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Läuft alles super

Heute beginnt das 70. Filmfestival in Locarno. Die Zürcher Dominik Locher und Cyril Schäublin sind die einzigen Schweizer, die ihre Filme im Wettbewerb zeigen können.

Bereit für die Champions League: Dominik Locher (l.) und Cyril Schäublin. Foto: Samuel Schalch
Bereit für die Champions League: Dominik Locher (l.) und Cyril Schäublin. Foto: Samuel Schalch

Dominik Locher hälts mit Eminem, der kam aus dem Trailerpark und stieg auf und rappte: «Success is my only motherfucking option, failure’s not!» Locher zitiert die Zeile, sie ist aus seinem Lieblingssong, irgendwie stimme das doch, man habe nur eine «motherfucking option»: Erfolg. Und jetzt, wo sein Spielfilm «Goliath» im internationalen Wettbewerb in Locarno gezeigt wird, bestellt er ein Glas Prosecco mit Eiswürfeln. Der Tag, an dem das Gespräch in einer Bar im Kreis 4 stattfindet, ist auch gerade der Geburtstermin seines zweiten Kindes. «Hüt, Mann!», sagt Locher, schaut aufs Handy, drehts auf den Bauch.

Cyril Schäublin ist im direkten Vergleich der ruhigere Typ, sein erstes Kind kommt nämlich erst in zwei Monaten. Er bestellt eine Cola und freut sich über das klassische Flaschendesign. Sein Debüt «Dene wos guet geit» wurde von Locarno für den Nachwuchswettbewerb Cineasti del presente ausgewählt. «Das freut mich natürlich sehr.»

Als er die Nachricht bekommen habe, erzählt Locher, sei aller Druck von ihm abgefallen. «Locarno ist wie die Champions League, und ich bin da wie Shaqiri, ich will auch nicht in der Challenge League spielen.» Seinen Erstling «Tempo Girl» über eine Berlinerin auf der Flucht ins Wallis hat Locher vor ein paar Jahren drauflosgedreht, obwohl er damals Theaterregie studierte. Mit «Goliath» hat er nun sein Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen. Es läuft sowieso gerade super im Leben von Dominik Locher. Seine Frau Lisa Brühlmann hat kürzlich ebenfalls ihren Masterfilm abgedreht. «Blue My Mind» wird in San Sebastián gezeigt, die Hochschule hat schon Mailings verschickt.

«Goliath» sei jetzt halt weniger leicht als das, was er früher gemacht habe, sagt Locher. Es geht in dem Drama um David, gespielt von Sven Schelker. David wird bald Vater, doch dann werden er und seine Freundin angegriffen, ohne dass er sie beschützen kann. David beginnt damit, seine Muskeln zu trainieren. «Es ist ein Genderdrama um männliche Rollenbilder. Um Männlichkeit zwischen Trump und Macron sozusagen.»

Locher schöpft da auch aus dem eigenen Leben. Als seine Frau zum ersten Mal schwanger war, habe er plötzlich starke Beschützerinstinkte verspürt. «Wenn ihr jemand dumm gekommen ist, habe ich sofort zurückgegeben.» Nun mache er selber Krafttraining. «Als ich zum ersten Mal aus dem David Gym in Schlieren gekommen bin, hatte ich dieses ‹Scarface›-Gefühl: Die Welt gehört mir.» Für Locher ist «Goliath» denn auch die Diagnose einer allgemeinen Entwicklung in der Gesellschaft, in der man sich vermehrt über den Körper definiere und weniger darüber, welche Bücher man gelesen hat.

Ein Rapper als Privatbankier

Wenn Locher der Typ für den «elevator pitch» ist, also jemand, der eine Kreatividee während einer Liftfahrt an den Mann bringen kann, dann benötigt Cyril Schäublin dafür eher eine S-Bahn-Fahrt. Im Grunde dreht sich sein Debüt «Dene wos guet geit» um eine Callcenter-Angestellte. Inspiriert von ihren Verkaufsgesprächen beginnt sie damit, sich gegenüber alten Leuten als Enkelin auszugeben und ihnen ihr Geld abzuknöpfen.

Ausschnitt aus «Dene wos guet geit» von Cyril Schäublin. Video: Cyril Schäublin (Vimeo)

In Beziehung zu ihr stehen dann aber weitere Orte und Figuren, steht die reiche Stadt Zürich. «Mit dem Kameramann Silvan Hillmann fragte ich mich, wie man diese Stadt überhaupt zeigen kann.» Viele Laien hätten mitgewirkt, viele Freunde, der Rapper Tinguely dä Chnächt spielt etwa einen Privatbankier. Um Betagte kennen zu lernen, hat Schäublin als Sitzwache in einem Spital gearbeitet. Zur Recherche gehörte auch, mit Zivilfahndern der Stadtpolizei zu reden, die Enkeltrickbetrüger jagen.

Schaut man sich die Kurzfilme des Stadtzürchers an, sind von seinem Debüt eine eher strenge Ästhetik und ein trockener Witz zu erwarten. Locarno-Direktor Carlo Chatrian hat sich jedenfalls bereits als Fan von «Dene wos guet geit» geoutet. Sowieso, Schäublin und Locarno, das passt. Der Regisseur hat an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert, einer seiner Mentoren hiess dort Lav Diaz – der Goldene Leopard von 2014 (siehe «Mein Locarno»). «Dass die Filme von Diaz oder Hong Sangsoo in den letzten Jahren in Locarno gewonnen haben, spricht sehr für dieses Festival.» Für Schäublin sind das ein paar der wichtigsten Filme in letzter Zeit. «Sie begeistern mich und bleiben doch geheimnisvoll.» Das Kino erzeuge Gefühle auf verschiedene Arten. «Bewegt zu werden, ist schön, aber es gibt viele Wege, wie man Bewegung schaffen kann.»

Langfristig will er gewinnen

Für Dominik Locher heissen die Vorbilder derzeit eher «Fruitvale Station» oder «I, Daniel Blake» von Ken Loach. «Die emotionale Erfahrung steht für mich an erster Stelle. Sie ermöglicht erst eine intellektuelle Auseinandersetzung.» Das Faszinierende am Kino sei, Menschen nahezukommen, die Welt durch ihre Augen zu sehen. Das habe er auch bei «Goliath» so hinbringen wollen. Viereinhalb Jahre hat der 35-Jährige daran gearbeitet. Das Geld kam von der Zürcher Filmstiftung und vom Bundesamt für Kultur. Die Filmstiftung förderte auch Schäublins Debüt, der 32-Jährige brauchte dafür drei Jahre.

Jetzt freuen sich beide auf die Gespräche in Locarno; darauf, sich möglichst viele Filme anschauen zu können. Auch die Mütter der beiden fahren nach Locarno. Locher: «Meine Mutter kommt aus dem Berner Oberland. Nachdem alle Kinder ausgezogen waren, fuhr sie jeden Sommer nach Locarno. Sie hätte zwar lieber gehabt, wenn ich Wirtschaft studiert hätte. Aber nun ist es umso toller, dass ich meinen Film an dem Ort zeigen kann, an den sie immer hinfährt.» Langfristig, sagt Locher, wolle er ein Festival wie Locarno gewinnen. Dann schaut er wieder aufs Handy. Nach dem Treffen meldet er sich noch einmal. Sein Sohn ist am Tag darauf zur Welt gekommen.

Premiere von «Goliath»: Montag, 7. 8., 16.30 Uhr, Fevi. «Dene wos guet geit»: Dienstag, 8. 8., 19 Uhr, Pala Cinema.

Locarno ist bereit für das 70. Filmfestival. (Video: Tamedia/SDA)

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