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Im Bett mit 007

Ganz der Vater: Seit zwölf Jahren produziert Barbara Broccoli die Bond-Filme. Etwas anderes könnte sie sich auch gar nicht vorstellen.

Das Zimmer im Luzerner Hotel Palace ist ausgesprochen maskulin: blaue und schwarze Lampenschirme und Polstermöbel, an der Wand ein echter blau-schwarz-roter Rothko, ein blauer Vorhang vor dem Fenster. Düster, gedämpft, kantig, ein Bond-Zimmer. Und dann kommt sie, die Frau, die sich nur ungern interviewen und fast nie fotografieren lässt, die Frau, die ein Imperium führt: Barbara Broccoli, 48, amerikanisch-englische Doppelbürgerin, seit ihrem 36. Lebensjahr Produzentin aller Bond-Filme, Tochter des grossen Albert R. Broccoli, der James Bond 1962 in «Dr. No» zum ersten Mal ins Kino brachte. Ihr Vater hatte eine Kultfigur produziert, sie selbst hat diese dann zum ganz grossen Goldesel gemacht, hat zuerst mit Pierce Brosnan und dann noch einmal mit Daniel Craig alle Kassen-, PR- und Sponsoren-Rekorde gebrochen.

Barbara Broccoli sieht aus, als wäre sie in ihrer Jugend ein fröhlicher Cheerleader gewesen, und sagt gern über sich: «Ich bin der Albtraum hinter jedem Bond-Film.» Nicht hinter jedem Bond-Regisseur, präzisiert sie jetzt, schon gar nicht hinter Marc Forster, aber hinter den Geldgebern, und wenn es darum geht, «die Marke Bond zu beschützen». Mit Marc Forster könnte sie nicht glücklicher sein: «Ich habe zu Marc gesagt:‹Das einzige Problem, das ich mit dir habe, ist, einen Nachfolger für dich zu finden.›»

Barbara Broccoli ist eine jener mächtigen Töchter, die das Erbe ihrer in erster oder zweiter Generation aus Italien stammenden Väter in der Filmindustrie weitertragen. Francis Ford Coppolas Tochter Sofia gehört dazu, die Schauspielerin Asia Argento, deren Vater der Horrorfilmregisseur Dario Argento ist, und Raffaella De Laurentiis, die nach dem Vorbild von Vater Dino Produzentin wurde. Kennen sie einander? «O ja, Sofia kenne ich, ich bewundere ihr Talent als Regisseurin, ihre Leidenschaft für das Werk ihres Vaters, das ist natürlich alles schon sehr italienisch. Und ich würde sehr gern mit ihr zusammenarbeiten.»

Hatte Barbara Broccoli, deren kalabrische Vorfahren tatsächlich als Erste den Broccoli züchteten, jemals einen anderen Traum als den, beruflich ganz und gar im Bond-Universum aufzugehen? «Nein, das wäre für mich unvorstellbar gewesen, ich habe meinen Vater sehr bewundert, weil er für mich den amerikanischen Traum schlechthin verkörperte. Er hatte es ja geschafft, vom Farmerssohn zum Bond-Produzenten zu werden, mehr amerikanischer Traum war gar nicht möglich. Ich wollte so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen, und in die Bond-Welt hineinzuwachsen, war das Normalste, was ich mir vorstellen konnte. Eine Familienangelegenheit.»

Einmal war sie auch bei Bond im Bett. Mit sieben Jahren fuhr sie mit nach Japan zu den Dreharbeiten von «You Only Live Twice» (1967) und wurde krank. Da sagte Sean Connery: «Sie schläft in meinem Bett.» Und als sie noch ein bisschen kleiner war, da lebte sie in der Überzeugung, dass James Bond ein Verwandter der Familie Broccoli war.

Hatte sie Angst, als ihr Vater ihr und ihrem Stiefbruder Michael G. Wilson seine englische Produktionsfirma mit dem Namen Eon übergab und sie plötzlich nicht nur für einen Actionhelden verantwortlich war, sondern auch einen stilprägenden Einfluss auf Dinge wie Mode, Autos, Unterhaltungselektronik hatte? Ganz zu schweigen von den vielen Menschen, deren Lebensunterhalt von der Bond-Industrie abhängig ist? «Angst? Nicht wirklich. Mein Vater lehrte mich, keine Angst zu haben. Er glaubte fest an starke Frauen, meine Mutter, die eng mit ihm zusammenarbeitete, war eine davon. Ich wurde dazu erzogen, Risiken einzugehen, Entscheidungen zu fällen, mein Bestes zu geben.»

Auch jetzt, angesichts der Finanzkrise, hat sie keine Angst, ganz im Gegensatz zu Daniel Craig, der sich gerade nicht sicher ist, ob sich ein nächster Bond wird finanzieren lassen. «In Krisenzeiten brauchen die Menschen das Kino umso mehr», sagt sie. Sie sagt aber auch, dass das Kino die Menschen ernster nehmen müsse, dass sie sich deshalb nach 9/11 entschieden habe, einen gebrochenen, keinen frivolen Bond mehr zu produzieren: «Filme, die die Zeit, in der sie stattfinden, reflektieren, überleben. Das gilt für die Neuerfindung von Bond ebenso wie für die Neuerfindung von Batman. Die Idee, was ein Held darstellen soll, hat sich verändert: Helden sind keine Übermenschen mehr, sie sind Menschen und werden erst zu Helden, wenn sie mit ihren Ängsten konfrontiert werden.»

Wovor hat die Welt Angst?

Natürlich studiert Barbara Broccoli schon wieder an einem nächsten Bond herum. «Ein wenig» jedenfalls, «wir haben Ideen». Gibt es denn noch irgendeinen Fetzen Manuskript von Ian Fleming, auf dem noch eine allerletzte Idee für ein Bond-Abenteuer skizziert ist? «Das Wichtigste an Fleming ist doch, dass er überhaupt die Figur des Bond geschaffen hat. Wenn wir jetzt eine neue Bond-Episode erfinden, fragen wir uns immer: Welche persönliche Herausforderung stellen wir Bond? Und auf der Seite des Bösewichts: Wovor hat die Welt jetzt gerade Angst? Bei‹Quantum of Solace› waren das die Bedrohung und Monopolisierung natürlicher Rohstoffe. Für den nächsten Film suchen wir jetzt nach einer neuen Bedrohung.» Mit Daniel Craig? «Definitiv.» Und mit Judi Dench? Die sagte nämlich neulich, dass sie vielleicht bald zu alt sein würde, um Bonds Chefin M. zu spielen. «Vergessen Sie das schnell wieder», sagt Barbara Broccoli zum Schluss, «Judi darf niemals aufhören mit Bond. Niemals.»

«Quantum of Solace»: ab heute im Kino.

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