«Ich bin Tag und Nacht an der Arbeit»

Markus Imhoof dreht 34 Jahre nach «Das Boot ist voll» einen Dokfilm über Flüchtlinge. Was der Regisseur auf Stichworte über sein früheres und aktuelles Schaffen sagt.

«Ich wollte mich dem Dokfilm verweigern», sagt Markus Imhoof. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

«Ich wollte mich dem Dokfilm verweigern», sagt Markus Imhoof. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Für Markus Imhoof, den Mann des Spielfilms, ist die sorgfältige psychologische Arbeit mit Darstellern eine Herzenssache. Die Schauspielerseele muss mit ­einer Figur im Reinen sein, selbst in ihren schattigsten Facetten, bevor Imhoof sie dem Licht und der Kamera aussetzt. Auch deshalb hat «Das Boot ist voll» von 1981 so wirkungsvoll ins gute schweizerische Gewissen gestochen. Es folgten weitere Spielfilme: «Die Reise» (1986), «Der Berg» (1990), «Flammen im Paradies» (1996) – nicht alle Meilensteine, aber alle stilistisch komponiert mit dem Willen zur Genauigkeit.

Das Dokumentarische hingegen, sagt der Regisseur, sei ihm nie so am Herzen gelegen. Und doch ist es ihm passiert, mit «More than Honey» (2012), diesem kunst- und wirklichkeitsvollen Essay über Leben und Aussterben der Bienen, den erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilm von allen gemacht zu haben. In der Laudatio für den Zürcher Kunstpreis 2015, der Imhoofs Gesamtwerk gilt und den er heute erhält, wird der Regisseur denn auch als präziser Dokumentarist gewürdigt. DerBund.ch/Newsnet hat den geborenen Winterthurer mit einigen Stichworten zu seinem Schaffen konfrontiert.

Der Kunstpreis:
«Er freut mich sehr, und es beunruhigt mich nicht einmal, dass er dem ‹Gesamtwerk› gilt. Das kling ja bei Verleihungen manchmal, als sei es das jetzt gewesen. Aber da ich gerade an einem neuen Film arbeite, bin ich zuversichtlich, dass der als Supplement noch akzeptiert wird.»

Der neue Film:
«Er wird sich mit der Flüchtlingsthematik beschäftigen, und es gab ihn eigentlich schon, bevor ich ihn so richtig machen wollte. Die Schweizer Botschaft in Athen hat mich an ein Festival eingeladen, ich habe zugesagt unter der Bedingung, dass sie für mich einen Kontakt zur europäischen Aussengrenzenagentur Frontex herstellen. Das klappte, und ich bin auf Booten der Küstenwache und von Frontex mitgefahren. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Seit letztem Sommer bin ich quasi Tag und Nacht an der Arbeit. Es wird wieder ein Dokumentarfilm werden, nicht nur, weil eine fiktive Rekonstruktion viel zu teuer wäre, sondern weil sie von Anfang an eine Art Fälschung wäre. Man darf ja nicht glauben, man müsse nur ein italienisches Kriegsschiff mit 1800 Statisten mieten, und das wär dann schon die Wirklichkeit.»

Der Wechsel vom Spiel- zum Dokumentarfilm:
«Es hat mit einem nie gemachten Spielfilm zu tun, der jetzt halt nur in meinem Kopf existiert. Fünf Jahre habe ich daran geschrieben und mir mein eigenes Drehbuch dann nicht abgenommen. Der Film hätte von einem Hochstapler und seiner völlig künstlichen Welt gehandelt, von einem, der sich selber erfindet und eben die ganze Welt inszenieren will als vollkommen individualistischer Regisseur.

Man muss es sich vorstellen als totalen Kontrast zum Schwarmdenken, das ich für «More than Honey» entwickeln musste. Und tatsächlich habe ich mich in diesen Dokumentarfilm sozusagen gerettet vor der Hochstaplergeschichte, für die ich die Lösung nicht fand. Eigentlich wollte ich mich dem Dokumentarfilm verweigern, schon damals in der Filmschule in Zürich, wo ich gestritten habe mit Kurt Früh oder Georg Janett, seinem Assistenten. Der sagte immer: Kodak sieht nur Realität, ein gefilmter Baum ist auf der Leinwand einfach ein Baum. Ich sagte: Das interessiert mich nicht, ich will mehr, ich will das Wesentliche unter der Oberfläche der Realität. Über die Jahre habe ich oft versucht, wie weit ich in der Fiktion und Künstlichkeit gehen konnte. Und jetzt plötzlich, bei «More than Honey», stand ich doch in Faszination und Demut vor der Wirklichkeit. Bei Bienen kannst du nicht Regie führen, die kannst du nur so richtig wie möglich beobachten. Nicht immer bekommt man beim Drehen, was man bei der Recherche erlebt hat. Wenn die Bienen nicht wollen, stechen sie. Ich habe bei den Dreharbeiten einen Rekord im Gestochenwerden aufgestellt. Aber die Realität macht einem auch Geschenke, die sich gar nicht erfinden liessen.»

Die Realität vs. die Wirklichkeit:
«Im Grunde muss ich heute vielleicht froh sein um diese Auseinandersetzung. Man kann das Spiel mit der verborgenen Tiefe unter der Oberfläche der Normalität ja auch übertreiben, so wie Jean Cocteau in ‹Le sang d’un poète›. Aber trotzdem: Als Regisseur interessiert mich ein Baum, der ‹einfach ein Baum› ist, immer noch nicht. Es ist nur ein Stück Holz mit Blättern, und ich sähe keinen Grund, aufs richtige Licht zu warten und ihn zu filmen. Ich bräuchte schon einen erzählerischen Grund, um ihn als Stück Holz mit Blättern darzustellen, und dann wärs nicht mehr so einfach. Seinerzeit im Streit mit Früh und Janett, die Allegorien und Symbolik hassten, haben wir uns auf den Begriff ‹Chiffre› geeinigt, und dahinter steckt für mich bis heute das Motto: In der Summe des Unnötigen entlarvt sich das Wesentliche. Es bleibt bei der Frage: Wie kommt man an die Geheimnisse unter der Realität heran?»

Das Kino und die Aktualität:
«Film ist ja ein mühseliges, langsames Medium. Wenn man versucht aktuell zu sein, kommt man immer schon zu spät, selbst die ‹Tagesschau› ist immer gleich Vergangenheit. Das ist meine Aktualitäts-Herausforderung bei diesem neuen Film, die Chiffre sozusagen: Die Fragen an die abgebildete Gegenwart müssen so grundätzlich gestellt sein, dass sie auch in fünf oder zehn Jahren noch brennend sind, über die akute Situation hinaus. Vielleicht ist deshalb «Das Boot ist voll» nach über dreissig Jahren noch ein zentraler Film für mich. Aus persönlichen Gründen und weil er von Enge und Freiheit und dem Verlust von Freiheit erzählt. Und weil ich heute noch seine Wirkung erlebe. Gerade kürzlich habe ich in Mailand eine alte Dame getroffen, die als 13-Jährige im Krieg mit ihrem Vater in die Schweiz geflohen ist. Als man sie aufgriff, hat man sie einen Tag lang ohne ein Stück Brot oder ein Glas Wasser auf einer Bank sitzen lassen und sie dann im Regen weggeschickt. Sie kam nach Auschwitz, und jetzt organisiert sie eine Flüchtlingsunterkunft am Ort ihrer Deportation. Das war eine berührende Begegnung heute, die auf diesem Film beruhte.»

Die Rolle des Autobiografischen:
«Hat nicht Fellini gesagt, Fantasie sei ­Erinnerung? Mein Fundus ist genährt durch das, was ich erlebt habe. Nicht, dass ich es eins zu eins nacherzählen wollte, das wären Geschichten ohne den Überbau, den ich suche, damit sie auch andere etwas angehen. Aber der Erinnerungshumus ist da. Das sind sehr präsente, farbige Bilder. Ich habe das Glück, ein gutes Gedächtnis zu haben, und kann sie abrufen zu meiner Freude.»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2015, 18:27 Uhr

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