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Man spricht Französisch

Originell, verspielt und nah am Leben: Die Filme aus der Romandie geben derzeit in der Schweiz den Ton an. Die Berner Programmkinos zeigen, weshalb das so ist.

Markantes Gesicht in einem Film, der exemplarisch die Stärken des Westschweizer Filmschaffens zeigt: Isild le Besco in «Pas douce».
Markantes Gesicht in einem Film, der exemplarisch die Stärken des Westschweizer Filmschaffens zeigt: Isild le Besco in «Pas douce».
zvg

Der Berner Filmproduzent und Filmemacher Res Balzli («Bouton») bringts bündig auf den Punkt: «Das ist eine saugute Idee.» Die Idee, das ist die Film- und Veranstaltungsreihe «Blicke über den Röstigraben». Unter diesem Titel bringen die Berner Programmkinos Cinématte, Kellerkino, Kino in der Reitschule, Kino Kunstmuseum und Lichtspiel 18 Spielfilme und 12 Kurzfilme aus der Romandie auf die Berner Leinwände, gebündelt in vier thematische Programme. «Dieser Austausch ist wichtig», so Balzli, «eigentlich aber müsste man ein entsprechendes Programm auch in der Westschweiz machen. Wir in der Deutschschweiz interessieren uns viel mehr für die Romandie als umgekehrt.»

Einen der Filme im Programm hat Balzli ausgewählt: das subtile Drama «Pas douce» von Jeanne Waltz, mit dem die in Portugal lebende Autorin und Regisseurin 2008 beim Schweizer Filmpreis den Quartz für das beste Drehbuch erhielt. Die Cinématte hat fünf Berner Filmschaffende eingeladen, einen Westschweizer Film vorzustellen, der ihnen besonders am Herzen liegt. «Ich musste nicht lange überlegen», sagt Balzli. «Pas douce», der in den Deutschschweizer Kinos kaum Beachtung fand, habe ihn tief berührt, weil er ein ganz wichtiges Kriterium erfülle: «Er zeigt eine Entwicklung, er erzählt, wie eine junge Todeskandidatin zu einer Frau wird, die wieder Mut fasst. Die Figur ist in jedem Moment glaubwürdig, auch dank der Hauptdarstellerin Isild le Besco, für mich eine Entdeckung.»

Ansteckendes kulturelles Klima

Ihre Lieblingsfilme zeigen weiter Peter von Gunten («La salamandre» von Alain Tanner), Madeleine Fonjallaz («Les petites fugues» von Yves Yersin), Jeanne Berthoud («Le petit prince a dit» von Christine Pascal) und Reto Caffi. Dieser hat «On dirait le sud» von Vincent Pluss und den Kurzfilm «Tous à table» von Ursula Meier ausgewählt, für Caffi «schlicht einer besten Schweizer Kurzfilme überhaupt». Meisterhaft erzähle Ursula Meier zwischen den Zeilen – «in den Deutschschweizer Filmen hingegen wird oft alles ausgesprochen». Bei «On dirait le sud» beeindruckten ihn vor allem die Vitalität und Spontaneität. «Da hat man wirklich das Gefühl, mitten ins Leben geworfen zu werden.»

Die Filme aus der Romandie – und da vor allem die Spielfilme der Regisseurinnen – geben derzeit im einheimischen Schaffen den Ton an. Das zeigt sich am deutlichsten beim Schweizer Filmpreis, der in den letzten drei Jahren in der Kategorie Spielfilm stets an Frauen aus der Westschweiz ging: an Ursula Meier («Home»), Sévèrine Cornamusaz («Coeur animal») und Stéphanie Chuat und Véronique Reymond («La petite chambre»). «Man hat den Eindruck, dass die Romandie derzeit die Nase punkto Kreativität vorne hat», sagt Res Balzli. «Das ist nicht nur eine Frage des individuellen Talents, sondern auch des kulturellen Klimas. Dieses scheint in der Romandie ansteckend zu sein.» Auch Reto Caffi orientiert sich derzeit vor allem am Westschweizer Filmschaffen: «Die jüngere Generation in der Romandie beeindruckt mich mit ihrer Originalität mehr, als was momentan in der Deutschschweiz passiert.»

Die jüngsten Erfolge der Westschweizer Filmerinnen und Filmer haben auch historische Gründe. Es waren Alain Tanner, Michel Soutter, Claude Goretta und ihre Mitstreiter der 1968 gegründeten Groupe 5, die den Bruch mit dem alten Schweizer Film vollzogen (dessen Verdienste heute wieder angemessener gewürdigt werden). In seinem Programmbeitrag schlägt das Kino Kunstmuseum den filmhistorischen Bogen von Tanner & Co. zu deren geistigen Erben, zu Filmemachern wie Lionel Baier oder Jean-Stéphane Bron, die den Pioniergeist der frühen Jahre ins Heute übersetzen. Legendäre Werke wie Michel Soutters «Haschisch» (1967) oder Alain Tanners «Jonas qui aura 25 ans à l’an 2000» (1976) treffen auf die neuen, freihändig realisierten Roadmovies von Lionel Baier («Toulouse», «Low Cost») oder auf aktuelle Kinoerfolge wie «Cleveland Versus Wall Street» und «La petite chambre».

Von Kino zu Kino

Historische Tiefenbohrungen macht auch das Lichtspiel, und dies am Beispiel von Filmen, die sich ihrerseits der Vergänglichkeit entgegenstellen, die durch präzise, geduldige Beobachtung und Beschreibung zum Beispiel handwerkliche Tradition konservieren. Die Rede ist von Jacqueline Veuve, der Grande Dame des ethnografischen Films. Zu sehen sind unter anderem ihre Porträts des Spielzeugmachers Arnold Golay und des Holzhandwerkers François Pernet, dann auch ihr Film über das von den Jahreszeiten geprägte Leben einer traditionell wirtschaftenden Bauernfamilie («Chronique paysanne en Gruyère»). Das Kellerkino seinerseits zeigt die Langzeitstudie «Romans d’ados» von Béatrice Bakhti. Über Jahre hat die Filmemacherin sieben Westschweizer Teenager mit der Kamera begleitet. Aus den 400 Stunden Material hat sie einen 400-minütigen Film in vier Kapiteln realisiert, der in der Romandie mit 22 000 Eintritten im Kino (und 160 000 Fernsehzuschauern) einen Grosserfolg feierte. In Bern ging der Film bei der ersten Programmation im Kellerkino unter – nun gibts eine zweite Chance, das Ausnahmewerk auf Leinwand zu sehen.

Eröffnet wird die Reihe heute Donnerstag mit einem filmhistorischen Rückblick. In der Grossen Halle der Reitschule wird «La vocation d’André Carel» von Jean Choux aus dem Jahr 1925 gezeigt, live begleitet von Wieslaw Pipcynksi (Klavier, Theremin) und Regula Küffer (Flöte). Viel Bewegung bringt das Filmprogramm vom Freitag: Zwischen 18 und 24 Uhr zeigen die fünf Kinos in stündlichen Programmen Kurzfilme aus der Romandie, zwischen den Spielstellen verkehren Shuttlebusse und Rikscha-Taxis. Zu sehen ist dabei auch der Dokumentarfilm, den die beiden damals noch jugendlichen Flaneure Alain Tanner und Claude Goretta 1957 am Piccadilly Circus in London drehten und der ganz am Anfang des neuen Schweizer Films steht: «Nice Time».

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