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Kann nicht schlafen, der Clown frisst mich

Die Neuverfilmung von Stephen Kings «It» ist gruseliger denn je. Was Clowns so unheimlich macht.

Bewährtes Schockhandwerk: Bill Skarsgård als Pennywise in «It» (2017). Foto: PD
Bewährtes Schockhandwerk: Bill Skarsgård als Pennywise in «It» (2017). Foto: PD

Irgendwann gegen Ende von «It», der Neuverfilmung des Romans von Stephen King, zieht der Clown Pennywise alle ­Register. Eine Schaubude klappt auf, die Drehorgel beginnt bös zu eiern, der billige Feuerwerksrauch verzieht sich. Und wer steht jetzt da im Schultheaterbühnenbild? Es ist der fiese Clown: oranges Haarbüschel, Harlekinkostüm mit roten Pompons. Er hampelt wie ein Irrer, schlenkert Arme und Beine, nur das Gesicht bleibt starr. Gefroren zum Grinsestrich, der sagt: Na, hast du jetzt Angst?

Beverly will da schleunigst weg. Sie und ihre sechs 13-jährigen Kollegen sind in den Brunnenschacht im Gammelhaus an der Neibolt Street in der Kleinstadt Derry geklettert, um es mit dem aufzunehmen, was sie das «It», das «Es» nennen. Das Grauen kann viele Formen annehmen, meistens aber manifestiert es sich als Clown Pennywise. Wenn er grinst, weitet sich seine Fratze. Dann folgt der anarchische Gagaismus, Ballone steigen auf, und Pennywise beisst mit Reisszähnen den Kindern von Derry die Arme ab. An die Laternenpfähle sind überall die Plakate getackert: «Missing».

Das Beste am TV-Film von 1990: Tim Curry als Pennywise. Fotos: PD
Das Beste am TV-Film von 1990: Tim Curry als Pennywise. Fotos: PD

Beverly gehört zum «Losers’ Club» in Derry, Maine. So wie der stotternde Anführer Bill, so wie der Dickwanst Ben, so wie Richie mit den frühpubertären Witzen. Noch ein paar mehr, fertig ist der Verlierer-Club. Der neue Horrorthriller erinnert zuweilen weniger an Stephen King als an Enid Blyton: Sieben Freunde und das Geheimnis des Harlekins. Man kann es deshalb so halten wie Stephen King selber, dem nicht immer freundlichen Kritiker der Adaptionen seines Werks. Er fand den Film in Ordnung.

Das Lachen ist nur aufgemalt

Zwischenzeitlich hatte sich Cary Fukunaga («True Detective») für die Regie ­interessiert. Das wäre wohl ein richtig pessimistischer Horrorzirkus geworden. Der Argentinier Andy Muschietti liefert nun bewährtes Schockhandwerk ab. Das funktioniert sicher effektiver als der trashige Fernseh-Mehrteiler von 1990. Es gibt auch ein paar wunderbar beängstigende Exzesse des Schreckens. Einer hat mit schwarzen Haaren zu tun, die aus dem Waschbecken spriessen. Kings Roman handelt ja von einem Amerika, in dem der gesellschaftliche Abflussreiniger nicht mehr funktioniert. Wo das schlimme Schleimige hochgespült wird und sich über die Sommerferien ergiesst, die wir Kindheit nennen.

Pennywise rührt an eine Angst, von der die Forschung seit Jahren weiss: Clowns sind unheimlich. Eine Studie der Universität Sheffield kam 2008 nach der Befragung von 4- bis 16-Jährigen zum Schluss, dass Bilder von Clowns besser nicht in Kinderspitälern hängen sollten, denn: «Fast alle Kinder fürchten sich vor Clowns.» Wacher als Erwachsene erkennen sie, dass hier ein Gesicht auf ein ­Gesicht gemalt ist, etwas Doppeltes, Täuschendes am Werk ist. Wer ist der Clown hinter seiner Abdeckschminke, lacht sein Mund wirklich unter dem aufgemalten Grinsen? Hinzu kommen die ungelenken Bewegungen, die zu grossen Schuhe; irgendetwas stimmt hier nicht.

Schönheitsoperation misslungen: Jack Nicholsons Joker in «Batman» (1989) Foto: PD.
Schönheitsoperation misslungen: Jack Nicholsons Joker in «Batman» (1989) Foto: PD.

Das Bild des bösen Clowns ist alt. Kostümierte Spässemacher hatten immer ein derbes, aggressives Element: Sie verhöhnen, spotten, spielen Streiche. Dem Clown ist Unerhörtes erlaubt, das ist seine Funktion. Er soll skandalös die ­Regeln bestätigen, indem er sie bricht. Auch Karneval und Gewalt gehen zusammen, weil es eine Zeit der aufgehobenen Regeln ist, der Narrenfreiheit. Selbst ein Kasperli oder ein Mr. Punch sind nicht ohne Ambivalenz, verstecken den Knüppel hinterm Rücken.

Ein Clown im Zirkus hat nichts Unheimliches. Wehe aber, wenn er in den Alltag eindringt, nachts auf dem Trottoir steht, im Tram vor einem sitzt, sich umdreht, sein Schminkegrinsen zeigt. Dann wird es ungemütlich. «Bei Mondlicht hat ein Clown nichts Lustiges mehr», wusste der Stummfilmstar Lon Chaney in den 20er-Jahren. Chaney gab einen der frühesten Düsterclowns der Filmgeschichte. In «He Who Gets Slapped» spielte er 1924 einen unglücklichen ­Guignol mit weissem Gesicht; sein Anblick ist noch heute beunruhigend. Im selben Jahrzehnt verkörperte auch Conrad Veidt eine unheimliche Clownsfigur, den von permanentem Grinsen entstellten Gwynplaine in der Victor-Hugo-Verfilmung «The Man Who Laughs» (1928). Gemäss Batmanologen war Gwynplaine die Inspiration für den Joker, den psychopathischen Gegenspieler Batmans.

Im Dezember 1978 dann wurde der mörderische Clown in den USA real. John Wayne Gacy, der jahrelang als Mietclown Pogo Kinderfeste im Grossraum Chicago unterhalten hatte, gestand der Polizei, mehrere Buben und junge Männer ermordet zu haben. 33 Leichen wurden in seinem Keller geborgen. Auch wenn Gacy offenbar nie im Clown­kostüm gemordet hatte: Für die Öffentlichkeit war er der «Killer Clown». Wer Clowns schon immer gefürchtet hatte, sah sich bestätigt. Gacy gab Stephen King den Impuls für den Roman «It». Und zugleich war sich King wohl bewusst, dass der böse Clown schon immer da war: Pennywise ist im Buch Jahrhunderte alt, begegnet den Kindern auf alten Stichen und vergilbten Fotos.

Stephen Kings «It» ist vor allem ein Roman über die Kindheit, in der man sich so schön fürchten konnte wie später nie wieder.

«It» ist vor allem ein Roman über die Kindheit, als man mit einer Hand die Glace umkrallte und mit der anderen das Velo ins Gras fallen liess. Als Kind hat man sich so schön gefürchtet wie nachher nie wieder: grauenvolle Sekunden, in denen man sich im Keller zum Lichtschalter hintastete. Stephen King, der heute Donnerstag siebzig wird, hat «It» ab 1981 zu schreiben begonnen, 1986 ist das über 1000-seitige Werk erschienen, die 80er-Jahre wurden zum King-Lese-Jahrzehnt. Dass die «It»-Verfilmung weit über 200 Millionen Dollar eingespielt hat, dürfte auch mit der Nostalgie nach einem Alter zu tun haben, als man im Bett solche Wälzer zerfledderte.

Es gibt im Roman eine ganze Erzählebene, in der die Kinder von damals ­erwachsen geworden sind. Der Film hat sie gekappt und in ein geplantes Sequel verschoben. Dafür haben die Autoren die Geschichte getreu dem aktuellen Horrortrend um die Netflix-Retroserie «Stranger Things» in die 80er-Jahre verlegt. Dagegen blendet King im Roman in seine eigene Kindheit zurück: in die 50er-Jahre, als die Gallone Benzin ein paar Nickel kostete und man einen Kerl, der einen seltsamen Hut trug, noch eine Schwuchtel rufen konnte. Aber worum gehts eigentlich in «It»? Um brutales Bullying, das die Mitglieder des Losers’ Club ständig erleiden? Um Missbrauch, Rassismus, darum, dass die Eltern ihre Kinder beschützen wollen und die Kinder sich vor dem Erwachsenwerden fürchten? Von alldem erzählt Stephen King auf teils erschütternde Art. Die Neuverfilmung kommt da nicht mit. Aber auch sie ahnt, dass es keine sehnsuchtsvolle Rückschau ohne Verdrängung gibt. Wir wissen gar nicht mehr, was wir als Kind alles getan haben. Umso furchtbarer sind die Enthüllungen.

Der Agent des Chaos

Die Illusion, man könne Amerika heute wieder grossartig machen, steckt also ­irgendwie auch in «It». Wieso haut sie uns Pennywise jetzt wieder mit einem stinkenden Grinsen ins Gesicht? Als Kindsmörder ist der Clown die Figur unserer Zeit: Die gerade in Amerika so sehr auf Süsse und Zuckerwatte getrimmte Welt der Kindheit verwandelt sich in eine Geisterbahn. Ausgerechnet der Clown, das Maskottchen der kinderfreundlichen Fast-Food-Kette McDonald’s, wird zum Monster.

Nach «It» verbreitete sich der böse Clown. Er war in B-Movies wie «Killer Klowns from Outer Space» (1988), auf der Bühne mit dem Hip-Hop-Duo Insane Clown Posse, deren clowngeschminkte Fans von der US-Bundespolizei inzwischen als Gang betrachtet werden. Er steckt in Krusty dem Clown aus den «Simpsons». «Kann nicht schlafen, der Clown frisst mich», stammelt Bart einmal. Natürlich war auch der Joker wieder im Kino, magisch verkörpert etwa von Heath Ledger in «The Dark Knight».

Böses von oben: Clowns im B-Movie «Killer Klowns from Outer Space» (1988)Foto: PD.
Böses von oben: Clowns im B-Movie «Killer Klowns from Outer Space» (1988)Foto: PD.

In jüngster Zeit wurden die Clowns roher. Captain Spaulding, der Glatzkopf in Rob Zombies Schauerfilmen, ist nur noch blutig, ohne Poesie. Aber das wahre Grauen sind nun ohnehin die echten Clowns, draussen auf der Strasse. Im letzten Herbst waren sie vor Halloween plötzlich überall in den USA. Tauchten auf Landstrassen auf, standen in Hauseingängen, winkten aus Fenstern. Ein Internetphänomen; Jugendliche verkleideten und filmten sich, stellten die Videos online. Aber es gab auch Kriminelle, die die Clownmanie ausnutzten, verkleidet Kinder in den Wald lockten oder Kettensägen schwangen. Es formierten sich Clownjäger-Bürgerwehren. Fachleute warnten vor Massenhysterie.

Letztlich geht es beim Clown um Kontrolle. Er ist bereits in der Manege unberechenbar, ein «Agent des Chaos», wie der US-Kulturwissenschaftler Mark Dery schrieb. Mitten auf der Strasse aber ist solche Unberechenbarkeit Horror.

In Stephen Kings «It» lebt Pennywise davon, dass er den Bewohnern von Derry Angst einflösst. Unter ihm wird der Alltag zu einer Art karnevaleskem Kontinuum, in der nicht mehr klar ist, was den Budenzauber vom Amoklauf unterscheidet. Kommt uns das vertraut vor? Vertraut wie rote Knollennasen und zu grosse Schuhe. Es ist unter uns.

«It» läuft ab nächstem Mittwoch im Kino.

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