«Ich will wissen, was Menschen menschlich macht»

Die amerikanische Schauspielerin Glenn Close hat den Golden Icon Award des Zurich Film Festival erhalten.

«Heutzutage brauche ich etwas Neues, damit die kreativen Muskeln in Schwung kommen»: Glenn Close. Video: ZFF/Tamedia

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So eine Auszeichnung für ein Lebenswerk ist eine gute Gelegenheit, die grossen Fragen zu stellen, zum Beispiel: Von welchen künstlerischen Prinzipien werden Sie angetrieben als Schauspielerin?
Man kann es wirklich grundsätzlich formulieren: Ich will ein Teil sein von Geschichten, die erforschen, was Menschen menschlich macht. Das war ja auch ein Prozess. Als ich begann, habe ich sehr subjektiv auf alles reagiert, und jeder Charakter war eine spannende Herausforderung. Heute muss schon eine wirklich neue Tür zu einer Gefühlswelt aufgehen, damit meine kreativen Muskeln in Schwung kommen.

Was wäre denn dieses Neue, zum Beispiel in «The Wife», dem neuen Film, mit dem Sie hier in Zürich sind? Warum war Ihre Figur Ihre Kraft wert?
Sehen Sie, das ist eben eine dieser komplexen Frauen in komplexen Beziehungen, die mich so anziehen. Eine Frau ist das, die ein Leben lang hinter ihrem Mann fast verschwunden ist, sie hat es zugelassen, bis zur Selbstaufgabe. Sie weiss das, aber als Opfer lässt sie sich nicht behandeln. Denn sie weiss auch: Ich bin interessanter als das. Lauter komplizierte Widersprüche. Das war so ein neues Territorium, das ich als Schauspielerin betreten konnte mit der Orientierungshilfe von Björn Junge, dem Regisseur. Und man muss im Filmgeschäft ja kämpfen für solche subtilen, unabhängigen Kunstwerke wie «The Wife».

«In ‹Fatal Attraction› habe ich keine Verallgemeinerung gespielt, sondern ein Individuum.»

Waren Sie je in der Situation zu überlegen, ob Sie sich als Künstlerin aufgeben sollen für jemand anderen? Vielleicht aus Liebe, wie in diesem Film?
Nein, nie, und jetzt bin ich auch aus dem Alter raus. Aber ich kann bezeugen, dass es vorkommt, denn ich habe es gesehen. Mein Vater war Arzt in Afrika, im Kongo. Und man könnte schon sagen, meine Mutter, eine Frau mit vielen Begabungen, hat sich ganz aufgegeben für ihn. Später im Leben hat sie dann gesagt: Ich hab ja selbst nichts erreicht. Und mich hat das schrecklich traurig gemacht.

Sie haben eine lange Reihe starker Frauen gespielt, die oft zugleich verwundbar und manchmal gedemütigt waren. Im Zentrum stand immer ein Kampf für die weibliche Würde. Würden Sie sich als feministische Schauspielerin bezeichnen?
Sie dürften mich so nennen, ich hätte nichts dagegen. Obwohl ich natürlich nicht feministische Statements abgeben will, wenn ich spiele. Dann bin ich einfach interessiert daran, wie Frauen leben und überleben in den Welten, in die sie geworfen sind. Aber es ist halt wahr, dass diese Welten immer noch von Männern dominiert sind. Und wenn Menschen, die sich einsetzen für Frauenrechte und für die «weibliche Stimme», jetzt fänden, meine Filme seien da eine Hilfe, dann wäre mir sehr wohl dabei.

Einmal haben Sie Feministinnen gegen sich aufgebracht. Da spielten Sie in «Fatal Attraction» diese starke, selbstständige – aber eben auch ziemlich wahnsinnige Alex. Das wurde als schädlich für die feministische Sache empfunden. Wie erinnern Sie sich daran?
Ach ja, 1988 war das, in einer Zeit der grossen Verallgemeinerungen. Ich habe aber keine Verallgemeinerung gespielt, sondern ein Individuum, denke ich. Und heute treffe ich immer noch Frauen, die mir gegenüber die starke und nicht die wahnsinnige Alex zitieren. Sie erinnern sich vielleicht: «Ich lasse mich nicht ignorieren!»

Stimmt es, dass Sie damals für ein anderes Filmende gekämpft haben? Für eines, wo diese Alex einen würdigeren Abgang gehabt hätte, als von einer guten Ehefrau in einer Badewanne erschossen zu werden.
O ja, das war im Originaldrehbuch sogar vorgesehen. Sie sollte sich selbst umbringen, und man hat das so gedreht. Aber man hat es dann vor Publikum getestet, und die Leute waren ganz aus dem Häuschen, weil sie sich mit einem Küchenmesser getötet hat, auf dem die Fingerabdrücke von Dann Gallagher waren, also der Figur von Michael Douglas. Der wäre dann ins Gefängnis gekommen, und das wollte niemand. Und ja, so hat diese Alex ein Stück Würde verloren, glaube ich. Die, die jetzt im Film stirbt, ist eigentlich nicht meine Figur. Die wäre eine verzweifelte, hoffnungslose Frau gewesen, der niemand geholfen hat. Nicht einfach diese Verrückte, die ein lebendes Kaninchen kocht. Aber wahrscheinlich bleibt das eben eine ­unumstössliche Regel im traditionellen Drama: Wo Unordnung war, muss wieder Ordnung hergestellt werden. Jedenfalls fanden die Verantwortlichen die ­Sache mit der Badewanne besser und ­sozusagen shakespearischer.

«The Wife» mit Glenn Close läuft am ZFF noch einmal am 8. 10. (20.30 Uhr, Arthouse Le Paris). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 20:10 Uhr

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Glenn Close, geboren 1947, aufgewachsen in Connecticut, USA, und im Kongo, fand relativ spät vom Theater zum Film und ist eine der renommiertesten Darstellerinnen im Kino. Ihr Ruhm gründet auf ihre schauspielerische Qualität. Ihre Frauenfiguren sind intensiv und kraftvoll, wie etwa die Madame de Merteuil in «Dangerous Liaisons», auch wenn die Figuren ihre Kraft nicht immer sofort zeigen – sei es in der Rolle als intensive Alex aus «Fatal Attraction» in ihrer verhängnisvollen Affäre mit Michael Douglas, sei es als Königin Eleonore von Aquitanien in «The Lion in Winter» (2003) oder jetzt als Joan Castleman in der englisch-schwedischen Produktion «The Wife». Eine Frau spielt sie dort, die ihrem Mann, dem berühmten Schriftsteller Castleman, immer den Rücken freigehalten hat. Bis der den Nobelpreis gewinnt und sie in Stockholm zur Statistin macht. Da entlädt sich innere Wut, und es enthüllen sich einige Ehegeheimnisse. (csr)

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