Leben und Sterben abseits des Wirtschaftswunders

Der Chinese Wang Bing gewinnt mit «Mrs. Fang» den Goldenen Leoparden von Locarno.

Wang Bing in Locarno.

Wang Bing in Locarno. Bild: PD

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Der Goldene Leopard des Filmfestivals Locarno wird heute Samstagabend an den chinesischen Dokumentarfilmregisseur Wang Bing verliehen. «Mrs. Fang» zeigt wenig mehr als das Sterben einer 67-jährigen demenzkranken Frau. Der Film beobachtet die Bäuerin Fang Xiuying, wie sie skeletös im Bett liegt, den Mund aufgerissen, ein erschreckend nacktes Close-up von der körperlichen Erstarrung in Todesnähe.

Rundherum in der kahlen Parterrewohnung, die in einem Dorf am Flussufer in der südöstlichen Provinz Zhejiang liegt, warten Angehörige und Bekannte, klopfen Zigarettenasche auf den Boden, sagen Dinge wie: «Es könnte jeden Moment so weit sein, oder es könnte noch lange dauern.» Der Schwager befährt zwischendurch mit Kahn und knisternder Stromangel den Fluss, manchmal fängt er einen Schlangenkopffisch, den die Nachbarin dann auf dem Vorplatz kauernd ausnimmt. Am Schluss bleibt ein Gruppenbild am Sterbebett, es werden kurz Tränen geweint über das Unrecht des Todes.

Ausschnitt aus «Mrs. Fang». Quelle: pardo.ch

«Mrs. Fang» stellt keine Fragen zu den letzten Dingen, es werden auch keine dokumentarethischen Probleme reflektiert, die beim Betrachten des Leidens aufkommen könnten. Es ist einfach ein behutsamer Blick auf einen Körper am Ende seiner Tage. Ein menschliches Zeugnis von der kleinen Theaterbühne der Trauer, so delikat wie schmerzhaft. Ein Moment ist kaum zu ertragen, da scheint Frau Fang ihren knochigen Arm noch einmal nach ihrer erwachsenen Tochter auszustrecken. Eine einfache, erschütternde Geste. So wie dieser Film.

Besondere Erwähnung für einen Zürcher Film

Der verdiente Hauptpreis gilt einem Chronisten des chinesischen Alltags jenseits des Wirtschaftsaufschwungs. Wang Bing drehte ein Neunstundenepos über den Niedergang der Schwerindustrie («Tie Xi Qu: West of the Tracks»), er besuchte die Patienten einer geschlossenen psychiatrischen Klinik, daraus wurde ein vierstündiger Rundgang durch das Dreckloch, in das man den Wahnsinn gesperrt hat («Til Madness Do Us Part»). Man könnte daran verzweifeln, fände Wang nicht auch im Finstersten immer wieder die Funken des Humors.

Ums Sperrige herum gibts Ehrungen fürs Zugänglichere, die Wettbewerbsjury unter der Leitung des Franzosen Olivier Assayas hat da ganze Arbeit geleistet. Der Spezialpreis der Jury geht an «As boas maneiras» vom Regieduo Juliana Rojas und Marco Dutra aus Brasilien: ein hervorragend gespieltes Genrestück über wilde Triebe und Baby-Werwölfe. Isabelle Huppert erhält die Auszeichnung als beste Schauspielerin; sie gilt ihrer Rolle im Wettbewerbshöhepunkt «Madame Hyde» von Serge Bozon, der an ihrer Stelle den Preis entgegennehmen wird.

Bester Darsteller wird Elliott Crosset Hove für seine minimalistische Darstellung im heftigen Brüderdrama «Winter Brothers» aus Dänemark. Und am Regiepreis für F. J. Ossangs Noir-Pastiche «9 doigts» in tiefstem Schwarzweiss ist einzig ein wenig seltsam, dass es von O Som e a Fúria mitproduziert wurde, der Produktionsfirma des Vertrauens von Jurymitglied Miguel Gomes aus Portugal («Tabu»).

Es war übers Ganze gesehen ein schon fast etwas gefallsüchtiger Wettbewerb im Jubiläumsjahr von Locarno. Abenteuerlicher wurde es in den Reihen Cineasti del Presente und Signs of Life, deren Jurys waren ebenfalls hellwach und fällten tadellose Entscheidungen. Sie ehren einerseits «3/4», ein wunderbar leichtes (und lustiges) Geschwisterporträt des Bulgaren Ilian Metev (könnte das bitte jemand umgehend ins Kino bringen?). Und anderseits «Cocote», eine ungezähmte Glaubensfabel aus der Dominikanischen Republik. Und schliesslich gibts für den Zürcher Cyril Schäublin und sein «Dene wos guet geit» eine besondere Erwähnung der Erstlingsfilmjury. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2017, 15:07 Uhr

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