern vor allem den Leuten von der «Republik». Man sieht sie beim Bürobezug im Zürcher Kreis 4, man sieht sie in Konfettilaune. Die «Republik» wolle Journalismus ohne Werbung, kommentiert Fahrer, doch bisher habe sie nur Werbung ohne Journalismus geliefert. Klar mussten wir lachen über den Witz. Aber er macht den Bildern auch keinen Strich durch die Rechnung.

Derweil schält Fahrers Mutter am Tisch ihre Kartoffeln auf einer «Bund»-Doppelseite, und am Ende kommt beides in den Kübel: die Zeitung und die Rüstabfälle. Überhaupt, der «Bund» wird ständig mit Fahrers betagten Eltern assoziiert, die ein Leben lang Abonnenten waren. Margrit Fahrer liest ihrem fast blinden Mann noch immer aus dem «Bund» vor in ihrer zweckdienlich eingerichteten Alterswohnung. Einer geräuschlosen Kapsel, in welcher der Lauf der Dinge, der die Redaktionen auf Touren hält, zum Stillstand kommt und die Worte versiegen. Und die beiden alten Leute singen ein Abendlied.

Ist die «Die Vierte Gewalt» eine Analyse der Medien im Zeichen der Krise? Eindeutig. Aber mehr noch ist dieser Film etwas anderes, und das kommt dem Dokumentarischen in die Quere: ein persönlicher Essay über das allmähliche Verschwinden – von Menschen und Dingen, die einem Sicherheit geben und Orientierung. So wie eine Tageszeitung: als Ort, wo die Fakten zu Hause waren. Und mit ihnen die Wahrheit. Genau so zeigt es Fahrer: in der Vergangenheitsform.

Wie sehr sich Leser mit einem Blatt identifizieren, wie sehr es zu einem Teil ihres Alltags, ja ihrer Biografie werden kann, das hat man so eindrücklich selten gesehen. In der Familie Fahrer ist tatsächlich beides dasselbe: das Vertrauen in den «Bund» und diese Vertrautheit mit ihm. Das ehrt uns, es stärkt uns, und wir wollen nicht undankbar sein: Leser wie Dieter Fahrer und seine Eltern sind das Beste, was einer Zeitung passieren kann. Ganz wohl ist es uns mit dieser Liebeserklärung allerdings nicht, obwohl sie uns ebenfalls ehrt. Weil sie, wie jede Liebeserklärung, blinde Flecken hat. Erst recht, wenn sie zugleich eine Abschiedserklärung ist.

Der «Bund», so hat es uns der Regisseur in einem Interview erklärt, als er 2016 mit dem Dreh auf der Redaktion anfing – der «Bund» also habe das «Grundgefühl» seiner Jugend geprägt. Aber «nun, als ich in der leeren Wohnung meiner Eltern sass, spürte ich, dass dieses Grundgefühl passé war. Und dass ich das filmisch ergründen wollte.»

Das hat Fahrer getan mit der «Vierten Gewalt». Aber hat er es «ergründet», jenes Gefühl? In den Sinn kommt einem ein anderes Wort: grundiert. Was den «Bund» angeht, grundiert ein Gefühl von Verlust und Verschwinden die Bilder. Dieser Film ist eine «Allegorie», und das ist nun Fahrers eigenes Wort – eine Allegorie nämlich über «das Sterben von Print und das Sterben meiner Eltern».

Für den Print, also die gedruckte Zeitung, steht hier der «Bund»; das ist die Rolle, die uns Fahrers Film gibt. Das «Echo der Zeit» dagegen: staatstragend. Watson: innovativ. Die «Republik»: Retter des Journalismus. Und wir – ein sympathisches Häufchen von Idealisten, aber ein Auslaufmodell. Weil die Zukunft woanders stattfindet. Und weil wir Teil eines Medienkonzerns sind, der uns mit seinem Gewinndruck den Garaus macht.

Sagt Dieter Fahrer es so? Seine Bilder sagen es so, weil sie uns am liebsten mit unseren Sorgenfalten zeigen, beim Verdauen schlechter Nachrichten; am grossen Sitzungstisch vor zwei Jahren zum Beispiel, bei der Orientierung des Chefs über eine kommende Spar- und Abbaurunde. Das sind die Momente, die zu Fahrers «Grundgefühl» passen – mehr als jene zum Beispiel, die den Kollegen Lettau bei seiner Arbeit zeigen; in seiner ebenso gründlichen wie empathischen und rundum vorbildlichen Art, nicht nur mit seinen Interviewpartnern umzugehen. Sondern auch mit amtlichen Communiqués wie jenem des Bundesrats am 15. September 2016.

Damals eröffnete Alain Berset in Bern die Feckerchilbi und nannte die «Fahrenden» nicht «Fahrende», sondern «Jenische und Sinti», womit er ihrem Selbstverständnis entsprach. Aber sagte er auf der Bühne wirklich «sehr geehrte Jenische und Sinti», wie es im Redetext steht? Der Lokalredaktor hört sein Diktafon ab: «Liebe Jenische, liebe Sinti.» Das ist nur eine Nuance. Aber sie verdeutlicht die Haltung der Landesregierung in dieser Frage. Und unsere Ansprüche an unsere Arbeit.

Wohlverstanden: Es gibt die nicht weniger eindrückliche Aufmerksamkeit Dieter Fahrers, dem dieser Moment nicht entgeht. So ein Gespür, wie es dieser Filmer für seine Protagonisten aufbringt, sieht man ja ebenfalls selten im Kino (aber einmal mehr bei ihm), und auch dafür sind wir ihm dankbar. Aber wie er diese Beobachtung seinem «Grundgefühl» opfert, das macht uns Kummer. Schon zu Beginn des Films geht es ja in unsere Druckerei; die Zeitungen kommen aus der Maschine und sausen an diesen Bahnen unter der Decke durch die Halle, druckfrisch und zahllos. So hat das Kino das Pressewesen schon oft ins Bild gesetzt. Aber hier erzählt diese klassische Szene nicht mehr von Dynamik und Tempo: Das Band mit den aufgereihten Rechteckformen – sieht das nicht wie eine Wirbelsäule aus, wie ein Fossil unter dem Dach eines naturhistorischen Museums? Das Papier hat wirklich die bleiche Farbe von Knochen: Was wir da sehen, ist ein Saurier. Etwas zum Aussterben Verdammtes. Draht- los mit der Evolution verbunden sind dagegen die Onlinemedien.

Als ob diese Zeitung noch dieselbe wäre wie im letzten Jahrhundert. Als ob der «Bund» keinen Internetanschluss hätte und auch seine Leserschaft nicht. Als ob es bei uns nur die Skepsis jener Redaktorinnen und Redaktoren gäbe, die Fahrer filmt, während sie in einer Schulung ihr Online-Know-how aufbessern, und nicht auch ihren tagtäglichen Einsatz auf unseren digitalen Kanälen. Als ob wir nicht allen Grund zur Zuversicht hätten, dass sie uns gelingt, die digitale Transformation, wobei uns diese Zuversicht unser Publikum gibt: mit der hohen Quote von Lesern, die von einem Print- auf ein bezahltes Online-Abonnement wechseln.

Und schliesslich, liebe Kollegen Lettau, Sohm und Feuz: Euer ergrauendes Haar steht euch gut. So gut wie die Professionalität und die Erfahrung, die ihr vor der Kamera an den Tag legt. Die viel sagende Pause schliesslich, lieber Chef, bevor du dich äusserst zur Politik unseres Konzerns, so dass man dir förmlich zusehen kann bei deinem inneren Ringen – grosse Klasse. Und doch fehlt uns etwas: der Blick auf unsere anderen Kollegen, auf die Frauen, auf die schlagkräftige U-30-Liga im Lokalressort, die dem «Bund» ein anderes Gesicht geben könnte. Ein anderes – nun, lieber Dieter: Grundgefühl eben. Es wäre eher unseres gewesen.

Beleidigt sind wir nicht, obwohl das nun alles womöglich so klingt. Das Verrückte ist ja, dass der Mann hinter diesem Film am «Bund» dasselbe mag wie wir selber. Auch wenn diese Zeitung «dem Kampf um Klicks und Aufmerksamkeit nicht ausweichen» könne, was man am Tempo der Berichterstattung sehe oder daran, dass Online-Artikel «reisserischer angetextet» würden als früher – was den «Bund» seit jeher auszeichne, sei noch da, hat uns Dieter Fahrer einmal gesagt. Er meinte damit das «Bemühen um Relevanz, Vertiefung und Orientierung im immer reissenderen Strom von Informationen». Genau von diesem Bemühen hätten wir gern mehr gesehen.

Andrerseits, zum Schluss und trotz allem: Wenn es nur diesen Film gäbe und wir wählen müssten zwischen den vier Medien, die er porträtiert, und zwar genau so porträtiert, wie er es hier nun einmal tut – unsere Entscheidung wäre noch immer dieselbe.

Erstmals ist «Die Vierte Gewalt» am 27. und 30. Januar an den Solothurner Filmtagen zu sehen, ab 8. Februar dann im regulären Kinoprogramm. dieviertegewalt.ch.

Der Bund

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