«Der Lugner is' a Wurschtel»

Lotte Tobisch hat lange den Wiener Opernball organisiert – selbst geht sie aber nicht mehr hin. Wieso?

Lotte Tobisch mit Albin Skoda im Film «Der letzte Akt» (1955).

Lotte Tobisch mit Albin Skoda im Film «Der letzte Akt» (1955).

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Wenn sich an diesem Donnerstag die Prominenz wieder zum Wiener Opernball trifft, wird Lotte Tobisch, 91, nicht weit weg sein. Von ihrer Wohnung am Opernring aus, in der sie seit 57 Jahren lebt, kann Tobisch das Getümmel auf dem roten Teppich vor der Staatsoper genau beobachten. 15 Jahre lang war sie die Organisatorin des Opernballs, von 1981 bis 1996. Tobisch stammt aus einer adeligen Grossindustriellenfamilie, Theodor W. Adorno war ihr Brieffreund. Als Schauspielerin arbeitete sie am Burgtheater, dem Wiener Volkstheater und im Theater in der Josefstadt.

Frau Tobisch, gehen Sie selber noch auf den Opernball?
Nein. Da war ich schon lange nicht mehr. Ich bin kein grosser Ballgeher. Aber ich habe diese Veranstaltung gerne organisiert. Vor 22 Jahren habe ich damit aufgehört. Seitdem war ich nur noch dreimal dort.

Schauen Sie sich denn wenigstens die Übertragung im Fernsehen an?
Höchstens stückerlweise. Ich seh' den roten Teppich, wenn ich aus meinem Fenster blicke. Das reicht mir. Es ist traurig, dass auf dem Ball immer weniger Brillanz ist.

Lotte Tobisch in ihrer Wiener Wohnung, in der sie seit sechs Jahrzehnten lebt.

Immer weniger Brillanz?
Schauen Sie: Der Opernball war schon immer ein Geschäft für die Oper, auch ein Geschäft für den Fremdenverkehr und weiss der Teufel was. Aber es wird halt nicht investiert. Früher war ich die Chefin und konnte was reden. Heute ist das ein Gremium aus zehn Leuten, es ist nicht mehr konzentriert auf eine Person. Wir haben damals zwei, drei Logen freigehalten, für wichtige Leute, die man selbstverständlich eingeladen hat. Aber heute kommen nur die, die sich die Karten gekauft haben. Und das sind meist die Uninteressanten.

Aber es gibt doch den Lugner.
Der Lugner is' a Wurschtel. Wurschtel muss man aushalten. Und ich habe ihn immer verteidigt. Der passt mit seinen Gästen gut auf so ein Faschingsfest.

Ist der Opernball denn nicht mehr als nur ein Faschingsfest?
Ach, nur weil dort alle Fräcke und Abendkleider tragen und die Bundesregierung kommt, sieht es von aussen vielleicht so aus, als liefere der Ball ein einheitliches Gesellschaftsbild. Aber das stimmt nicht! Vom Gaunersohn Ghadhafi über die Witwe vom philippinischen Diktator bis zu den Metternichs war doch schon wirklich alles da. Der Charme der Sache ist, dass die mal alle unter einem Dach tanzen.

Wer nicht gerade zur Wiener Hautevolee gehört, findet den Opernball vielleicht nicht unbedingt charmant. Eine Eintrittskarte kostet 290 Euro. Plus Frackleihgebühr. Plus Sitzplatz. Plus Verzehr ...
Ach, eigentlich ist er doch sehr demokratisch. Wer meint, er muss unbedingt dort hin, weil er sonst stirbt, der fährt halt mal vier Tage weniger nach Caorle in den Urlaub, und schon kann er sich die Karte leisten.

Wozu braucht Österreich überhaupt diesen Bundesfaschingsball?
Sehen Sie, im Grunde ist das ein Geschäftstreffen. Wenn ich zum Beispiel damals gehört habe, der Herzog von Edinburgh ist gerade in Österreich beim World Wildlife Fund, da hab ich den aber sofort in meine Dienstloge eingeladen. Und so habe ich es auch mit Udo Jürgens gemacht, Attila Hörbiger oder Paula Wessely. So hat der Ball Glanz bekommen. Aber mittlerweile verkaufen die ja jedes Loch. Nur, um Geld herauszuschlagen.

Also: Sollte man den Opernball dann einfach abschaffen?
Hören Sie: Der sozialdemokratische Bundeskanzler Bruno Kreisky war ja bekanntlich auch so ein alter Roter. Der konnte den Opernball ebenso wenig leiden wie Sie. Aber was hat er gemacht? Er hat den Kronprinz von Spanien mitgenommen. Oder hochkarätige Leute von der Uno. Er hat das Fest benützt. So war es richtig!

Aber jetzt heisst der Kanzler nicht mehr Kreisky, sondern Kurz.
Erinnern S' mich bloss nicht an die G'schicht. Da wird mir ganz übel. Den Kurz kann ich wirklich nur bedauern, dass er sich mit dem Strache und seiner ganzen Gesellschaft ins Bett legen musste. Das ist ein schlimmes Malheur.

Wie sehen Sie den Opernball als Frau?
Schauen Sie, da sage ich Ihnen ganz ehrlich: Die Richtung, in der sich die Emanzipationsbewegung der Frauen jetzt schon seit längerer Zeit bewegt, halte ich nicht aus. Die halte ich nicht aus. Ich stamme aus einer grossbürgerlichen, adeligen Familie und bin mit 18 Jahren da ausgebrochen, weil mir die Konventionen auf die Nerven gingen. Ich habe einfach gesagt: Das will ich nicht, das passt mir nicht - und damit habe ich einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Ich war eben schon zu einem Zeitpunkt emanzipiert, an dem die heutigen Emanzen noch nicht einmal konzipiert waren.

Frau Tobisch, das ist doch jetzt zu einfach.
Ich sage: Haut gleich auf den Tisch, wenn euch was passiert! Dann mag es zwar kurzfristig Ärger geben, aber langfristig bekommt man Respekt vor euch. Und Respekt muss man sich verschaffen. Auf dem Opernball wie auch anderswo. Aber bitte doch nicht so, dass jeder, der ein Mannsbild ist, automatisch in Verdacht gerät.

Weinstein, Wedel – verfolgen Sie die MeToo-Debatte?
Sehr genau. Und mindestens so wie die angeblichen Übergriffe empört es mich, dass alle, die es gewusst haben, und es müssen Hunderte gewesen sein, nicht den Mund aufgemacht haben. Natürlich gibt es, wie zum Beispiel den französischen Politiker Strauss-Kahn, Erotomanen. Die ticken falsch und gehören in psychiatrische Behandlung. Vielleicht sind sie auch kriminell, dann gehören sie eingesperrt. Das hat aber nichts mit den gewöhnlichen Männern zu tun, die einfach flirten.

«Bitte nicht ständig alte Sachen aufrollen, meine Damen!»

Haben Sie als Frau denn nicht auch mal unangenehme Erfahrungen gemacht?
Die Männer sind mir scharenweise hinterhergelaufen. Und ich wüsste wirklich nicht einen einzigen, den ich nicht losgeworden wäre. Notfalls habe ich sogar öffentlich geohrfeigt, wenn's mir zu anzüglich wurde. Unabhängig von Amt und Person.

Es ist aber schon wichtig, dass darüber diskutiert wird. Und dass Frauen jetzt auch beruflich viel mehr Chancen haben, als das früher der Fall war.
Frauen konnten auch früher schon Karriere machen. Eine Pfarrerstochter aus der Uckermark ist heute der wichtigste Mann Europas. Haben Sie das vergessen? Oder die Lagarde mit ihrem Währungsfonds. Und bei uns in Österreich gibt es kein Museum, in dem nicht eine Frau Direktorin ist. Sogar eine Landeshauptfrau haben wir im reaktionären Niederösterreich. Das ist das Ziel, für das ich spiessrutengelaufen bin zwischen 1945 und 1950. Wir sind jetzt am Ruder. Wunderbar. Also bitte nicht ständig alte Sachen aufrollen, sondern weiter vorwärts, meine Damen! Euch steht nichts mehr im Wege.

Aber nicht jeder oder jede ist so selbstbewusst wie Sie.
Ich bin doch nur ein altes Zirkuspferd. Wissen Sie, diese ganzen Ideologien, die immer so tun, als könnten sie die Welt erlösen, die halte ich nicht mehr aus. Man kann die Welt nicht erlösen. Und die, die es versucht haben, die haben Millionen von Menschen das Leben gekostet.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 23:18 Uhr

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