Mitten im Gefecht

Einer der erstaunlichsten Filme am diesjährigen Norient-Festival zeigt einen jahrzehntealten Krieg als Brandherd, der sich an der Musik entzündet.

Je stärker die afrikanischen Ethnien im Sudan bedroht sind, umso mehr erstarken ihre kulturellen Traditionen: Szene aus «Beats of the Antonov».

Je stärker die afrikanischen Ethnien im Sudan bedroht sind, umso mehr erstarken ihre kulturellen Traditionen: Szene aus «Beats of the Antonov». Bild: zvg

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Es zirpt und raschelt und tschilpt leise. In der Ferne kräht ein Hahn. Da mischt sich in die Geräusche der Landschaft ein dumpfes Dröhnen. Ein dicker Brummer am Himmel ist es, sein Geräusch wird lauter, jemand ruft «Das Flugzeug kommt!». Menschen rennen, werfen sich in Erdlöcher, die Bombe fällt, Palmen brennen, Häuser stehen in Flammen.

Ein Kriegsfilm? Nein, ein Musikfilm. Oder besser: beides zugleich. Denn «Beats of the Antonov» zeigt den Krieg, der im Sudan seit Jahrzehnten glüht, als Konflikt entlang kultureller Differenzen, als Brandherd, der sich auch an der Musik entzündet. Eine Sichtweise, die so erhellend wie faszinierend ist. In gerade einmal 68 Minuten skizziert der sudanesische Regisseur Hajooj Kuka die tiefsten Gräben seines gespaltenen Landes, in dem der arabisch geprägte Norden die afrikanischen Ethnien des Südens bekämpft.

Trommeln, um wach zu bleiben

Hajooj Kuka verbrachte über 18 Monate in Flüchtlingscamps und an jenen Orten in den Bergen, wo sich die geflüchteten Menschen vor den Antonov-Frachtflugzeugen aus der Hauptstadt Khartum verstecken. Als sich der Südsudan 2011 vom Norden löste, strebten die Regionen Blauer Nil und Nuba-Berge die Zugehörigkeit zum Süden an, was aber nicht gelang. Seither geht der Bürgerkrieg in diesen Gebieten unvermindert heftig weiter. Und immer wieder gehen die einfachen Hütten oder die kargen Plantagen in den Flammen der Bombardierungen auf. Die Menschen verlieren noch das Wenige, das sie haben.

Und doch, das ist das Erstaunliche an diesem Dokumentarfilm und seinem Sujet: So viel Grund diese Vertriebenen hätten, in Trübsal und Schockstarre zu verfallen, so lebendig und bewegt geht es in den improvisierten Dörfern zu und her: ständig ein Trommeln und Singen, ein Tanzen und Klatschen. Aus Blechnäpfen, Kanistern, Flaschendeckeln, Rohren und Drähten werden Instrumente gebaut, die – es ist keine Übertreibung – überlebenswichtig sind. Nachts halten sich die Jungen damit wach, um die Schlafenden warnen zu können, wenn sich wieder ein Bomben tragendes Flugzeug mit Grollen ankündigt.

Musik und Gesang, Männer und Frauen, die gemeinsam tanzen: Natürlich kann das ein islamisch geprägter Staat nicht billigen. Der Kampf des Nordens unter Machthaber Omar al-Bashir gegen die Rebellen in den südlichen Gebieten ist auch ein Kampf der Kulturen. Eine schizophrene Situation eigentlich, so die Erkenntnis in «Beats of the Antonov»: Denn die afrikanische Kultur, die der arabische Teil des Landes bekämpft, steckt eigentlich in der DNA des Landes. Und so ist der Sudan ein Staat in einer Identitätskrise.

Je stärker allerdings die afrikanischen Stämme bedroht sind, umso mehr erstarken ihre Kulturen. Die zentrale Rolle spielt dabei die Musik. Und sie ist viel mehr als nur Stimmungsaufhellerin in düsteren Zeiten (das natürlich auch): Sie ist ein Bindemittel innerhalb der Gemeinschaften und eine kulturelle Selbstvergewisserung. Weil sie nämlich sehr demokratisch und sehr zugänglich ist: Jeder, der eine Stimme und Hände hat, kann sie machen, es gibt keine Barrieren zwischen Musikern und Zuhörern, zwischen Bühne und Publikum – alle gehören gleichermassen dazu, jeder besitzt die Musik. Und jede.

Weit verbreitet ist nämlich die Tradition der «Girl’s Music»: Gesänge, in denen die Mädchen und jungen Frauen Geschichten aus ihrem Alltag erzählen – vom Freund, der in den Krieg zieht, von den Mühen des Haushalts, von Krankheit oder Liebe. «Es ist ein anderer Sudan als jener in Khartum», sagt eine lokale Musikethnologin. «Glücklich, lächelnd, lebensbejahend.»

Das Lachen nach der Explosion

«Beats of the Antonov» ist ein aussergewöhnlicher Film, weil er einem einen Konflikt von einer überraschenden Seite her nahebringt. Und weil Hajooj Kukas Kamera nicht bloss vornehme Beobachterin ist, sondern sich mitten ins Gefecht wirft. Kuka ist dabei, wenn Rebellentruppen angegriffen werden, wenn Gewehrsalven brettern und irgendwann ein blutüberströmter Soldat weggetragen wird.

Doch ebenso wie die Gewalt zeigt Kuka die Widerstandskraft jener Menschen, die nach jedem Bombenangriff zuerst einmal in Gelächter ausbrechen – aus Erleichterung darüber, unversehrt geblieben zu sein. Und dann geht das Gelächter in Gesang über.

Kino in der Reitschule «Beats of the Antonov» läuft am Freitag, 15. Januar, um 22 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 14.01.2016, 10:02 Uhr

Das Festival-Programm

«Purple Rain» bei den Tuaregs

Das diesjährige Norient-Musikfestival, das gleichzeitig in Bern, St.?Gallen und Lausanne stattfindet, hat zum ersten Mal einen Spielfilm im Programm: «Akounak Tedalat Taha Tazoughai», auf Deutsch so viel wie «Blauer Regen, mit wenig Rot darin», verlegt die Handlung des Prince-Films «Purple Rain» (1984) in die Wüste Nordafrikas. Es ist zugleich der erste in einer Tuareg-Sprache gedrehte Spielfilm. Zwar übernimmt Regisseur Christopher Kirkley den naiven Handlungsbogen der Vorlage, aber unterlegt ihn mit der hypnotischen Wüsten-Psychedelik der Tuareg (der Regisseur ist am Festival anwesend).

Eine weitere Premiere bei Norient: ein Film über klassische Musik. «Imperfect Harmony» zeigt, wie sich der niederländische Komponist Louis Andriessen und der Orchesterdirigent Mariss Jansons in die Haare geraten.

Weiter gibt es Dokfilme über den Klangjäger Bill Drummond, über Rock?’n’?Roll in Kambodscha oder Metal in Tadschikistan. Und dann noch «Monsterman», die Doku über den Leadsänger des finnischen Eurovisionsmonsters Lordi – ein raffiniertes Porträt, das einen Hardrocker mit einem Flair für brachiale Kostüme vorstellt, der noch bei seinen Eltern wohnt und im Grunde ein Bub ist, der nicht erwachsen werden will.

Den musikalischen Part des Festivals bestreiten das Kollektiv Okzharp aus Südafrika mit Autotune-Elektronika und Naasi mit aktueller mexikanischer Tanzmusik. Und da ist der Brite Danny L Harle, der mit geschmacklosen elektronischen Ungeheuerlichkeiten zu provozieren trachtet. (reg/ane)

Das Norient-Musikfilmfestival dauert von 14. bis 17. Januar. www.norient.com.

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