Pfeile abschiessen und schauen, was passiert

Der kubanische Starregisseur Fernando Pérez weilt derzeit als Dürrenmatt-Gastprofessor an der Universität Bern.

Aus Ernest Hemingways letztem Buch lernt die kubanische Schülerin Larita (Laura de la Uz), dass man besiegt werden kann, aber niemals aufgeben darf.

Aus Ernest Hemingways letztem Buch lernt die kubanische Schülerin Larita (Laura de la Uz), dass man besiegt werden kann, aber niemals aufgeben darf. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit keinem anderen Land ausserhalb seiner Heimat Kuba hat Fernando Pérez eine so lange und kontinuierliche Beziehung wie mit der Schweiz. 1990 kam der damals 45-jährige Regisseur zum ersten Mal in die Schweiz, die Stadt Biel hatte kubanische Kulturtage veranstaltet und dabei auch ein Filmprogramm im Bieler Filmpodium präsentiert.

«Die Diskussion mit dem dortigen Publikum war sehr leidenschaftlich», erinnert sich Fernando Pérez, die Projektion von «Clandestinos», seinem Spielfilmerstling um eine Gruppe von Stadtguerilleros im Revolutionsjahr 1958, habe die Leute aufgewühlt. «Wie kann jemand, der aus einem Land wie Kuba kommt, nur einen so brutalen Film machen», habe man gefragt, erzählt der heute 71-jährige Pérez an diesem winterlichen Märztag in Bern und lacht.

Er habe dann den Leuten erklärt, dass er mit diesem Film den Versuch gemacht habe, die Suspense-Elemente von Hitchcock in den Kontext eines kubanischen Revolutionsfilms zu transformieren.

«Ich bin kein filmischer Purist, der nur eine einzige Linie verfolgt, mir haben schon immer verschiedene Arten von Kino gefallen; ich könnte mich beispielsweise nicht entscheiden, ob mir nun Filme von Spielberg oder von Bergman besser gefallen», betont er.

Glücklicher Zufall

Zum Kino ist er schon sehr früh gekommen, bereits mit 17 wusste er: In dieser Welt wollte er arbeiten. Dank eines glücklichen Zufalls konnte er 1962 im drei Jahre zuvor gegründeten Filminstitut ICAIC bei einer kubanisch-tschechischen Koproduktion mitwirken – als dritter Regieassistent.

«Hinter der hochtrabenden Berufsbezeichnung verbarg sich nichts anderes als ein Botenjunge, der manchmal auch die Kamera tragen durfte», erinnert er sich und lacht: «Der Film war fürchterlich schlecht.» Dennoch habe er viel gelernt damals, vor allem Gelassenheit und einen gewissen Fatalismus. Es war nämlich im Oktober des Jahres 1962, als die Welt wegen der auf Kuba neu stationierten sowjetischen Nuklearraketen am Rande eines Atomkriegs stand.

Später studierte Pérez Journalismus, drehte Dokumentarfilme, arbeitete unter Anleitung von Kubas Filmlegenden Santiago Alvarez und Tomás Gutiérrez Alea, bis er 1987 seinen ersten Spielfilm, eben «Clandestinos», drehen konnte, er wurde in Kuba ein Riesenerfolg.

Doch zurück zu Perez’ erster Reise in die Schweiz 1990. Der Besuch in Biel war der Beginn der Freundschaft mit dem damaligen Leiter des Filmpodiums Biel, Beat Borter.

Die Freundschaft, die bis heute andauert, brachte es mit sich, dass Borter 1998 selber einen Film über die Arbeit von Fernando Pérez drehte («La vida es filmar») – und dass Biel zur einzigen Stadt ausserhalb Kubas wurde, wo Pérez im Laufe der Jahre bis 2007 sämtliche Filme persönlich vorstellte.

Nur seine beiden letzten Filme, «José Martí – El ojo del canario», ein gegen den Strich gebürstetes Biopic über die Kindheit von Kubas Nationalhelden José Martí (2010), und «La pared de las palabras» (2014) waren bis anhin noch nie in der Schweiz zu sehen – sie werden nun im Rahmen der Retrospektive in Bern gezeigt.

Die Europapremiere von «La pared de las palabras» findet am 17. März in Biel statt, im dortigen Kino Rex in Anwesenheit von Fernando Pérez und Beat Borter. «Die Wand der Worte» – so die deutsche Übersetzung – ist, so Pérez, «ein Film über den Schmerz und ein Fim über die Grenzen des Leidens».

Es geht darin um einen geistig und körperlich behinderten Mann, der in einer disfunktionalen Familie lebt – mithin nicht gerade das, was man mit der längst zum Gemeinplatz erstarrten Latino-Fröhlichkeit assoziieren könnte.

Dabei wirkt Fernando Pérez im Gespräch alles andere als einer, der den Weltschmerz mit sich herumträgt. Vielmehr strahlt er mit seinen 71 Jahren unglaubliche Wachheit und Energie aus und ist dabei ein extrem aufmerksamer Zuhörer.

Genau so neugierig wie mit 17

«Ja, klar, es gibt das genetische Alter und die Tatsache, dass alles irgendwann zu Ende ist», antwortet er auf die Frage nach der Quelle seiner Energie. «Ich bin heute noch genau so neugierig wie damals mit 17, als ich ins Filminstitut ICAIC eintrat», meint er.

Und dann sei er ja durch seine Unterrichtstätigkeit in Kuba – und jetzt für drei Monate an der Uni Bern – dauernd mit jungen Leuten zusammen. Ihren Ideen und ihrer Sicht auf die Welt und aufs Kino fühlt er sich nahe.

Mit «Madagascar» (1994) und «Suite Habana» (2003) hat er zwei Filme realisiert, die das, was vom «kubanischen Traum» übrig geblieben ist, in einer Schonungslosigkeit demontieren, wie das vorher und nachher kein anderer Cineast von der sozialistischen Insel gemacht hat. Dabei sind beide Filme Lichtjahre entfernt davon, in irgendeiner Weise politische Pamphlete zu sein.

Es sind ganz einfach zwei filmästhetisch und inhaltlich radikale Werke, die in ausgefeilter Metaphorik vom Leben einfacher Leute in Kuba erzählen – etwas, was natürlich auch für seinen 1998 entstandenen bekanntesten und erfolgreichsten Film, «La vida es silbar», gilt.

In jedem seiner Filme stecke viel von seiner persönlichen Geschichte, betont Pérez, aber wenn er dann gefragt wird, welcher seiner Filme am meisten Autobiografisches aufweise, winkt er ab: «Diese Sichtweise ist für mich genau so irrelevant wie jene nach dem politischen Gehalt meiner Filme», erklärt er und präzisiert dann: «Für mich bedeutet Filme machen, Pfeile abschiessen und dann schauen, was passiert. Dabei interessiert mich der Flug des Pfeils. Und der lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Deshalb mache ich Filme.»

Mit «Hello Hemingway» und in Anwesenheit von Fernando Pérez wird am Mittwoch, 9. März, die Retrospektive im Kino Rex Bern eröffnet. Im Filmpodium Biel ist vom 18. bis 22. März eine «Hommage an Fernando Pérez» zu sehen. «La pared de las palabras» wird als Europa-Premiere am 17. März in Biel gezeigt. (Der Bund)

Erstellt: 08.03.2016, 08:04 Uhr

Artikel zum Thema

Kubanischer Filmemacher wird Friedrich-Dürrenmatt-Gastprofessor

Fernando Pérez soll den Studenten die Sprache des lateinischen Kinos vermitteln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Bildungsreise

Wettermacher Der Name der Hose

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...