Ist Schweigen ein Verbrechen?

«Das schweigende Klassenzimmer» blendet ins Jahr 1956 zurück, als eine Abiturklasse mit einer Schweigeminute der Opfer in Ungarn gedenken wollte.

Sie schwiegen aus Solidarität und wurden dafür von der Schule verwiesen: Die Schülergruppe aus dem Film «Das schweigende Klassenzimmer» gab es wirklich

Sie schwiegen aus Solidarität und wurden dafür von der Schule verwiesen: Die Schülergruppe aus dem Film «Das schweigende Klassenzimmer» gab es wirklich Bild: zvg

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Die Geschichte, welche uns Lars Kraume erzählt, beginnt im Kino, genauer gesagt mit der Wochenschau und damit Bildern von der brutalen Niederschlagung des friedlichen Aufstands in Ungarn im Jahr 1956. Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz), zwei Abiturienten aus Stalinstadt, haben einen Ausflug in den Westen Berlins gemacht, um Filme zu sehen. Das war damals noch möglich. Die Mauer wurde erst fünf Jahr später zur hermetischen Trennung von Ost und West.

Die Wochenschau, ein Dokument mit einer gewissen Wahrheitsgarantie, erschüttert die beiden, vor allem weil der bekannte, von ihnen bewunderte und geliebte Fussballer Ferenc Puskas nach Gerüchten zu den Opfern gehören sollte. Auf dem Heimweg wird die Idee geboren, zu reagieren, sich mit dem Sportstar und allen weiteren Verfolgten durch eine Schweigeminute, präziser mit «einem fünfminütigen Schweigen mitten im Unterricht» zu solidarisieren. Die Aktion findet in der Klasse eine grosse Mehrheit, allerdings keine Einstimmigkeit. Unvorhersehbar sind jedoch dann die Wirkungen zu Hause, in der Schule, im sowjetischen Sektor, wo die DDR, die Deutsche Demokratische Republik, im Entstehen ist, und weit darüber hinaus.

Heute noch gültig

Schon wieder ein historischer Film, werden wohl viele sagen, sind doch geschichtliche Erzählungen gegenwärtig Mode auf den Leinwänden. Nicht alle diese Filme verdienen unsere Aufmerksamkeit und sind so notwendig wie «Das schweigende Klassenzimmer» von Lars Krume.

Entscheidend dafür ist Folgendes: Die Geschichte ist wahr. Der 79-jährige Dietrich Garstka, einer der «schweigenden» Abiturienten von damals, hat sie aufgeschrieben, gefügt aus seiner Erinnerung, vielen Gesprächen und Aktenrecherchen. Sein so entstandenes Buch hat den gleichen Titel wie der Film und ist ein aufrüttelnder Bericht, der die Basis für Lars Kraume darstellte. Dieser beruft sich dankbar auf eine intensive Zusammenarbeit.

Dann ist diese wahre Geschichte für den Drehbuchautor und Regisseur «eine Aussage, die heute Gültigkeit hat». Wer keine Geschichte hat, hat auch keine Zukunft. Gedankenfreiheit genügt nicht, wenn sie nicht für eine eigene Meinung gebraucht wird beziehungsweise gebraucht werden darf. Wie viele Alte und Junge folgen heute nur den Parolen der Partei oder einer unkontrollierten Aufforderung auf dem Handy und nennen diesen Gruppenzwang erst noch Solidarität.

Wunderbare Schauspieler

Schliesslich muss die Geschichte auch zu den Menschen führen, zu den Vorfahren, den Urgrosseltern, den Grosseltern, den Eltern und ihren Lebensumständen von damals. Sie mögen aus unserer heutigen Sicht falsch oder gar nicht gehandelt haben, aber die extreme Situation, die Ängste und die Bedrohung dürfen nicht vergessen werden. «Das schweigende Klassenzimmer» ist ein Film voller Spannung und Liebe, voller Wut und Mut, voller Verzweiflung, aber auch irgendwie voller Hoffnung auf eine Freiheit suchende Jugend. Entscheidend ist jedoch, dass er getragen ist von Verantwortung heute und von jenem Bewusstsein für Geschichtsvermittlung, das Lars Kraume schon in früheren Werken gezeigt hat, beispielsweise 2015 mit «Der Staat gegen Fritz Bauer». Ein in seiner Haltung verwandtes Werk haben wir nun wieder mit «Das schweigende Klassenzimmer» vor uns.

Welch einer wunderbaren Gruppe von jungen Schauspielern und Schauspielerinnen hat Lars Kraume die «wahre Geschichte» anvertraut, welch ein Engagement ist bei allen spürbar in der Öffentlichkeit der Schule wie zu Hause, wo die Eltern in Furcht leben, der aus heutiger Sicht falschen Macht folgen oder sich von Fake-News verführen lassen. Und wie berührend und präzis spielen die Erwachsenen, die mächtigen und die ohnmächtigen. Wie verständlich, jedoch gleichzeitig ungeheuerlich ist ihr Ringen um Sohn oder Tochter, oder ist es nur ein Kämpfen um das für sie vorgesehene Ziel, den geplanten Weg?

Möglichkeit zum Verständnis

Etwas zerbrach damals für immer. Die Klasse wurde von der Schule verwiesen und vom Abitur ausgeschlossen. Einer grossen Gruppe gelang die Flucht in den Westen. Sie blieb zusammen, durfte eine eigene Klasse bilden und die Reifeprüfung absolvieren. Dem offenbar schwer kranken Dietrich Garstka sei gedankt für seine Erinnerungen und Lars Kraume für den Film. Gelebte und bezeugte Geschichte kann eine Möglichkeit zu gegenseitigem Verstehen und vielleicht sogar zu einem Verzeihen oder zumindest einem Begegnen sein. «Das schweigende Klassenzimmer» ist ein spannender Film, der stets Film bleibt und nie bloss Geschichtslektion wird. Wir haben die Freiheit, für uns etwas Nachhaltiges daraus zu machen.

Montag, 16. April, 20 Uhr, «Bund»-Filmsoiree in Anwesenheit von Regisseur Lars Kraume, Moderation: Fred Zaugg, Kino Club. Ab Donnerstag im regulären Programm. (Der Bund)

Erstellt: 16.04.2018, 06:43 Uhr

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