Knöchel kaputt – und sonst so?

Tom Cruise und das alte Kunsthandwerk des Stunts.

Das ging ziemlich daneben: Tom Cruise springt vom einen Gebäude aufs andere.
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Tom Cruise rannte, sprang, schlug auf der Fassade auf und prallte mit verzerrtem Gesicht zurück. Er hatte den Schaden (kaputter Knöchel) und den Spott (Youtube-Kommentar: «Was für ein Trottel»). Die Dreharbeiten für «Mission Impossible 6» sind vertagt.

«Hat nach ‹Aua› ausgesehen», sagt René von Gunten. Er ist der bekannteste Schweizer Stuntman, arbeitete für den «Tatort» und «Alarm für Cobra 11». Man müsse Cruise Respekt zollen, sagt der Berner. «So einen Sprung über vier, fünf Meter über einem Abgrund muss man sich erst mal zutrauen.» Um die Übung sicherer zu machen, hätte man die Seile stärker spannen können. «Dann hätte es aber ausgesehen, als wäre er von einer Seilbahn rübergezogen worden.»

Von Kran zu Kran

Das Video des Unfalls, mittlerweile viral gegangen, wirkt seltsam ältlich. Denn längst erfüllt Software auch die kühnsten Regisseurwünsche, von Zombiearmeen bis Superheldenflügen. Vielleicht hat das Überleben des Stunts als handfeste Form des Filmdrehs einen simplen Grund – Spass. «Bei Tom Cruise habe ich den Eindruck, er macht diese Stunts aus Leidenschaft», sagt Bettina Stucki, die bekannteste Schweizer Stuntfrau («Der Bestatter)».

Vielleicht ist es aber auch komplizierter. Die Schauspieler-Psyche ist eine diffizile Sache, und Darstellerkunst ist relativ. Nah liegt da die Verlockung des Sportlichen, Konkreten, Messbaren. Ein guter Stunt ist solide Arbeit. «Ich wollte mich von Kran zu Kran springen sehen», sagte Daniel Craig, der nächstes Jahr 50 wird, aber weiterhin einen überaus virilen Bond gibt. Dass die Stuntmanie nicht nur Schauspieler fortgeschrittenen Alters erfasst, zeigt Angelina Jolie. Auch sie erzählt gern von ihren abenteuerlichen Drehs.

Erinnerung an Bud Spencer

Weniger glamourös sieht es fürs Kopf-und-Kragen-Proletariat der Traumindustrie aus. «Meine Kollegen in Hollywood sagen, die Jobs würden weniger», sagt Stucki. Und das, obwohl das Actionkino boomt. «Die Digitalisierung hat viel verändert, das stimmt», bestätigt von Gunten. Sprünge aus grosser Höhe etwa – 40, 50 Meter –, die früher nur ein Stuntman habe bewältigen können, würden heute am Computer inszeniert.

Hollywood verlasse sich heute zu sehr auf die Software, sagt von Gunten. Weil es technisch möglich sei, würden immer absurdere Verfolgungsjagden und dergleichen programmiert. «Dabei staunt der Zuschauer viel mehr über einen menschengemachten Stunt, den er nicht für möglich gehalten hat.» Deshalb seien die ersten «Die Hard»-Filme weit besser gealtert und beliebter als die späteren, computergestützten Folgen, deshalb hätten Bud-Spencer- oder Jackie-Chan-Filme noch immer einen grossen Charme. Und deshalb sieht Von Gunten die Stunts von Tom Cruise auch nicht als blosse Ego-Massage, sondern als wichtiger Vorzug der «Mission Impossible»-Reihe.

Statt langer, kunstvoller, menschengemachter Stunts gäbe es in Filmen wie «The Fast and the Furious» kleine, digitalisierte Actionszenen, hektisch zerstückelt durch rasche Schnitte, bedauert von Gunten. «Ein Kunsthandwerk geht verloren.» Ein Beispiel dieses «Kunsthandwerks» gibt Stuntfrau Stucki: «Eine Person, die von einem Auto gerammt und danach über die Windschutzscheibe geschleudert wird – das kann ein Computer noch immer nicht überzeugend darstellen.»

Für René von Gunten hat der Stuntcoach eine hellere Zukunft als der Stuntman. Dies, weil Schauspieler kleinere Stunts übernehmen – Hilfsmittel wie Seile können problemlos retuschiert werden –, grössere Stunts anderseits von Computern übernommen werden. Die Stuntmen werden künftig also aus dem Schatten der Stars treten, um gänzlich aus dem Scheinwerferlicht zu verschwinden. Wichtig bleiben die von Guntens auf dem Set dennoch. Schliesslich sind sie es, die alternde Stars vor allzu gewagten Sprüngen abhalten müssen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt