Nur die Krabben dürfen gehen

Der Film «Island of the Hungry Ghosts» begleitet eine Traumatherapeutin auf der australischen Weihnachtsinsel, wo Geflüchtete willkürlich gefangen gehalten werden.

Bildstark erzählt Gabrielle Brady die Geschichte eines Ortes, den es gar nicht geben dürfte. Quelle: Youtube


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Eine Frau sitzt in einem hellen Raum, vor ihr steht eine Kiste gefüllt mit Sand. Sie stellt kleine Plastikfiguren darin auf, legt ein Boot auf eine Stelle, die sie freigewischt hat. Jemand fällt ins Wasser, an Land ein Soldat, der schiesst. «Das ist das Leben, das wir zurückgelassen haben», sagt sie der Therapeutin. Die Frau ist Protagonistin des Dokumentarfilms «Island of the Hungry Ghosts». Sie wird in Australien in einem Asylzentrum festgehalten.

Erst im September haben die Vereinten Nationen Australien für seinen Umgang mit Asylsuchenden gerügt. Unter anderem wird ein staatenloser Mann ohne Anklage und Prozess seit neun Jahren festgehalten. Zurzeit befindet er sich auf der Weihnachtsinsel. Dorthin nimmt der Film den Zuschauer mit, auf die Insel der hungrigen Geister.

Für die Festgehaltenen gibt es dort kein Entrinnen. Rundherum ist zuerst der Dschungel, danach der Indische Ozean – «offshore detention» heisst der Fachbegriff für die Praxis, Geflüchtete weitab vom australischen Festland einzusperren.

Die Weihnachtsinsel gilt als einer der zuletzt entdeckten Orte der Welt. Zu ihren ältesten Bewohnern gehören Millionen Roter Landkrabben. Bild: Autlook Films

Einzig die Krabben dürfen weg von der Insel. Deren jährliche Wanderung zieht sich durch den gesamten Film. Ihre Migration vom Land ins Wasser soll reibungslos verlaufen. Dafür sorgt der Mensch. Er hilft den roten Tieren, Gräben zu überwinden und Strassen zu passieren – während die Geflüchteten eingesperrt bleiben.

Unerträglich ist dieser Gegensatz zwischen Bewegung der einen und Stillstand der anderen zuweilen auch für die Therapeutin, die im Film begleitet wird, Pho Lin. Sie lebt mit ihrer Familie auf der Weihnachtsinsel und bietet Asylsuchenden Traumatherapien an. Viel Zeit verbringt sie damit, herauszufinden, wo Patienten, die nicht erscheinen, geblieben sind. Niemand will es wissen. Niemand gibt ihr Auskunft. Sie versucht, ruhig zu bleiben.

Bald sitzt vor ihr ein Mann. Er spricht über das, was Pho Lin abends in den Armen ihres Mannes zu verarbeiten versucht. Der Mann will nicht mehr leben. Nicht wegen der Erlebnisse, die er in seiner alten, kriegszerrütteten Heimat gemacht hat. Die Insel setzt ihm zu. Wie lange wird er hierbleiben müssen? Wird er seine Familie wiedersehen? Wird er seiner kranken Mutter helfen können? Wird er je wieder ein Leben haben?

Surreale Insel, reale Verzweiflung

Einblick in den Alltag in der Unterkunft gibt es nicht. Es lässt sich nur erahnen, wie paralysierend, demütigend und auch traumatisierend er sein muss. Die Geschichte einer jungen Mutter macht das deutlich. Eine ihrer Freundinnen wurde von Wärtern ohne Vorwarnung mitgenommen. Kein Aufwiedersehen, kein Abschied. Die Menschen verlieren ihre Menschlichkeit, sich selbst.

Nur die Krabben wissen wohin. Leise und zielstrebig suchen sie ihren Weg über die Strasse, durch das Unterholz und schliesslich über die messerscharfen, schwarzen Klippen in den Ozean. Auch ein junger Mann wählte diesen Weg. Er floh und sprang.

Der Film hinterlässt eine Spur dessen, was die Asylsuchenden wohl empfinden: stille Verzweiflung. Die langsamen Bilder halten den Zuschauer gefangen. Auch in ihrer Ästhetik. Die Aufnahmen der Umgebung, vor allem der Natur, wirken surreal, poetisch, ruhig, gleichzeitig immer wieder brutal, düster, gespenstisch. Gern hätte man noch mehr aus den Therapiestunden gesehen, mehr von den Menschen gehört, die sonst drohen in Vergessenheit zu geraten. Doch auch so werden einen die kurzen Einblicke in die Seelen derer, die auf der Insel gefangen sind, nicht so schnell verlassen. Die Beklemmung wirkt nach. Die Bilder wollen nicht aus dem Kopf verschwinden. Es ist, als versuche die Insel, auch den Zuschauer festzuhalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 07:28 Uhr

Human Rights Film Festival





«Island of the hungry ghosts» läuft am diesjährigen Human Rights Film Festival in Zürich, am Freitag, 7.12.18, 20:30 Uhr und Samstag, 8.12.18, 14 Uhr. Das Festival startet am 5. Dezember und läuft bis am 12. Dezember. Ehrengast ist die weltbekannte Sängerin und Menschenrechtsaktivistin Barbara Hendricks. Anlässlich des Tags der Menschenrechte am 10. Dezember jährt sich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zum 70. Mal. Zu diesem Anlass wird in Kosmopolitics die Frage diskutiert: «Are we living in a post-human rights era?» Mehr Informationen finden Sie unter humanrightsfilmfestival.ch

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