«Ich kann nicht aufhören, über die Menschen zu staunen»

Burghart Klaussner spielt in seinem neuen Film den deutschen Generalstaatsanwalt, der Adolf Eichmann jagte und deshalb im eigenen Land verfemt wurde.

«Das Hauptziel des Schauspielers sollte nicht die Imitation, sondern die Entdeckung einer Zeitgenossenschaft sein», sagt Burghart Klaussner. Foto: Giorgia Müller

«Das Hauptziel des Schauspielers sollte nicht die Imitation, sondern die Entdeckung einer Zeitgenossenschaft sein», sagt Burghart Klaussner. Foto: Giorgia Müller

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Ihre Bandbreite ist ja riesig. Aber am deutlichsten habe ich doch die drei Filmfiguren im Kopf, in denen sich deutsche Geschichte spiegelt: den Pfarrer in «Das weisse Band», den SS-Oberführer Arthur Nebe in «Elser» und nun den Staatsanwalt Fritz Bauer. Zieht Sie das besonders an als Schauspieler?
Jetzt, wo Sie so fragen, reizt mich das zur Antwort, dass ja alle Filme eigentlich historische Filme sind, ihre Gegenwart ist für den Darsteller immer gleich vorbei. Und was bedeutet das? Es heisst, dass wir uns ständig in der Vergangenheit bewegen, und wenn das schon so ist, dann finde ich es eben schön, durch die Zeiten zu gehen, so konkret, wie Sie es meinen. Ich halte das für eine grosse Chance des Kinos: eine Zeitmaschine zu sein. Man fragt sich doch manchmal: Gäbs die wirkliche Zeitmaschine, würde ich in die Zukunft reisen? Ich bestimmt nicht. Nur in die Vergangenheit, dorthin, wo die Zukunft herkommt. Also: Ja, da ist tatsächlich ein Faible für diese Stoffe und diese Figuren, vor allem für die deutsche Geschichte mit ihren ­dramatischen Wellenbewegungen.

Wenn es dann eben um historische Figuren geht: Wie wirkt sich das aus auf Ihre schauspielerische Interpretationsfreiheit? Empfinden Sie eine erhöhte Verantwortung gegenüber den Quellen?
Ich empfinde sie ganz enorm. Sowohl im positiven wie im negativen Sinn. Das kann nachträglich belasten. In «Elser», dem Film über den Hitler-Attentäter, spiele ich diesen hohen Nazipolizisten, der versucht, sich in den Elser hineinzudenken, mit einer gewissen Menschlichkeit gar. Und womöglich ist es mir nicht ganz gelungen, die schurkische Finsternis der Motive zu zeigen. Das meine ich mit Verantwortung. Nicht dass ich jetzt grosse Lust auf Selbstkritik hätte. Aber vielleicht wurde zu wenig deutlich, dass der «Good Cop» ein Schwerverbrecher war, ein ganz übler Nazi.

Nach dem Krieg haben einige den Nebe zum Widerständler ­erklärt, wegen Kontakten zu den Verschwörern des 20. Juli ist er 1945 gehängt worden. Man sieht das im Film, er zappelt sich ­minutenlang zu Tode. Haben Sie das selbst gespielt, diesen Todesstunt?
Selbstverständlich. Gestorben wird selbst. Mir lag daran, das sehr realistisch zu zeigen, als grauenhaften Tod, aber nicht etwa als sentimentale Läuterung.

Fritz Bauer ist quasi Nebes Gegenteil, er jagte nach dem Krieg Adolf Eichmann, den Logistiker der Schoah. Wie viel Nähe oder Distanz brauchen Sie, um sich als Schauspieler nicht in der Rolle einer historischen Figur zu verlieren?
Vor allem soll das Hauptziel nicht die Imitation sein, sondern die Entdeckung einer Zeitgenossenschaft. Oder einer Zeittypenschaft, wie beim Pastor im «Weissen Band» oder bei Bauer. Aber das sagt man so leicht. Während des Castingprozesses habe ich Archivmaterial über Bauer bekommen, Fernsehaufnahmen, in denen mich die exorbitante Körperlichkeit des Mannes fast überrannte. Ich dachte, das schaffe ich nie. Da zeigte sich gleich in der Körpersprache: Hier hatte ein Mensch schwer mit sich und seinen Erlebnissen zu tun. Und dann, plötzlich, hat mich das doch erreicht, gewissermassen flashartig, und vermutlich ist das die einzige Möglichkeit: dass einen so eine Figur derart als Ganzes anspringt. Man kann sie nicht Stück für Stück zusammensetzen. Ich hätts nicht gekonnt.

Burghart Klaussner auf der Jagd nach Adolf Eichmann. Quelle: Youtube.

Welche Rolle spielen Maske und Kostüm für Sie?
Eine grosse. Für mich fast die Hauptrolle. Das Motiv, überhaupt Schauspieler zu werden, war auch der Wunsch nach Verkleidung, und es ist mir ganz, ganz wichtig, dass ich immer das richtige Kostüm trage, im Film oder auf dem Theater. Beim Bauer wars die Perücke, an der sehr lang und genau gearbeitet wurde, und das musste sein. Wenn so was nicht wie angegossen sitzt, fliegt der Zuschauer gleich aus der Kurve, glaube ich.

Und so kämen Sie als Schauspieler über das Äussere zum Charakterkern einer Figur? Was fanden Sie da bei Fritz Bauer?
Widerständigkeit aus Sensibilität. Das ist einer, der äusserst empfindlich reagiert auf die Dinge der Welt und sich einen Panzer anerziehen musste, um sie auszuhalten. Das ist mein wesentlicher Punkt. Darin fühle ich mich verwandt mit ihm.

Sie scheinen Ihrem Bauer einen depressiven Schatten zu geben. Er war ja auch dreifach stigmatisiert, als Linker, als Jude und als Homosexueller...
Ja, nur schwarz war er nicht, das hätte das Mass damals vollgemacht. Uns schien zum Beispiel das Thema Homosexualität ein guter dramatischer Weg, um eine repressive Gesellschaft zu charakterisieren. Indem wir zeigten, wie viel Verzicht auf Leben es bedeutete, ein Ziel zu verfolgen, vor dem alles andere zur Seite zu rücken hatte. Und dazu wars für mich ein schauspielerischer Reiz, diesen feinen Schwingungen zwischen Männern, homosexuell oder nicht, auf die Spur zu kommen, die zu Freundschaft, Nähe, Zartheit führen können.

«Burghart Klaussner ist ein ­Seelengräber», hat jemand ­geschrieben. Es klingt ein wenig pathetisch, aber es trifft es, oder?
Wahrscheinlich. Nein, sicher. Ich bin so wahnsinnig interessiert an Menschen und ihren Beweggründen, weil ich gar nicht aufhören kann, darüber zu staunen, dass keiner dem anderen gleicht. Was für ein Fundus für einen Schauspieler! Und zum Interesse gesellt sich wohl schon eine Fähigkeit, im anderen etwas zu erkennen, ich könnte jetzt sagen: die Persönlichkeit. Aber das Wort «Seele» hat für mich tatsächlich eine kostbare Bedeutung.

Sie machen auch Musik und singen. Auf Ihrer Website schreiben Sie, Sie würden am liebsten nur das machen. Ist das für Sie der Ort wirklicher künstlerischer Freiheit?
Nein, nein, nicht gar so ernsthaft. Und doch, was ich damit meine: Wenn ich es schaffe, beim Musikmachen etwas auf den Punkt zu bringen, dann ist eigentlich alles erreicht, der Spass und der Sinn und das Gefühl purer Lebensenergie.

Muss ein Schauspieler musikalisch sein?
Er sollte. Sprache ist ja auch nichts anderes als Musik. Ich bin da ein absoluter Sprachfex, ich liebe all ihre Klänge in ­allen Sprachen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2015, 18:08 Uhr

Burghart KlaussnerTyrann, Schurke, Jäger

Der deutsche Film- und Theaterschauspieler Burghart Klaussner, geboren 1949, gehört längst zu den besten. Aber wirklich berühmt wurde er als eisig strenger Pastor in Michael Hanekes «Das weisse Band» (2009). Er gab da einer herzenskalten, schwarzen Pädagogik aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Gestalt, in der sich schon deutsche Zukunft andeutete. In Oliver Hirschbiegels «Elser» (2015) war seine Figur dann verbrecherischer Teil dieser Zukunft. Und jetzt, in Lars Kraumes «Der Staat gegen Fritz Bauer», spielt er jenen Generalstaatsanwalt Bauer, der Anfang der 60er-Jahre dem israelischen Geheimdienst half, Adolf Eichmann aufzuspüren. Es ist die ungemein differenzierte Darstellung der juristischen Hartnäckigkeit und menschlichen Verzweiflung eines Mannes, dem der eigene Staat zum ignoranten Feindesland wurde. (csr)

In Zürich im Kino Arthouse Movie.

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