Das taugt der neue «Millennium»-Film

Die Verfilmungen der Krimis von Stieg Larsson hatten viele Fans. Jetzt nimmt sich Sony der Geschichte an – mit neuem Personal.

Sie ist erwachsen geworden: Lisbeth Salander (Claire Foy). Foto: PD

Sie ist erwachsen geworden: Lisbeth Salander (Claire Foy). Foto: PD

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Es beginnt – natürlich – mit einem Rückblick. Lisbeth Salander spielt mit ihrer Schwester Camilla im Salon der Familienresidenz Schach. Doch dann ruft der gewalttätige Vater nach den Kindern, und man ahnt, was kommen muss: Um sich selbst zu retten, springt die kleine Lisbeth über die Balkonbrüstung und gleitet einen schneebedeckten Abhang hinunter.

Video – Trailer zu «The Girl in the Spider’s Web»

Kaum ist der Vorspann von «The Girl in the Spider’s Web» vorbei, steigt die Spannung ein weiteres Mal an. Ein überreizter CEO hat in seinem Apartment seine Frau verprügelt. Doch während die Gattin noch zittert vor Angst, schreitet die nunmehr erwachsene Lisbeth (Claire Foy) ein, fesselt den Übeltäter und hängt ihn kopfüber an der Decke auf.

Ungleiches Heldenduo

So viel Action in kürzester Zeit gabs in den bisherigen «Millennium»-Verfilmungen noch nie – weder in der schwedischen Originaltrilogie von 2009 noch im US-Remake «The Girl with the Dragon Tattoo» (2011) von David Fincher. Mit gutem Grund: All diese Adaptionen der Erfolgsromane von Stieg Larsson, der 2004 starb, lebten vom Terror, der sich im Kopf des Zuschauers abspielte.

Es ging um serielle Frauenmorde, um Wirtschaftskriminalität, um Rassismus, und es ging um ein ungleiches Heldenduo – den hartnäckigen Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist und die Hackerin Lisbeth Salander. Beide boten sie dem organisierten Verbrechen mit aussergewöhnlichen Kombinationsfähigkeiten die Stirn, Action war da bloss Zugabe.

Video – Ausschnitt aus «Verblendung» (2009)

Ganz anders nun in der neuen Adaption, die auf dem 2015 erschienenen Roman «Verschwö­rung» beruht, den der Journalist David Lagercrantz geschrieben hat. Ein Computertüftler namens Frans Balder hat im Auftrag der US-Sicherheitsbehörde ein Programm entwickelt, das simultanen Zugriff auf alle nuklearen Sprengköpfe der Erde erlaubt. Balder bereut das «Monster», das er geschaffen hat, und bittet Salander um Hilfe – worauf Schweden zum Jagdgebiet von allerlei legalen und illegalen Organisationen wird. Das bedeutet jede Menge Verfolgungsjagden.

Nur halb so teuer

Die Daueraction liefert aber auch einen Schlüssel zum Verständnis dafür, weshalb das Hollywoodstudio Sony nach siebenjähriger Pause nicht die erwartete Fortsetzung von «The Girl with the Dragon Tattoo» nachlegte (obwohl Regisseur Fincher und Hauptdarstellerin Rooney Mara wiederholt ihr Interesse daran bekundeten). Sony hat die «Millennium»-Reihe einem Reboot, also einem Neustart, unterzogen und mit durchgehend neuem Personal besetzt. Warum?

Erstens: Aufwand und Ertrag. «The Girl with the Dragon Tattoo» war mit einem Produktionsbudget von 95 Millionen Dollar verhältnismässig teuer, wurde für fünf Oscars nominiert und gewann den Award für den besten Schnitt. Doch Sony war mit den Einnahmen von 232 Millionen Dollar nicht wirklich zufrieden. Der aktuelle Film ist mit einem Budget von 43 Millionen Dollar nur halb so teuer – bei mindestens gleich bleibenden Gewinnerwartungen des Studios.

Aus dem Schwesternzwist bezieht der Film seine besten Momente.

Zweitens: die Rollenbesetzung. «Dragon Tattoo» war ein Film, der Genrefans verwirrte und ein Spektakel versprach, wo keines zu sehen war. Aus­gerechnet der britische Bond-Darsteller Daniel Craig spielte Mikael Blomkvist, einen Schreibtischhengst, der jede physische Anstrengung vermeidet, während Salander die Kohlen aus dem Feuer holt.

Nachvollziehbar also, dass Sony zum Schluss kam: Lisbeth Salander muss im Zentrum stehen, Blomkvist taugt nur als Nebendarsteller. Das passt zum Zeitgeist. Noch selten waren im Mainstreamkino so viele toughe Heldinnen anzutreffen wie zuletzt – von Wonder Woman über Lara Croft («Tomb Raider») und Elastigirl («Incredibles 2») bis zu Laurie Strode («Halloween»). Einige dieser Figuren transportieren eine mehr oder minder explizite #MeToo-Botschaft. Am deutlichsten nun in «The Girl in the Spider’s Web», wo das vom Vater traumatisierte Kind zur Rächerin avanciert.

Um die neue Rollenverteilung in Sonys «Millennium»-Reihe klarzumachen, bedurfte es nicht nur neuer Leinwandgesichter (Claire Foy als Salander, Sverrir Gudnason als Blomkvist), sondern auch einer erzählerischen Auffrischung.

Drei Drehbuchautoren

So gesehen, ist das, was in der aktuellen Verfilmung geschieht, folgerichtig: Man beginnt mit einem «Millennium»-Werk, das – im Gegensatz zu den drei Stieg-Larsson-Bänden – noch nicht verfilmt wurde, den Kinofans also etwas Neues verspricht. Auch eine neue Gegenspielerin taucht auf: Lisbeths lange verschollene Zwillingsschwester Camilla (Sylvia Hoeks).

Regisseur Fede Alvarez setzt diesen Schwesternzwist in frostigem Ambiente um. Er lässt die blonde Camilla als in Rot gekleidetes Mahnmal durch Schnee und Eis stapfen, bis die dunkelhaarige Lisbeth irgendwann in einer Art Staubsauger-Vakuumbeutel landet, zusammengekrümmt wie ein Baby, ihres Atems beraubt. Aus dieser Familientragödie bezieht der Film seine besten Momente.

Bilder – Auch hier spielte Claire Foy mit

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Auf der Strecke geblieben sind dagegen die prägnanten Charakterzeichnungen. Drei Drehbuchautoren waren tätig, aber es ­gelingt ihnen trotzdem nicht, jene Abgründe zu öffnen, die den bisherigen «Millennium»-Ver­filmungen ihren emotionalen Drive verliehen. Lisbeth Salander ist in «The Girl in the Spider’s Web» keine tickende soziale Zeitbombe mehr, sondern eine verlässliche Kampfmaschine. Und auch der heimlichen Beziehung zwischen Blomkvist und seiner (verheirateten) Verlegerin haftet nichts Verbotenes mehr an. Sie wird einfach gezeigt.

Unterlassungssünden

Unterm Strich ist «The Girl in the Spider’s Web» demnach ein Schritt in die richtige Richtung, aber auch ein Werk mit Unterlassungssünden. Eine physische Wucht, die mit psychologischen Mängeln durchsetzt ist. Wir sehen Hetzjagden, hören ein permanentes Krabbeln und Scharren auf der Tonspur, bemerken ein paar zu repetitive Szenen und sehen eine Heldin, die in der «Millennium»-Reihe endlich jenen Stellenwert geniesst, der ihr gebührt. Auch wenn dies auf Kosten ihres Charakters geht.

Wie es weitergeht, scheint bereits absehbar. Wenn der aktuelle Film ein Erfolg wird, gibt es für Sony vermutlich kein Zurück zu den Erfolgsromanen von Stieg Larsson. Stattdessen dürfte der jüngste Roman von David Lagercrantz («The Girl Who Takes an Eye for an Eye», 2017) für eine nächste Verfilmung herhalten. Das Buch blickt – natürlich – abermals zurück auf Lisbeths schwierige Kindheit.

Ab Donnerstag in den Kinos.

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