Ob Weihrauch Rauschwirkung habe, fragt Zwingli am Telefon

Regisseur Stefan Haupt («Der Kreis») arbeitet gerade an einem opulenten Historienfilm. Es geht um das Leben des grossen Zürcher Reformators Huldrych Zwingli – in allen Facetten.

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Im Zürcher Grossmünster deutete in den letzten Tagen alles auf einen wieder­belebten Katholizismus hin. Auf die wahrhaftige Wandlung von Wein zu Blut und das Geheimnis des Glaubens und aufs Bekenntnis zur Gemeinschaft der Heiligen – jener drei vor allem, die in Zürich heimisch waren, bevor die zwinglianische Reformation sie austrieb wie Teufelszeug: Regula, Felix und Exuperantius, die Märtyrer von der Thebäischen Legion. Sie, die ihre abgehauenen, verehrungsheischenden Köpfe jetzt wieder eine Zeit lang vor sich hertragen durften auf einem farbglühenden Altar im Münsterchor.

Denn «Zwingli», der neue Film des Zürcher Regisseurs Stefan Haupt – vor allem bekannt für das hochprämierte Dokudrama «Der Kreis» (2014) –, für den ein sehr reformiertes Gotteshaus in die Stimmung einer heftig kolorierten, altgläubigen Frömmigkeit getaucht wurde, wird beginnen, als Huldrych Zwingli dort Leutpriester wurde – damals 1519, und scheints noch etwas Geduld hatte mit der katholischen Opulenz. Auch er hatte ja einmal an Kontaktreliquien geglaubt und einen Span vom Heiligen Kreuz verehrt, es war noch gar nicht so lange her. Und item, so schnell ersetzte das reine Wort Gottes, «truewlich by üch gepredget», nicht die Bilder heiligen Wirkens, himmlischer Gnad und höllischer Straf.

Requisiten bringen den Prunk zurück in die Kirche. Fotos: Samuel Schalch

Wie sie wirklich ausgesehen haben, der Choraltar und die 13 anderen Altäre, von denen man redet, ist nur fragmentarisch überliefert. Die reformierten Bilderstürmer waren dann später recht gründlich, und die filmische Spekulation hat sich ein paar kompilatorische Freiheiten nehmen dürfen. Hans Leus Tafelbild vom Pferdewunder in der Schmiede des heiligen Eligius samt der Bannung einer Hexe vermittels einer ­Nasenzange gehörte nie ins Grossmünster, illustriert aber prachtvoll die Sinnlichkeit der in Legenden gegossenen ­katholischen Mysterien. Es werde, erzählt Stefan Haupt auf einem Rundgang (und man darf es schon ein Schwärmen nennen), die Witwe Anna Reinhart, nachmalige Frau Zwingli (gespielt von Sarah Sophia Meyer), vor diesen Schrecken des Purgatoriums knien und brünstig um einen Ablass beten, weil sie über ihrem Stand geheiratet und ihren Mann, den Junker Hans Meyer von Knonau, in die Zwietracht mit seiner Familie und in die Reisläuferei getrieben hat, und der starb ihr später am Wundbrand.

Und man muss sich dazu vielleicht den Düsterschein der Bienenwachs­kerzen vorstellen, von denen Haupt auch erzählt, und die Schwaden von Weihrauch, die einen ein bisschen rauschig gemacht hätten, sodass ihm, Haupt, einem gestandenen Reformierten, manchmal ganz katholisch geworden sei.

Wie man reformiert wird

Das passt. Es scheint einem, dies solle ein Film von Widersprüchen und Übergängen werden, die sich auftaten und vollzogen, in Zwingli, in seiner Frau, in Zürich, das aus dem Mittelalter noch nicht heraus war. In ihm wird die Frage nach einer religiösen Renaissance stecken, nach einem neuzeitlichen Fortschritt des Denkens und Betens, nach seiner radikalen Strenge, seiner Vernunft und seiner Intoleranz, die bis zum Menschenersäufen ging. Oder anders und individueller in öffentlichen und privaten Szenen eines Reformatoren­lebens: die Frage, wie man reformiert wurde und lernte, freier seinem Gott gegenüberzutreten – seinerzeit, als in der frommen Durchschnittsseele die ­apokalyptische Angst und Nachtmahr herrschte – nicht nur Zwingli kam ja 1519 nach Zürich, sondern auch die Pest – und es immer entweder nach Höllenschwefel roch oder eben nach geweihten Düften.

Und dann hat man plötzlich den Zwingli am Telefon, also Max Simonischek, den Hauptdarsteller, und er spricht vom schauspielerischen Weg zu einem eigenen zwinglianischen Zentrum und einer menschlichen Mitte. Wie hilfreich dabei die rechte Mischung aus frei spielender Fantasie und Informiertheit sei. Wie er, «auf der körperlichen Ebene», bei seinem Zwingli eine tiefe Ruhe entdeckte, ein Zeitgefühl ­voller ­Bedächtigkeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Er spielt Zwingli: Hauptdarsteller Max Simonischek. Bild: Jeanne Degraa

Dass, «auf der inhaltlichen Ebene», ihm der Gesellschaftspolitiker Zwingli mit seinen reformerischen Interessen für Eherecht und Armen- und Schul­wesen lieber sei als der Prediger und der Humanist, der mit Erasmus von Rotterdam korrespondierte, näher als der radikalisierte Theologe. Und schliesslich: wie wiederum die schweren Stoffe von historischen Talaren und Messgewändern zu einer disziplinierten Köperhaltung zwangen, bei ders nicht überall zwickte, «du merkst, welche Last auf deinen Schultern liegt, buchstäblich», und das helfe womöglich sogar der inneren Haltung und jedenfalls dem persönlichen Gefühl für schauspielerische Stimmigkeit.

Den Düsterschein von Bienenwachskerzen muss man sich allerdings vorstellen.

Seine wirkliche Herzensangelegenheit sei ja das Theater, nicht der Film, dieses «Medium des Regisseurs», hat Max Simonischek in einigen Interviews gesagt. Er sagt das immer noch. Aber nicht mehr so dezidiert.

Denn eine solche Gründlichkeit und Sensibilität wie bei Stefan Haupt, eine solche Akribie bei Dialogproben und filmszenischen Vorbereitungen habe er noch nie erlebt, «wir waren da ganz nah beim Theater». Und das klingt nach einer Harmonie, die sich künstlerisch doch rentieren müsste.

Würde und Grau

Nur im Weihrauchrausch haben sie sich offenbar nicht getroffen, Haupt und ­Simonischek. Es habe ihn kein mystisches Wehen erreicht, sagt der Schauspieler, es habe einfach angenehm gerochen («Hat Weihrauch überhaupt eine Rauschwirkung?»). Andererseits passt das ebenfalls zur Atmosphäre. So unterscheiden sich Vision und Arbeit oder historischer Film und geschichtliche Wahrheit. Ein wenig Differenz bleibt ­immer.

Schauspielerin Sarah Sophia Meyer. Bild: PD

Nüchtern besichtigt, gewissermassen im Arbeitslicht dieser neun Drehtage, wirkte auch der Prunk des katholischen Grossmünsters gar nicht so überwältigend prunkvoll, und Requisit blieb Requisit. Selbst Stefan Haupt deutete an, es sei dem Kirchenraum die protestantische Würde und dessen Grau nie ganz auszutreiben gewesen. Es sind dort jetzt die reformierten ­Zustände wiederhergestellt. Die Filmcrew ist weitergezogen nach Stein am Rhein, ins Kloster Sankt Georgen, wo sich, wie es heisst, eine spätmittelalterliche Originalität wundersam und wie für diesen Film gemacht erhalten habe. «Zwingli», federführend produziert von der Zürcher C-Films AG (Budget: 5,5 Millionen Franken), soll Anfang 2019 in die Kinos kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2018, 18:49 Uhr

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