Zum Hauptinhalt springen

Johnny Depps Dukaten-Desaster

Die «Pirates of the Caribbean« stechen zum fünften Mal in See. Auch privat kann Hauptdarsteller Depp es kaum ablehnen, wieder den Captain Sparrow zu geben.

Johnny Depp in «Pirates of the Caribbean: Salazar's Revenge».
Johnny Depp in «Pirates of the Caribbean: Salazar's Revenge».

Captain Sparrows wundersame Piratenwelt hat etwas ungemein Tröstliches – wenigstens ist hier nichts endgültig, nicht einmal der Tod. Die Filmreihe um die «Pirates of the Caribbean», eigentlich ein verfilmtes Karussell aus einem Disney-Park, gibt es nun schon seit vierzehn Jahren. Mit «Pirates of the Caribbean: Salazar's Revenge» stechen sie jetzt jedenfalls zum fünften Mal in See, und man kann sich in dem Labyrinth der Plots der vier ersten Filme schon einmal verlieren. Zumal eben eine ganze Reihe zentraler Figuren irgendwann mal tot war, Gefangene auf Sklavenschiffen der Unterwelt, Geister. Die Piraten gehen in verschiedenen Aggregat- und Existenz-Zuständen ein und aus, wie ein Rudel von Schrödinger-Katzen.

Man hätte insofern erwarten können, dass es gar keine folgenden Generationen braucht, denn warum sollten solche Gestalten altern? Und mit den Mitteln heutiger Technik könnte man Keira Knightley mühelos in einen Teenager zurückverwandeln, und wenn sie gerade wichtigere Dinge zu drehen hätte, müsste sie dafür nicht mal ans Set kommen. Es geht dann trotzdem um ihren Sohn und um ein Mädchen, das keine Eltern mehr hat. Henry hat schon als Kind herausgefunden, in welcher Vorhölle sein Vater Will (Orlando Bloom) gelandet ist, und nun, als Erwachsener, will er unbedingt einen geheimnisvollen Dreizack auftreiben, der der von Poseidon sein soll und magische Kräfte besitzt. Mit dem könnte er den Fluch aufheben, der Will zum Zombie macht.

Henry (Brenton Thwaites) ist dann nicht der Einzige, der nach dem sagenhaften Ding sucht – da ist auch noch die Astronomin Carina (Kaya Scodelario), die ihres unmädchenhaften Wissenschatzes wegen als Hexe verfolgt wird. Henry hat auf einem Schiff angeheuert, das in einen Hinterhalt gelockt wird, dort wartet der Piratenjäger Salazar (Javier Bardem). Er ist mit seiner Mannschaft untergegangen, in einer Felsspalte, wo sie nun als Zombies auf dem Boot bleiben müssen, noch ein bisschen verwester und verstümmelter als die Besatzung der «Flying Dutchman«, die schon durch die anderen Piratenfilme spukte. Nur Henry lässt er am Leben, denn er will den Dreizack. Und den will auch der einbeinige Captain Barbossa (Geoffrey Rush), derzeit eher lebendig, aber nicht mehr lang, sollte er nicht Salazar besänftigen. Und keiner von ihnen kann es wirklich schaffen, ohne den magischen Kompass und den ewig benebelten Captain Sparrow (Johnny Depp), der durchs Leben taumelt und dabei doch immer auf den Füssen landet.

Es gibt ein paar sehr schöne Szenen, beispielsweise jene, in der Sparrow nicht etwa eine Bank ausraubt, sondern eine Bank raubt – das ganze Ding. Auch das ist so eine Gelegenheit, bei der er betrunken mit einer Dame herummacht und dann wider jede Wahrscheinlichkeit heil aus einem Desaster herauskommt – bloss Geld springt dabei nicht für ihn heraus. Das ist alles herrlich anzusehen, und der Plot ist sogar ein wenig sinnvoller als der der mittleren Filme der Reihe. Aber er ist auch ein bisschen egal. Es ging in dieser Reihe immer mehr ums Achterbahnfahren als um Geschichten und sinnvolle Dramaturgie – man geniesst, was man sieht. Zum Grübeln sind die Piraten nicht gemacht. Man muss sie nur mögen können.

Muss man mit Fortsetzungen rechnen?

Einer der schönsten Fieslinge macht eine eigenartige Charakterwandlung durch und wird dann sofort von der Unterwelt verschluckt. Aber man kann sich ja eben, anders als in der richtigen Welt, nicht darauf verlassen, dass irgendwer dort wirklich langfristig festsitzt – jeder Todesfall wirkt hier wie ein Cliffhanger für den nächsten Film, da ist dann wieder einer, den man zurück ins Leben befördern kann. Muss man mit weiteren Fortsetzungen rechnen? Aber ja. Schon deswegen, weil Johnny Depp sich in eine Lage hineinmanövriert hat, in der er es kaum ablehnen kann, auch weiterhin den Captain Sparrow zu geben.

In Los Angeles findet nämlich ein bizarrer Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Management statt, Depp hat die Manager verklagt und sie ihn. Es gab Ärger, nach über einem Jahrzehnt, weil Depp seinen Lebensstil nicht mehr finanzieren kann und den ehemaligen Managern die Schuld gibt – sie hätten, findet er, keinen Vertrag mit ihm gehabt, der ihnen einen Prozentsatz seiner Einkünfte zuspricht. Die Agentur, die ihn mit Buchhaltern und Anwälten betreut, sieht das naturgemäss anders. Vor allem findet man dort, an der Ebbe in der Champagnerkasse seien wohl eher der Unterhalt für eine Yacht von 350'000 Dollar monatlich schuld gewesen, die er dann aus Geldnot an J. K. Rowling verscherbeln musste, oder vielleicht die vierzig Angestellten oder die launenhaften Kunstkäufe. Von den sagenhaften 650 Millionen Dollar, die Johnny Depp in seiner Karriere verdient hat, lange als der grösste Star der Welt, ist jedenfalls sehr viel unter die Räder geraten. Oder unter den Kiel.

Vielleicht besser trainiert, aber sterbenslangweilig

Im Zuge dieser Streitigkeiten kam dann noch allerlei ans Licht, was sein eigenwilliges Marilyn-Monroe-Verhalten am Set von «Salazars Rache» in Australien angeht – dazu gehört auch die Episode mit den eingeschmuggelten Schosshündchen, die dann vor allem wegen eines Entschuldigungsvideos an alle Australier bekannt wurde. Sonstige Klagen? Raufen mit der Gattin Amber Heard, die inzwischen ohnehin Ex-Gattin ist; chronische Verspätung – und ein Hang zu geistigen Getränken.

Wenn die Piraten viele Dukaten einspielen, wird das bei Disney keinen stören. Und das ist auch gar nicht so schlimm. Wäre schon nett, wenn irgendwer Johnny Depp so weit disziplinieren würde, dass man wieder sehen kann, dass er wirklich ein grossartiger Schauspieler ist – Captain Sparrow ist da vielleicht keine grosse Herausforderung, aber er hat, und das ist Teil des Spiels, einen ungeheuren Charme. Und einen letzten Filmstar, der noch auf charmante Weise durchgeknallt ist, den wird sich Hollywood schon leisten können, oder sogar müssen. Die Instagram-Saubermänner der nachfolgenden Generation sind vielleicht besser trainiert, aber sterbenslangweilig.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch