«Ich hätte lieber Darth Vader gespielt»

Als Mark Hamill für den ersten «Star Wars»-Film von 1977 vorsprach, verstand er vom Drehbuch kein Wort. Dann aber spielte er Luke Skywalker und wurde Teil eines riesigen Pop-Phänomens.

Mark Hamill: «Ich kann es mir leisten, nur noch in Sachen mitzuspielen, auf die ich Lust habe.» Foto: Taylor Jewell (AP, Keystone)

Mark Hamill: «Ich kann es mir leisten, nur noch in Sachen mitzuspielen, auf die ich Lust habe.» Foto: Taylor Jewell (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mr. Hamill, ich dachte, wir könnten vielleicht über Nerds sprechen.
Das trifft sich gut, ich bin selber einer!

Da wäre etwa Ihre manische Comic-Leidenschaft als Kind. Stimmt die Anekdote, dass Sie Ihren ersten Auftritt als Schauspieler deshalb in einer Schultheaterversion Ihrer geliebten «Peanuts» hatten?
Ja, und zwar als der Hund, Snoopy. Das war eine super Rolle! Meine Eltern ­haben von dieser Aufführung leider keine Fotos gemacht, aber wenn Sie zum Hollywoodstar werden, passiert etwas Merkwürdiges: Irgendwelche Leute, die bei irgendwelchen Schultheateraufführungen Fotos gemacht haben, erinnern sich daran, dass da doch der kleine Mark Hamill auf dem Bild mit drauf war. Und dann laden die das ins Netz hoch. Von dem Auftritt als Snoopy natürlich auch.

Auch ein wenig unheimlich, oder?
Tatsächlich, ja. Andererseits: In meinem Job müssen Sie halt Ihr Leben mit der ­Öffentlichkeit teilen, oder zumindest einen Teil davon. Ich bin immer sehr verwundert, wenn ich Interviews mit berühmten Schauspielern lese, die sich darüber beschweren, dass sie fotografiert oder auf der Strasse angesprochen werden. Dann denke ich mir: Junge, bist du sicher, dass du dir den richtigen Job ausgesucht hast? Niemand hätte dich ­daran gehindert, Versicherungsvertreter zu werden, da hättest du deine Ruhe.

Aber Sie können sich doch bestimmt in kein Restaurant setzen, ohne dass jemand nach Luke Skywalker ruft. Gerade «Star Wars»-Fans können ja recht fanatisch sein.
Ich habe mich dafür entschieden, ein Clown zu werden, denn nichts anderes sind Sie, wenn Sie davon leben, die Zuschauer zu unterhalten: ein professioneller Clown. Das war mein Traum, seit ich ein kleiner Nerd war, also werde ich mich jetzt nicht darüber beschweren.

Was war Ihr Ur-Nerd-Erlebnis, das Sie in die Schauspielerei trieb?
Ich sah im TV eine Disney-Sendung, in der sie ein bisschen durch die Kulissen hinter der Produktion führten und die Macher interviewten. Und da war ein Kerl, Clarence Nash, der war die Stimme von Donald Duck in den Cartoons. Der Typ hat sein Geld damit verdient, Donald Duck zu sein! Das wollte ich auch.

Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?
Meine Mutter meinte, ich solle aufhören, mir den ganzen Quatsch im Fernsehen anzuschauen. Sie war auch zutiefst beunruhigt, weil ich ständig Comics lesen und ins Kino gehen wollte. Ich stand dann in der Küche und habe Dracula nachgemacht: «Die Kindärr därr Nacht, wälch süssää Musik sie machen.» Und meine Mutter sagte: Sehr süss, Schatz, aber Dracula imitieren zu können, wird dich nicht auf einen anständigen Beruf vorbereiten.

Und Ihr Vater?
Mit dem war es noch viel heikler. Mein Dad war Captain bei der Navy, ein überzeugter Republikaner und später leidenschaftlicher Nixon-Anhänger. Der fand den Gedanken, dass sein Sohn zu den Spinnern nach Hollywood gehen könnte, nicht nur lächerlich, sondern schlicht und einfach unvorstellbar. Für ihn war es selbstverständlich, dass seine Söhne zum Militär sollten.

Wie haben Sie sich durchgesetzt?

Ich habe einfach weitergemacht, Comics gelesen, Dracula imitiert. Wenn ich mal keine Rolle ergatterte, habe ich eben die Beleuchtung gemacht oder das Poster gemalt, Hauptsache, ich war dabei. Als ich älter wurde, merkten meine Eltern endgültig, dass es mein vollkommener Ernst war, Schauspieler zu werden, und dass ich nach Los Angeles gehen wollte, um mein Glück zu probieren. Das führte zu einem schlimmen Streit, ich rannte aus dem Zimmer und knallte die Tür zu. Aber ich bin davor stehen geblieben und habe meine Eltern belauscht, um zu hören, was sie jetzt über mich sagen. Und mein Vater meinte tatsächlich zu meiner Mutter: Was haben wir nur falsch gemacht in seiner Erziehung?

Zum Glück hat es dann ja toll geklappt mit Ihrer Karriere.
Ja, und irgendwann hatte ich dann zum Glück den Luxus, dass ich es mir leisten konnte, nur noch in Sachen mitzuspielen, auf die ich Lust habe – oberste Nerd-Kaste sozusagen. Die meisten Drehbücher, die man in Hollywood bekommt, sind ja schlechte Imitate von erfolgreichen Filmen. Da sitze ich dann immer am Küchentisch, wo ich die Sachen am liebsten lese, und schüttle den Kopf, und meine Frau fragt: Worum gehts denn da? Und ich kann nur antworten: Na ja, das ist irgendwie wie «Alien», nur auf einem U-Boot. Oder «Die Hard» im Einkaufszentrum. Das sind gut bezahlte, aber auch sehr langweilige Jobs. Wenn ab und an doch ein tolles Skript dabei ist, sage ich sofort Ja. Egal, wie viel ich verdiene.

Was haben Sie sich denn damals gedacht, als Sie das erste Mal das Drehbuch zu «Star Wars» lasen?
Zunächst habe ich es gar nicht ganz zu lesen bekommen. Es gab ein Massen-Casting, wo die Bewerber erst einmal nur nach Aussehen und Alter aussortiert wurden. Als ich das überstanden hatte, sollte ich George Lucas eine Szene vorspielen, mit Harrison Ford. Also gaben sie mir ein paar Seiten des Skripts, irgendwo aus der Mitte. Ich hatte keinen Zusammenhang, die Charaktere hatten alle merkwürdige Namen und redeten komisch. Ich dachte mir: Was um Gottes willen soll das für ein Film sein? Wer soll sich das anschauen? Ich wusste nicht, ob das ernst gemeint war oder irgendeine obskure Parodie sein sollte. Also habe ich Lucas gefragt, was das alles soll.

Und?
Er winkte nur ab und meinte: Spiel bitte einfach die Szene, wir sprechen später darüber. Das habe ich dann auch gemacht – nur haben wir nie darüber gesprochen. George Lucas will mit seinen Schauspielern so wenig wie möglich zu tun haben. Er will ihnen nicht erklären, was für eine Motivation sie antreibt oder welchen Hintergrund ihre Figur hat, also das ganze Zeug, das wir Schauspieler so gern mögen. Lucas besetzt die Leute so nah wie möglich an dem, wie er gerne eine Figur haben möchte, und hofft dann, dass er so wenig wie möglich mit ihnen zu tun hat. Er hat uns später beim Dreh kaum Regieanweisungen gegeben. Er wollte einen angeberischen Zyniker, also hat er Harrison Ford als Han Solo besetzt. Er wollte einen grossäugigen Farmerjungen, der keine Ahnung von der Welt hat – also hat er mich als Luke Skywalker besetzt.

Und wie haben Sie sich beim Vorsprechen der Rolle genähert?
Ich fragte Harrison Ford, ob er wisse, was das solle. Harrison ist ja mehr der schweigsame Typ, da müssen Sie schon froh sein, wenn er mal drei Wörter am Stück sagt. Er meinte nur: Pass auf, Junge, wir bringens einfach hinter uns, und fertig. Der war auch keine grosse Hilfe. Also habe ich das Ganze einfach so ernst und pathetisch wie möglich vorgetragen, und das war wohl die richtige Entscheidung – ich bekam die Rolle.

Und dann durften Sie endlich das ganze Drehbuch lesen?
Ich lebte damals in einer kleinen Einzimmerwohnung in Malibu. Meine Agentin meinte, sie würden mir das Buch schicken, und dann kam tatsächlich ein Päckchen. Ich setzte mich aufs Bett und fing an zu lesen – und war noch verwirrter als vorher. Heute ist «Star Wars» ja Teil der Popkultur, aber damals klang das einfach nur obskur; die Rollen­namen waren noch nicht einmal fertig, die hat Lucas noch mehrmals geändert. Auf der ersten Seite stand: «Dies sind die Abenteuer des Luke Starkiller, so, wie sie im Tagebuch der Whills geschrieben stehen. Saga Nummer 1: Der Krieg der Sterne.» Und ich dachte mir nur: Saga Nummer 1? Der Typ ist doch total irre! Aber je weiter ich gelesen habe, desto begeisterter war ich.

Hat Ihnen Ihre Rolle auch am besten gefallen?
Überhaupt nicht. Luke Skywalker erinnerte mich irgendwie an das Mädchen Dorothy aus «Wizard of Oz». Völlig ahnungslos wird er in eine fremde Welt getragen und schaut sich erstaunt um. Ich hätte viel lieber Darth Vader oder Han Solo gespielt. Sogar der Roboter C3PO hatte witzigere Sätze als ich. Aber ich dachte mir, das könnte ein tolles Ding werden, so etwas gab es noch nie.

Wenn Sie die Rolle nicht bekommen hätten, wären Sie trotzdem «Star Wars»-Fan geworden?
Sie hätten mich am ersten Starttag ganz vorne in der Schlange vor dem Kino getroffen. «Star Wars» ist ja wohl der beste Stoff, den Sie einem Nerd geben können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2017, 23:24 Uhr

Mark Hamill

US-Schauspieler

Als Jedi Luke Skywalker in George Lucas’ «Star Wars»-Trilogie ab 1977 zerstörte der 1951 geborene Mark Hamill unter anderem den Todesstern. In «The Force Awakens» (2015) stand er zuletzt auf einer Klippe und empfing die Kämpferin Rey. In «The Last Jedi» (ab 14. 12.) spielt er wieder mit. (Red)

Artikel zum Thema

Disney kündigt neue «Star Wars»-Trilogie an

Han Solo, R2-D2 und Kylo Ren dürfen noch nicht in Rente gehen: 2019 soll der vierte Dreiteiler der Science-Fiction-Saga anlaufen. Mehr...

Auf dem Star-Wars-Sandplaneten

Die rotbraunen Dünen der Wüste Rub al-Khali in Abu Dhabi dienten als Kulisse für den Planeten Jakku in «Das Erwachen der Macht». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Punktlandung: Eine russische Raumkapsel mit drei Raumfahrern der Internationalen Raumstation (ISS) an Bord landet in der Steppe von Kasachstan. Nach fünf Monaten ist die Besatzung wieder auf die Erde zurückgekehrt. (14. Dezember 2017)
(Bild: Dmitry Lovetsky) Mehr...