Kino, das vor dem Krieg besteht

In «Dunkirk» fügt Regisseur Christopher Nolan die Schlacht um Dünkirchen im Jahr 1940 zu einer gewaltigen Geschichtskomposition.

Die Soldaten sahen die Heimat, doch sie konnten nicht zu ihr: Fionn Whitehead als Tommy in «Dunkirk». Fotos: Melinda Sue Gordon

Die Soldaten sahen die Heimat, doch sie konnten nicht zu ihr: Fionn Whitehead als Tommy in «Dunkirk». Fotos: Melinda Sue Gordon

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Halten wir uns kurz an dem fest, was historisch verbürgt ist: Im Mai 1940 war die deutsche Wehrmacht so weit in den Westen vorgedrungen, dass sie das britische Expeditionskorps samt einigen Teilen der französischen Armee eingekesselt hatte. Die Alliierten steckten im nordfranzösischen Dünkirchen an der Kanalküste fest.

Die Gegenwehr (vor allem die der Franzosen) war tapfer und das Ende der Schlacht fast wundersam: Ein selt­samer «Haltebefehl» Hitlers führte dazu, dass die alliierten Soldaten über den Kanal evakuiert werden konnten. Es entkamen 338'226 Mann auf rund 900 militärischen und zivilen Schiffen.

Tatsächlich sprach man vom «Wunder von Dünkirchen». Ein militärisches Desaster wurde zum Sieg der nationalen Moral, und ­Winston Churchill nährte damit seine ­berühmte Rede vom kompromisslosen Kampf auf Feldern, in Hügeln und auf Strassen: «We shall not flag or fail.»

Video: Der Trailer zu «Dunkirk»

Quelle: Warner Bros. Pictures (Youtube)

Begeben wir uns nun in die unverbürgten Dramen des Möglichen und vermutlich Wahren. Der Krieg, wie der Regisseur Christopher Nolan ihn in seinem Film «Dunkirk» zeigt, hat keine innere Ordnung für die, die ihn zu überleben versuchen. Für die, die drin sterben, hat er erst recht keine. Er passiert, und sie überleben ihn oder sie sterben eben. Im Moment des Erlebens hat der Krieg keinen Sinn, er wird ihm erst später gegeben. Vorerst sind da höchstens die Routinen des Lebenwollens, die Hierarchien des Überlebendürfens und die Rituale der Disziplin, die das Sterben manchmal aussehen lassen wie Heldentod.

Vor allem aber ist da diese grosse Verlassenheit. Dieses Mausbeinalleinsein in den lang gezogenen Momenten der Panik. Wenn plötzlich Schüsse peitschen aus einer Ruhe heraus, man weiss nicht woher. Wenn ein Torpedo in einen Schiffsrumpf fährt und Soldaten, die eben noch Tee bekommen haben, sich durch Luken an die Luft zwängen, umgeben von Wasser und Feuer und Öl, jeder sich selber der Nächste.

Gewaltige Filmmalerei

Die Trägheit der Sekunden, in denen ein englischer Pilot einsam erkennt, nein, seine Spitfire wird diesen deutschen Bomber nicht mehr erreichen, oder zu spät, der wird seine Ladung ausschütten über dem englischen Minensuchboot, und im Meer wird es wimmeln von schreienden Schwimmern, die im Wasser verbrennen.

Und der Stillstand und das Schweigen der Zeit, als ein anderer Pilot seine Maschine mangels Treibstoff auf den Strand von Dünkirchen setzen muss. Und das Rasen des Augenblicks dann wieder, als der Skipper einer englischen Freizeitjacht voller Schiffbrüchiger der Salve aus einer deutschen Bordkanone ausweicht mit der stoischen Präzision eines Seekriegsprofis.

Kleine Heldentaten sind womöglich Teil und Taktik der natürlichen menschlichen Feigheit.

So also ist der Krieg, den Christopher Nolan, der britische Regisseur von «The Dark Knight» und «Inception» uns zeigt, und das ist «Dunkirk»: nie Vogelschau und grosse Truppenbewegung und Strategiesimulation. Immer Fragment, Improvisation und Reaktion auf das Nächstliegende. Und gewaltige, kunstvolle Filmmalerei, wenn so ein altertümlicher Begriff erlaubt ist. Nicht episodischer Realismus und temporale Gradlinigkeit, eher ein mittelalterliches Wandgemälde mit seiner Gleichzeitigkeit des Nacheinander: Die Dehnung eines Tags zur Woche, die dramaturgische Konzentration eines Tags in einer Stunde.

Oder anders gesagt: Ebbe und Flut einer Kunstzeit. Schein der Zukunft und Reflex der Vergangenheit in einer Art verfliessenden Gegenwart. Es ist eine grandiose Geschichtskomposition, in der Filmkunst, die weiss, dass sie nicht das Leben ist und schon gar nicht grösser als das Leben, Mittel findet, um Lebensgrösse zu erreichen. Unter den Historienfilmen hatte in den letzten Jahren höchstens Steve McQueens «12 Years a Slave» diese geschichtsbewusste Kraft.

Nolan fügt Dissonanzen zu Harmonien, nur wenige können das wie er.

Dazwischen klingt es auch nach sehr solidem Heldenlied und ein klein wenig nach heroischer Sentimentalität. Das musste wahrscheinlich sein, ein Engländer schuldet der Geschichte von der Schlacht um Dünkirchen und der Rettung einer Armee auch diesen Gefühlston. Das Lied vom braven Mann und seiner selbstverständlichen Solidarität sozusagen. Denn man muss es sich vorstellen: Bei klarem Wetter sahen die verlorenen Tausendschaften am Strand von Dünkirchen die Klippen von Dover und konnten nicht hinüber, und weil sie es nicht konnten, kam, wie es jetzt in der Filmwerbung heisst, «die Heimat zu ihnen» in der sogenannten «Operation Dynamo». Und da kam nicht nur Militär, sondern eben auch die zivile Heimat, auf Booten und Bötchen, auf Jachten und Jollen.

Darunter mag dann wirklich das hübsche Schiffchen so eines Mr. Dawson wie in «Dunkirk» gewesen sein (der Oscargewinner Mark Rylance spielt ihn mit zurückhaltendem Stolz), eines Veterans des Ersten Weltkriegs vielleicht, der seinen ältesten Sohn schon begraben hat und der jetzt zusammen mit dem jüngeren und dessen Schulfreund Überlebende aus dem Ärmelkanal fischt. Möglicherweise starb ein mutiger Bub bei einer solchen Aktion und kam zu Hause in die Lokalzeitung als junger Held, ­Nolans sonst heldenarmer Film erwägt diese unkitschige Wahrscheinlichkeit; und warum auch nicht? So viel Dankbarkeit der Nation wäre ja seinerzeit wohl angebracht gewesen, und so viel gefühlsinnigen Respekt darf sich dieser Film gewiss doch erlauben.

Christopher Nolan ist allerdings kein Regisseur, der sich in der Reinheit eines Gefühls verlöre. Nolan denkt in Gegensätzen und Schattierungen. Er fügt Dissonanzen zu Harmonien, nur wenige können das wie er. Sein «Dunkirk» ist darum auch in seinen einzelnen Erzählungen – auf dem Strand, auf dem Wasser, in der Luft – wie Treibsand und Gezeiten.

Schrecken und Staunen

Alle äussere Ordnung ist nur notdürftig domestiziertes Chaos (und immer bereit, gleich wieder wildes Chaos zu werden). Starke Tapferkeit zerbricht an viel stärkeren Traumata. Menschen flüchten in den Tod aus Angst vor dem Sterben. Kleine Heldentaten sind womöglich Teil und Taktik der natürlichen menschlichen Feigheit. Überleben kann heissen: über Leichen gehen. Im Sinn stecken viele Unsinne. Wo andere Dramen zu ethischen Lösungen kommen, bietet dieses uns den Schrecken und das Staunen über das Menschenmögliche als ­Erkenntnis an.

Und das ist nun, nehmt alles nur in allem, ebenfalls ein wesentliches Element von Christopher Nolans grossem Kino: der Mut und die Fähigkeit, historisch und ästhetisch vor der Unübersichtlichkeit eines Kriegs zu bestehen.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, Arena, Corso, Houdini und Metropol.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 18:30 Uhr

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