Jeder hat Vorurteile

Dennis Schwabenland und Sascha Engel haben mit «The Holycoaster S(hit) Circus» einen Dokumentarfilm produziert, in welchem die Grenzen zwischen Realität und Spiel verwischen.

Schrill, schräg, parodistisch: Szene mit Sprühflasche aus dem theatralischen Dokumentarfilm «The Holycoaster S(hit) Circus».

Schrill, schräg, parodistisch: Szene mit Sprühflasche aus dem theatralischen Dokumentarfilm «The Holycoaster S(hit) Circus». Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Projekt über Helden solls werden. Die Dreierschaft der Theatergruppe Peng! Palast (Dennis Schwabenland, Benjamin Spinnler und Christoph Keller) tut sich allerdings schwer mit dem Ideensammeln.

Beim Brainstorming offenbart der gebürtige Deutsche Dennis Schwabenland, dass sein Grossvater Karl Otto Koch gewesen sei, deutscher SS-Führer und Lagerkommandant in verschiedenen Konzentrationslagern. Das müsse unbedingt ins Stück mit rein, finden die anderen zwei, denn schliesslich gebe es nichts Tolleres für autobiografisches Theater, als wenn man eine Leiche im Keller habe.

Was real ist, bleibt ungewiss

Diese Szene steht am Beginn von «The Holycoaster S(hit) Circus», dem ersten Film von Dennis Schwabenland und Sascha Engel, der in Kollaboration mit der Gruppe Peng! Palast und Kino Kitchen (Tel Aviv) entstanden ist. Im Zentrum steht der Entstehungsprozess eines Theaterstücks. Zumindest vordergründig. Denn was in diesem Film der Realität entspricht und was gespielt ist, darüber wird die Zuschauerschaft im Ungewissen gelassen. Die Form, welche Schwabenland und Engel für ihren Film gewählt haben, ist irgendwo zwischen komödiantischem Dokumentarfilm und Mockumentary zu verorten, also einem fiktionalen Dokumentarfilm, der ein bestimmtes Genre parodiert.

In «The Holycoaster S(hit) Circus» werden allerdings die unterschiedlichsten Genres veräppelt – vom kitschigen Doku-Soap-Interview über slapstickhafte Unfälle bis hin zu patriotischen Actionhelden-Einstellungen und Coming-of-age-Saufgelagen ist alles vertreten.

Wirklichkeitsverwirrung

So reisen wir also mit den drei Peng!-Palast-Akteuren und dem «poetischen Berater» Raphael Urweider nach Israel, wo zusammen mit Ruby Edelmann, welcher den exzentrischen und Israel-patriotischen Choreografen gibt, ein Theaterstück erarbeitet werden soll. Es ist ein wenig heldenhafter Roadtrip, vieles geht schief, und die Zusammenarbeit funktioniert überhaupt nicht, wobei in der Hitze des Probegefechts alle Beteiligten Vorurteile der übleren Sorte offenbaren. Die Tatsache, dass die Grenzen zwischen Echtheit und Schwindel, zwischen Authentizität und Imitation konstant übertreten werden, führt zu einer veritablen Wirklichkeitsverwirrung, welche die eigenen Beurteilungen und Einschätzungen immer wieder blossstellt.

Diese Verwirrung findet nicht nur bei den Zuschauern statt, sondern ist offenbar auch bei den dreimonatigen Dreharbeiten in Israel aufgetreten. Er sei bei den Proben relativ oft an seine Grenzen gekommen, gesteht Dennis Schwabenland. «Teilweise habe ich mich echt drüber empört, wie ich von den anderen behandelt wurde.» Erst als dann jeweils die Szenen-Schlussklappe gefallen sei, habe er realisiert, dass diese ja nur gespielt hätten.

Für Filmpreis nominiert

«The Holycoaster S(hit) Circus», der für den Berner Filmpreis nominiert wurde, ist ein trashiger, wilder, lustiger und unkonventioneller, dabei aber auch sehr intelligenter Film, welcher wohltuend unverfroren das Tabu-Thema Holocaust angeht und dabei einen vertieften Denkprozess in Gang setzt, wie es denn nun um die Wahrheit desjenigen beschaffen ist, was uns da tagtäglich als Wahrheit serviert wird.

Provokant werden hier Vorurteile offengelegt, die tief in allen von uns schlummern. Offenbar selbst in der doch so offenen und toleranten Gemeinschaft der Theatermachenden.

Premiere von «The Holycoaster S(hit) Circus» am Donnerstag in Bern im Kino Rex. Moderation: Pedro Lenz. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2016, 09:58 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Privatsphäre

Artikel zum Thema

«Authentischer hätte es nicht sein können!»

Interview Susanne Meures und Jan Gassmann erzählen in ihren Dokumentarfilmen «Raving Iran» und «Europe, She Loves» von illegalen Partys im Iran und jungen Menschen im Krisen-Europa. Mehr...

«Ich konnte nicht alles mit Tod füllen»

Interview Mit seinem Dokumentarfilm «Fuocoammare» über das Flüchtlingselend vor Lampedusa hat Gianfranco Rosi an der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Nun läuft der Film in Zürich im Kino. Mehr...

Dossiers

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Französische Finte

History Reloaded 10 Unbekannte, die Geschichte schrieben

Paid Post

Bildung gegen die Macht der Maras

In den grösseren Städten El Salvadors kontrollieren Gangs, die sogenannten Maras, ganze Quartiere. Die Banden nutzen die tristen Zustände im Land, um Kinder und Jugendliche zu rekrutieren.

Die Welt in Bildern

Wellness fürs Schaf: An der «Sichlete» nach dem Alpabzug gestern in Bern hält dieses Tier ganz entspannt seinen Kopf hin. Die Schur nach einem Sommer auf der Alp ist wohl tatsächlich eine Erleichterung (18: September 2017).
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...