«Ich bin Rodin»

Schauspieler Vincent Lindon spielt Auguste Rodin. Er erzählt, wie er sich in den Bildhauer verwandelt hat und was wir mit Käse und Rotwein immer falsch machen.

«Ich bin Rodin», sagt Vincent Lindon über seine Art des Spielens. Foto: Serge Picard (Agence V, Laif)

«Ich bin Rodin», sagt Vincent Lindon über seine Art des Spielens. Foto: Serge Picard (Agence V, Laif)

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Wollen Sie mit dem Film «Rodin» den Bildhauer Auguste Rodin rehabilitieren?
Überhaupt nicht. Er war ein grosser Mensch und grosser Künstler. Wieso sollte er das nötig haben?

Weil er einst im Kinohit «Camille Claudel» als Monster präsentiert wurde, das Isabelle ­Adjani mies behandelte.
Stimmt, aber Sie haben es richtig gesagt. Er hat Isabelle Adjani schlecht behandelt, da stand eher die Darstellerin im Zentrum als die Künstlerin Camille Claudel. Wissen Sie, weshalb? Es ist für uns Schauspieler viel interessanter, eine Hysterikerin zu spielen, eine leidende Seele. Ich kann es Isabelle Adjani nicht übel nehmen. Wir haben das einfach im Blut.

Sie machen als Rodin das Gegenteil, wirken total in sich gekehrt, sehr körperlich.
Rodin ist vor 100 Jahren gestorben, es gibt keine ­anständigen filmischen Dokumente von ihm. Ich weiss also nicht wirklich, wie er sich bewegt hat. Aber ich habe viel gelesen und versuchte mir auszumalen, wie er gewesen sein könnte. Ich wusste, dass er stark war, «puissant» war das Wort, das in Beschreibungen immer wieder auftaucht. Alles Alltägliche tat er schnell, stopfte viel in sich hinein, ass Unmengen. In dieser Hinsicht war er tatsächlich ein Ungeheuer.

Er hat aber offenbar auch Bäume umarmt.
Ja, der Schriftsteller Rainer Maria Rilke, der ja als sein Sekretär arbeitete, schrieb über gemeinsame Spaziergänge und berichtet, dass Rodin besessen war von der Natur. Er hat sogar ein Testament hinterlassen, in dem er seinen Schülern sagte: «Lasst euch Zeit und bewundert, was euch umgibt. Schaut die Natur an, alles steckt da drin, in den Bäumen, in den Blumen, in den Wolken.» Das steht da geschrieben, aber ich musste ja etwas tun, um dies in Bilder umzusetzen. Darum habe ich die Dinge berührt, die Bäume zum Beispiel. Aber auch die Erde, den Ton, überhaupt alles, mit dem er arbeitete.

Hatten Sie Bildhauerkurse zur Vorbereitung?
Ja, lange vor den Dreharbeiten. Dabei ging es nicht nur um die Technik. Wenn man vier Stunden einfach an Skulpturen arbeitet, beruhigt das wirklich. Ich war vollkommen vertieft in das, was ich tat, nichts anderes existierte, keine Frau, keine Kinder, keine Mobiltelefone. Ich wurde eins mit der Beschäftigung, sie riss mich vollkommen aus der Welt hinaus. Wie vier Stunden Yoga jeden Tag.

Kannten Sie Rodin gut, bevor Sie ihn spielten?
Nur so, wie wir Franzosen ihn in der Schule mit­bekommen. Ich kannte einige seiner berühmten Werke, den «Denker», den «Kuss» und vielleicht noch «Balzac», dieses damals von den Auftrag­gebern abgelehnte Denkmal, mit dem in der Bildhauerei die Moderne begann. Das wars. Mit dem fertigen Film sehe ich die Dinge anders. Wenn ich eine Skulptur betrachte, irgendwo auf der Strasse, fällt mir einiges auf. Manchmal sage ich dann: «Nein, diese Statue ist jetzt wirklich echt schlecht, fürchterlich.» Das ist mir vorher nie passiert. Aber jetzt kann ich das beurteilen. Ich bin Rodin.

Sie sind Rodin?
Natürlich. Ich versuche, mich ganz in die Figur zu verwandeln. Das hat nichts mit Method Acting zu tun, oder wie die Amerikaner das nennen. Das ist mir zu intellektuell als Ansatz. Bei mir ist es ganz einfach: Ich kann nicht anders spielen.

Hilft dabei der imposante Bart, den Sie sich als Rodin wachsen lassen mussten?
Ganz bestimmt. So ein Ding verändert auch den Alltag. Wenn ich ein Glas Wein trinke, ist der Bart nass, und wenn ich das dann mit dem Ärmel abputze, wird mein Hemd rot. Man muss den Bart oft waschen, wenn du in die Küche gehst und ein Omelett brätst, stinkt er. Und ans Küssen und andere körperliche Kontakte will ich gar nicht denken. Aber am meisten irritiert hat mich etwas anderes.

Was?
Sobald der Bart gross genug ist, sieht man ihn im Augenwinkel. Das hat mich extrem abgelenkt: Was ist das? Gehört das zu mir? Ich weiss noch, als ich letztes Jahr das Festival von Cannes eröffnen sollte, zusammen mit Jessica Chastain. Wir mussten nur auf die Bühne gehen und sagen: «Das Festival ist eröffnet», keine grosse Sache. Aber es hat mich mehr irritiert als jede Rolle, und ich denke, der Bart war schuld daran. Er hat mich verrückt gemacht, ich wollte ihr ständig erklären: «Weisst du, Jessica, ohne Bart bin ich vielleicht nicht gerade Brad Pitt, aber ich sehe doch ganz passabel aus.»

War Rodin auch manchmal unsicher?
Er war fast weinerlich zu Hause, ab und zu auch feige. Privat wich er den Konflikten gerne aus. Aber wenn er arbeitete, war er ein Biest.

Aber darunter muss doch auch seine Geliebte Camille Claudel gelitten haben?
Ich kann nur sagen: Bei allem, was ich gelesen habe, war nie die Rede davon, dass Rodin grausam mit ihr war. Er förderte sie, wo er nur konnte. Es war eine Liebesgeschichte zwischen zwei Erwachsenen, einem Künstler, der ein Genie war, und einer Künstlerin, die ebenfalls ein Genie war. Sie hatten eine gemeinsame Passion. Aber wie das bei – sagen wir mal – sieben von zehn Paaren geschieht, geht das einmal zu Ende: Man lebt sich auseinander, es gibt Streit. Das kommt überall vor.

Er hat sie nicht in den Wahnsinn getrieben?
Klar, nach dem «Camille Claudel»-Film sagten alle, wegen Rodin sei sie in der Irrenanstalt gelandet. Aber ich denke, man kann niemanden wirklich ­verrückt machen, im Sinne von geisteskrank. Man kann einen solchen Zustand höchstens beschleunigen. Ich würde mal sagen: Camille Claudel war tatsächlich krank, vielleicht hat er ihr nicht geholfen, da rauszukommen, das ist nicht das Gleiche. Im ­Übrigen ist er ihr bis ans Ende des Lebens bei­gestanden, auch finanziell. Ich weiss, dass alle denken, er sei der Böse gewesen. Aber das ist eine Legende. Wie diejenige vom Rotwein und vom Käse.

«Ich bin nicht gerade Brad Bitt, sehe aber ganz passabel aus.»Source

Was hat das damit zu tun?
Allgemein sagt man ja, Weisswein passe gut zu Fisch und Rotwein gut zu Käse. Das ist eigentlich total falsch, es ist genau umgekehrt. Käse zerstört das Aroma vieler guter Rotweine. Wahre Kenner können Ihnen das bestätigen.

Dann haben wir es immer falsch gemacht?
Versuchen Sie es mal umgekehrt, Sie werden staunen! Aber klar, Legenden halten sich hartnäckig. Das hat auch mit Ihrem Beruf zu tun: Wenn Sie als Journalist etwas unbedacht schreiben, taucht es stets wieder auf. Frage ich beim Journalisten nach, woher er das wisse, bekomme ich zur Antwort: «Ich habe es nicht selber gehört, aber jemand hat es mir gesagt.» Und wenn ich dann diesen Jemand frage, heisst es, er habe es von jemand anderem erfahren. Aber wo ist der Ur-Jemand, mit dem alles begonnen hat? Der ist nicht aufzutreiben. Das ist das Gleiche mit Camille Claudel. Ich will nicht gegen sie kämpfen, ich bin ja Rodin, ich liebe sie. Aber ich will nicht die gleichen alten Geschichten hören, von denen man nicht weiss, woher sie stammen.

Werden Sie denn oft missverstanden, von der Presse?
Schon. Oft ist es belanglos, hat aber doch Konsequenzen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es einen Bericht, dass ich in einem Café sass, irgendwo. ­Dabei war ich an einer Sitzung, 200 Kilometer ­entfernt. Meine Mama sagte mir: «Oh, du warst in diesem Café.» Ich antwortete: «Nein, das war ich nicht.» Sie darauf: «Vincent, wieso lügst du mich an?» Als ich es nochmals abstritt, wurde sie ganz ernst und sagte: «Du wirst deine Gründe haben, aber du weisst schon, es stand in der Zeitung.» Die eigene Mutter! Das ist nicht wegzubringen. Gut, heute kann man «Fake-News» rufen. Aber wenn niemand mehr etwas glaubt, ist es auch nicht ideal.

Haben Sie etwas von Rodin gelernt?
Selbstverständlich. Bei jeder Figur, die ich spiele, mache ich so etwas wie einen Geschäftsabschluss zwischen diesem Menschen und mir. Ich steuere ­einiges bei, mein Gesicht, meine Vitalität. Dafür gibt er mir viel zurück, hier konkret die Idee seines Werkes, das Gefühl von Perfektion, seinen unermüdlichen Kampf gegen Vorurteile. Ich dachte oft über die Situation eines Künstlers nach. Und bin zum Schluss gekommen: Kunst ist Politik.

Inwiefern?
Rodin lehrte mich, dass man die ganze Welt gegen sich haben kann und trotzdem im Recht bleibt. Er lehrte mich, selbstsicher zu sein und trotzdem alle Zweifel zu akzeptieren, auf die Sichtweise anderer zu hören. Das sollte auch in der Politik so sein.

Was halten Sie in diesem Fall von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron?
Er ist jung, brachte frischen Wind, das ist klar. Aber jetzt beginnt der Kampf mit der Realität. Und der wird lange und mühsam. Wir sprechen beim nächsten Mal über ihn, noch ist es zu früh.

Gibt es heute einen Künstler, der so kraftvoll und verstörend wirkt wie Rodin?
Nein, aber das hat auch mit der Zeit zu tun. Kunst verbreitet sich viel schneller als früher, mit einem Knopfdruck kann man sie um die Welt schicken. Das bedeutet, dass die Menschen nicht mehr so viel denken wie zuvor. Sie reagieren nur noch, auf Twitter und wie das alles heisst. Oft geht dabei das Schreiben schneller als das Denken. Man kommt aus «Rodin» raus und verbreitet sofort seine Meinung zum Film. In der Kunst ist es dasselbe: Jeder kann seine Viertelstunde Ruhm beanspruchen, wie es Andy Warhol einst formulierte. Jeder kann über alles sprechen. Alle sind Genies, alle sind scheisse.

Wer war denn der letzte grosse Künstler?
Einer, bei dem es eine Zeit vor ihm gibt und eine Zeit nach ihm. Das ist selten, ich habe lange keinen solchen Regisseur mehr gesehen, zuletzt vielleicht Steven Spielberg. Als Jean-Luc Godard kam, Anfang der 1960er-Jahre, hat dies das Kino verändert, alle richteten sich nach ihm. Das ist nicht nur in der Kunst so. Bei Björn Borg gibt es das Tennis vor ihm und das nachher. Dasselbe im Fussball mit Maradona. In der Schauspielerei, auf alle Fälle in Frankreich, gibt es die Zeit vor Gérard Depardieu und die danach. Heute sehe ich niemanden. Das hat aber nicht nur mit der Geschwindigkeit zu tun. Auch mit der Art, wie wir Kunst konsumieren.

Inwiefern?
Ich erinnere mich an zwei Personen in einer Manet-Ausstellung. Die bezahlten ein Ticket, nahmen das iPad hervor und liefen durch, indem sie alle Bilder abfilmten. Ich glaube, die haben kein einziges Mal neben den Bildschirm geschaut. So ist es schwierig, etwas zu entdecken. Wenn jemand gut ist, schreien alle sofort: ein neues Genie, ein neues Genie! Zwei Tage später taucht aber bereits das nächste auf. Am Ende bleibt keines.

Wahre Künstler haben Mühe mit dem ­wirklichen Leben, sagt der Film auch.
Stimmt.

Sie dagegen scheinen die Bodenhaftung ­behalten zu haben.
Schon. Aber ich bin kein grosser Künstler.

Sie waren unter anderem 2015 der beste Darsteller in Cannes.
Kommen Sie! Ja, ich bin Schauspieler, darin bin ich möglicherweise nicht so schlecht. Aber ich ver­ändere die Welt nicht. Niemand wird in fünfzig ­Jahren sagen, wow, als Vincent kam, hat sich alles verändert. Ich spiele, was mir gefällt. Lasse mir einen Bart wachsen, wenn es der Sache dient. Schneide ihn am Ende wieder ab. C’est tout.

Haben Sie den Bart gleich nach der letzten Szene abgeschnitten?
Nein, ich wollte nicht, dass Regisseur Jacques Doillon mich ohne Bart sieht. Ich dachte, er könnte es als Beleidigung empfinden: Man arbeitet ein halbes Jahr zusammen, und dann, sobald es vorbei ist – wir hatten ein grosses Fest –, kommt man brav ­rasiert. Das würde heissen: Schau, ich bin nicht mehr Rodin, weg mit allem. So einfach ist es nicht. Ich rasierte mich erst vier Tage später. Eine Stunde bevor ich in die Ferien fuhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2017, 18:41 Uhr

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Der 58-Jährige gehört zur Elite der französischen Darsteller. Für seinen Arbeitslosen in «La loi du marché» erhielt er zahlreiche Preise. Jetzt spielt er Auguste Rodin in «Ro- din» von Regisseur Jacques Doillon – und ist mit wuchtiger Präsenz das Beste im sonst recht zahmen Film. (TA)

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