Der fröhliche Pessimist

Er drehte mit Marcello Mastroianni und Sophia Loren und galt als politischster Filmemacher Italiens. Nun ist Ettore Scola im Alter von 84 Jahren gestorben.

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Ettore Scolas erfolgreichster Film ist auch einer seiner konsequentesten: «Le bal» (1983) spielt ausschliesslich in einem französischen Tanzlokal zwischen 1936 und 1983. Es gibt keine Dialoge, nur Musik, Trinken, Lachen. Die grosse Politik bleibt draussen, ist aber trotzdem stets präsent im Saal: 1942 taucht ein Wehrmachtsoffizier in Uniform auf, 1944 wird ein Kollaborateur in die Mangel genommen, 1968 flüchten Mai-Demonstranten vor der Polizei ins Lokal. Und die Musik spielt immer weiter.

Typisch Scola. Der Regisseur, der am Dienstag 84-jährig starb, war stets ein politischer Filmemacher, vielleicht der konsequenteste Italiens. Aber die Politik spiegelte sich in den Geschichten einzelner Menschen. Zu «Le bal» sagte er, er habe an drei Themen gedacht: «Die Zeit, die Einsamkeit und die persönliche Geschichte. Daraus ergibt sich dann die ­offizielle Geschichte.»

Der Trailer zu «Le bal». Video: FURY (Youtube)

Die Geschichte, die in einen abgeschirmten Raum dringt, ist ein ständiges Thema in Scolas Filmen: Während eines Hitler-Besuchs in Rom flieht Marcello Mastroianni als Verfolgter in die Wohnung der Hausfrau Sophia Loren («Una giornata particolare», 1977). Desillusionierte Intellektuelle treffen sich zum Essen («La terrazza», 1980); in einer Postkutsche fliehen Adlige und Bürgerliche vor der Französischen Revolution («La nuit de Varennes», 1982). Die Wohnung, der Esstisch, die Kutsche werden dabei zu kleinen, grossen Welten.

Seine Karriere startete Scola in einer Übergangszeit: Der Neorealismus, der das internationale Ansehen des italienischen Kinos geprägt hatte, war am Absterben, und die eleganten Komödien, mit denen die Römer Produzenten ihr Geld verdienten, kamen beim Publikum nicht mehr an. Scola kannte beides und vereinte es: den genauen Blick auf die kleinen Leute, aber auch das Lachen, das leicht in Wehmut kippen kann.

Begonnen hatte er als Zeichner und Gagschreiber bei der Satirezeitschrift «Marc’Aurelio», wo er zeitweise mit Federico Fellini arbeitete. Später schrieb er Drehbücher, bis Vittorio Gassman 1964 darauf bestand, dass dieser talentierte Autor seinen Film «Se permettete parliamo di donne» auch inszenieren müsse. 40 weitere Filme folgten.

«Se permettete parliamo di donne», Episodio 1. Video Cine Italiano (Youtube)

Seine politische Überzeugung hat der Regisseur nie verleugnet. Er war ein Linker, zeitweise Mitglied der Kommunistischen Partei. Aber er war kein Dogmatiker, präsentierte seine Geschichten über die Missstände der Gesellschaft stets so, dass man auch lachen konnte, worüber man eigentlich weinen wollte. «Das Kino wird die Welt nicht verändern», pflegte er zu sagen, «aber es kann ein paar Fragen stellen.» Und: «Ich bin ein fröh­licher Pessimist.»

In seiner Haltung aber blieb er konsequent. Im Jahr 2004 plante er einen Film mit Gérard Depardieu, der auch vom italienischen Fernsehen und damit von Silvio Berlusconi finanziert werden sollte. In einer Rede gebrauchte der damalige Ministerpräsident das als Beweis seiner Grosszügigkeit und prahlte, dass er «sogar einen Kommunisten wie Scola Filme machen lasse». Der Regisseur liess darauf das Projekt fallen und sagte, er drehe nicht mehr, solange Berlusconi an der Macht sei. Sein allerletzter Film war 2013 eine Dokumentation über Fellini.

Ein Eindringling? Ein Dieb?

«Wir waren so verliebt» lautet der deutsche Titel von Scolas bestem Film, manchmal auch «Wir hatten uns so geliebt» («C’eravamo tanto amati», 1974). Und ja, wir liebten den Regisseur als geistreichen Unterhalter, der immer für eine Überraschung gut war. Wie am Ende von «Le bal». Das Tanzlokal schliesst darin endgültig, alle gehen. Nur eine Dame sitzt noch schlafend da, der Kellner weckt sie. Sie springt auf, erfreut, weil sie denkt, sie werde endlich zum Tanz aufgefordert. Und muss das Lokal dann ernüchtert verlassen.

Der Trailer zu «C’eravamo tanto amati». Video: NuovissimoMillefilm (Youtube)

So wollte Scola den Film allerdings nicht beenden. Plötzlich erscheint irgendwo in den Kulissen noch ein junger Mann. Ein Eindringling, ein Dieb? Er rennt raus, voller Übermut und voller Lebenslust, ein Stuhl fällt dabei um. Erst jetzt löscht der alte Kellner das Licht endgültig. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2016, 08:17 Uhr

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