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Kurz vor dem Sprung

Der Schritt ins Erwachsenenleben ist oft nicht einfach – umso mehr, wenn man ein Handicap hat. Der Bieler Adrien Bordone dokumentiert diese Phase einfühlsam in seinem neuen Film.

«Ihr lasst mich nicht allein, oder?»: Alexia ist eine der porträtierten Jugendlichen in «Alexia, Kevin & Romain».
«Ihr lasst mich nicht allein, oder?»: Alexia ist eine der porträtierten Jugendlichen in «Alexia, Kevin & Romain».
zvg

Im Zug in der Schweiz herumreisen, das möchte er, sagt Kevin. Und ein Praktikum als Koch machen. Es scheinen kleine Träume zu sein für einen 17-Jährigen, doch dieser Eindruck trügt in Kevins Fall. Er habe «mentale Rückstände, aber nichts Schlimmes»: So formuliert er es selber in seinem Bewerbungsschreiben.

Der Regisseur Adrien Bordone hat für seinen Film «Alexia, Kevin & Romain» drei Jugendliche ein Jahr lang begleitet. Sie wohnen in Perceval, einem Institut oberhalb des Genfersees. Und sie alle haben Handicaps – doch das ist nicht der Fokus von Bordones Aufmerksamkeit. Viel wichtiger ist dem Bieler in seinem ersten langen Dokumentarfilm die Lebensphase, in der sich die drei befinden: Sie sind in ihrem letzten Jahr in Perceval und damit kurz vor dem Absprung – hinaus aus dem Schutz der Institution in eine neue Wohnform, in eine Ausbildung, in die Unabhängigkeit. Sofern das möglich ist.

Bordone hat diesen Film eigentlich schon einmal gemacht, allerdings unter anderen Vorzeichen. In «Après l’hiver» begleitete er, zusammen mit Bastien Bösiger (der den neuen Film produziert hat), vier Jugendliche einer Berufswahlklasse über ein Schuljahr hinweg – und hielt ihre Mühen bei der Lehrstellensuche fest.

Den Frust herunterschlucken

Selber für sich Verantwortung übernehmen, sich aus dem Schutzraum der Schule oder des Elternhauses lösen, das braucht ohnehin Mut. Für Jugendliche wie Alexia, Kevin oder Romain bedeutet es eine fundamentale Verunsicherung. So fragt Alexia ihre Betreuerinnen immer wieder: «Ihr lasst mich nicht allein, oder?»

Bordone ist mit der Kamera dabei, als die 17-Jährige in Genf ein Heim besichtigt, wo sie künftig wohnen wird. Während des Rundgangs ist Alexia quengelig, sie sagt immer wieder, sie habe Durst, setzt sich auf den Boden, will sich die Gemeinschaftsräume nicht ansehen. Und während der Heimleiter Alexias Begleiterin wortreich versichert, man respektiere jederzeit die Bedürfnisse der Bewohner, scheint niemand wahrzunehmen, in welcher Not sich die junge Frau befindet.

Immer wieder sind die Jugendlichen gezwungen, ihren Frust herunterzuschlucken – denn manchmal hört ihre Autonomie bereits beim Schuhebinden auf. Trotzdem stellen sie einen bewundernswerten Willen unter Beweis, ihr Leben so selbstständig wie möglich zu führen. So versucht Romain mit aller Kraft, sich am Webstuhl auf seine Arbeit zu konzentrieren, während sich hinter ihm ein anderer Mitarbeiter in einer Krise zu Boden wirft. Und wie anstrengend es für Kevin ist, einen Vormittag lang Pastateig auszurollen, zeigt sich, als er danach völlig entkräftet auf dem Sofa liegt.

Das Publikum auf Augenhöhe

Auch wenn die Situationen oft schwierig sind, so stellt Adrien Bordone seine Protagonisten und ihr Umfeld nie bloss; sein Blick als Regisseur ist zwar neugierig und offen, aber nie klebrig oder sentimental. Bordone hat, und das zeichnete schon «Après l’hiver» aus (mit dem er 2015 einen Berner Filmpreis gewann), das besondere Talent, das Kinopublikum auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten zu bringen – und dadurch Identifikation zu ermöglichen.

Darum freut man sich mit Romain, als er begreift, dass er sich mit seinem Lohn vielleicht einmal ein iPhone kaufen kann, und vor Begeisterung im Zimmer herumhüpft. Und man ist gerührt, als Kevin am Ende seinen ersten Arbeitsvertrag in der Tasche hat. Als Koch.

In Bern im Kino Rex.

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