Moores vernichtendes Staunen über Trump

Der amerikanische Regisseur hat die Wahl des streitbaren US-Präsidenten vorausgesagt. In «Fahrenheit 11/9» analysiert er sie jetzt filmisch.

Bleiverseuchtes Wasser: Regisseur Michael Moore unterwegs in seiner Heimatstadt Flint im US-Bundesstaat Michigan. Foto: PD

Bleiverseuchtes Wasser: Regisseur Michael Moore unterwegs in seiner Heimatstadt Flint im US-Bundesstaat Michigan. Foto: PD

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Am Morgen des 9. November 2016 war die amerikanische Welt noch die gleiche, aber nicht mehr dieselbe. Die liberalen Eliten, die demokratischen Granden des Landes, die klugen Analysten, die es nicht hatten kommen sehen, standen alle wie begossen da. Es hatte ihnen die Sprache verschlagen, obwohl sie noch Worte fanden in den nächsten Tagen. 

Um sie brandete das Triumphgeheul der republikanischen Rechten, sodass es selbst ein paar Republikanern unheimlich wurde. Denn der, den man ja im Grund für einen ordinären, reichen Clown hielt, war Präsident der Vereinigten Staaten geworden: Donald Trump mit seiner absurden Frisur, seinem spitzen Mündchen und der Rhetorik eines Pausenplatzgrobians. Jetzt hatte man das Geschenk und sass auf den Scherben aller politischen Logik und Sicherheiten.

Aber einer hatte es vorausgesagt, schon vor der Wahl, mit pessimistischer Überzeugung, weil er denen zugehört hatte, denen «man» eben nicht zuhörte, etwa in seiner Heimatstadt Flint im Bundesstaat Michigan. Das war der Dokumentarfilmer Michael Moore, dem es wirklich nicht recht war, recht zu haben. Also ging er hin und drehte seinen neuen Film, «Fahrenheit?11/9», unter Aufbietung aller polemischen und propagandistischen Talente, um zuhanden Amerikas zu erklären und zu erwägen, wie «man», um Moore zu paraphrasieren, in diese «Scheisse» hineingeraten sei und wie man wieder aus ihr herauskomme.

Eitelkeit als Trostpflaster

Es ist ein Film wie ein Wirbel. Eine Erklärungs-, Erwägungs-, Verspottungs-, Verzweiflungs- und Hoffnungsmühle. Eine der Achsen (aber eben nur eine), um die er dreht, ist die gar nicht so leise Eitelkeit des Regisseurs, der alles ja schon vorhergesagt hatte. Andererseits, wo Moore recht hatte, hatte er eben recht, ein bisschen Eitelkeit wirkte da vielleicht wie ein Trostpflaster. Und darin, wie er das Rechthaben inszeniert, wie er es um begründete Vermutungen und satirische Spekulationen erweitert und um den Ernst seiner historischen Analogien und künftigen Entwürfe – darin ist er ganz der alte Meister der Materialiencollage und der filmischen Überraschungsangriffe.

Seine Methode ist das umzingelnde Staunen. Ein parteiisches, vernichtendes Staunen natürlich, über Trump, diesen «üblen Genius», der rede, wie er rede, und tue, was er sage, und lüge, wie er lüge, notorisch und statistisch belegt. Und der damit davonkomme in seiner Präsidentschaft und auch vorher davongekommen sei jahrelang: mit seinen Rassismen, seiner tobsüchtigen Egomanie, seinem Sexismus, zu dem das verbale Betätscheln der eigenen Tochter gehört. 

Historische Ungenauigkeiten

Das alles hat schon die Überzeugungskraft von mächtigem Agitprop. Die Stärke der polemischen Mittel entspricht der Wut eines Filmemachers, der sein Land in die Autokratie hineintreiben sieht. Da kam es dann wohl zu ein paar Ungenauigkeiten im Geschichtssinn. Derart etwa, dass der Propagandist Moore, derim Intellektuellen Moore immer lebendig ist, Adolf Hitler über den kürzesten Weg mit Donald Trump synchronisierte. Aberda ist doch viel mehr: Trauer.Genauigkeit. Atmosphäre einer Endzeit. Unpolemische Detail-beweise.

«Fahrenheit 11/9» ist ja nicht nur das Profil des Trump und dessen, was er anrichtet. Sondern auch das Profil derer, die uns den Trump angerichtet haben, und Moore greift da tief in ein System verknöcherter Macht: nach Flint, Michigan, wo der Gouverneur Rick Snyder Kindern bleiverseuchtes Wasser zumutete wegen eines korruptionsverdächtigen Pipelineprojekts. In die Parallelwelt der Hillary Clinton, die in ihrem Wahlkampf nicht Nase noch Augen hatte für das Brodeln in sozialen Mikrokosmen. In die Bildungswüsteneien der Nation. Vielleicht zu viele dramaturgische Spiralen für einen Film.

Was wiederum ein Grund dafür sein könnte, dass Moores bester Film seit Jahren an den Kinokassen der USA nicht so recht Erfolgsfahrt aufnimmt, anders als sein «Fahrenheit 9/11» seinerzeit (2004) über die Ära der Familie Bush. Es könnten Gerüchte von einer etwas mühseligen Komplexität die Runde machen. Sie könnten treffen auf eine gewisse Trump-Müdigkeit, die faul macht. Und so eine Faulheit macht womöglich ungerecht und neigt dazu, in diesem Film nur ein Echo der allgemeinen medialen trumpschen Erscheinungsweise zu hören und, so stand es in «Variety», einen «zusätzlichen Krach».

Ab heute in den Kinos

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 06:36 Uhr

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