«Ich bin kein Promi»

In ihrem Quartier wusste lange kaum jemand, dass Sabine Timoteo Schauspielerin ist – obwohl keine Bernerin derzeit mehr internationale Filme dreht.

Die Schauspielerin hat ein Gespür für wacklige Charaktere: Sabine Timoteo.

Die Schauspielerin hat ein Gespür für wacklige Charaktere: Sabine Timoteo. Bild: Adrian Moser

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Als wir uns vor ihrer Haustüre treffen, kommt sie in schweren Wanderschuhen. Dieselben womöglich, die sie im Film «Zen for Nothing» anhat, als sie eine lange Steintreppe hochgeht, die zu einem japanischen Zen-Kloster führt.

Dort hat Sabine Timoteo insgesamt drei Monate verbracht. Der Regisseur Werner Penzel hat sie dabei gefilmt, wie sie um halb vier Uhr morgens aufstand, stundenlang auf den Knien sitzend meditierte, wie sie sich vor dem kleinen Altar verbeugte, bevor sie zur Toilette ging, die Regeln der Gemeinschaft lernte und in Haus, Garten und Küche arbeitete.

Und nun, an diesem windigen Januartag mitten im Berner Lorraine-Quartier, trägt sie wieder diese Wanderschuhe, die sie aussehen lassen, als sei sie für jedes Terrain gewappnet.

Das muss sie auch sein. Keine Berner Schauspielerin hat Figuren gespielt wie sie: eine jugendliche Prostituierte (in Philip Grönings «L’amour, l’argent, l’amour», da war sie 19 und erntete ihren ersten Schweizer Filmpreis), eine Taschendiebin, eine Behinderte, die Freundin eines Sexualstraftäters oder die Mutter eines von einem Raser totgefahrenen Kindes («Driften», er bescherte ihr letztes Jahr den dritten Schweizer Filmpreis).

Sabine Timoteo weiss, dass «schwierig» das Wort ist, mit dem ihre Rollen am häufigsten umschrieben werden. Und auch wenn sie sagt, dass sie sofort in einer guten Komödie spielen würde, wenn ein interessantes Angebot käme: Sie scheint ein ausgesprochenes Sensorium für wacklige Charaktere zu haben. Im Laufe des Gesprächs wird es eine Erklärung dafür geben.

Experiment mit sich selber

Aber zunächst einmal wird Grüntee gekocht, eine selbst gedrehte Zigarette am Fenster geraucht und Platz genommen in Sabine Timoteos Küche – wo sich ein paar der bejahrten Bodenplatten gelöst haben, sodass man ein bisschen aus dem Tritt gerät. Ein Zustand, der die 40-Jährige interessiert: wenn Strukturen brüchig werden und Gewissheiten ungewiss.

Darum hat sie sich auch darauf eingelassen, für «Zen for Nothing» völlig unvorbereitet und unvoreingenommen in ein Zen-Kloster zu gehen. Und sich dort der Strenge, den starren Regeln auszusetzen. «Es ist ein Experiment, das man mit sich selber macht», sagt sie. Es gehe bei Zen darum, an sich zu arbeiten.

Aber ohne dass irgendwer ein Ziel oder eine Wahrheit vorgebe. «Das, was in den Schriften steht, ist da, um wieder verworfen zu werden.» So könne es sein, dass man das Kloster mit weniger Wissen über sich selber verlasse, als man mitgebracht habe.

Immerhin hat Sabine Timoteo erfahren, wie es ist, ohne Rolle oder Text vor der Kamera zu stehen. Es hätte verunsichernd sein können – «doch ich hatte ja auch eine Aufgabe, ähnlich wie wenn ich eine Rolle spiele. Nämlich diese mir fremde Welt zu entdecken.» Wobei man Sabine Timoteo im Film die Anstrengungen ansieht – Tränen und Augenringe inklusive.

Manch anderem käme in solchen Momenten die Eitelkeit in den Weg. Nicht so ihr. «Ich musste so viel vor dem Spiegel arbeiten als Tänzerin, dass ich mich schon lange nicht mehr übers Spiegelbild definiere.»

Sabine, die vor ihrer Heirat Hagenbüchle hiess, war zuerst Balletttänzerin. In den USA und Lausanne aufgewachsen, gewinnt sie mit 17 den Prix de Lausanne, wenig später tanzt sie in Heinz Spoerlis Ensemble an der Deutschen Oper in Düsseldorf.

Dann der erste abrupte Bruch: Da sie das Tanzen körperlich nicht mehr aushält, hört sie auf und geht mit einer Butoh-Tanzgruppe auf Tournee. Sie wird für ihren ersten Langfilm engagiert, «L’amour, l’argent, l’amour», der sie aber dermassen auslaugt, dass sie weitere Rollenangebote ablehnt, 1997 nach Bern zieht und im Restaurant Harmonie eine dreijährige Kochlehre anfängt.

Noch während der Ausbildung wird sie schwanger, bringt die Lehre aber zu Ende. Und beginnt bald wieder, in Filmen zu spielen. Kurz: eine eher rissige Biografie. «Von aussen sieht das natürlich sehr sprunghaft aus, für mich hatte das alles eine innere Stimmigkeit.

Denn mich trieb von Anfang an eine Frage um – ob ich nun tanzte, kochte, schauspielerte oder Kinder hatte: Wie sein? Wie leben?», erklärt Timoteo. «Und zwar ganz konkret: Weil das Leben für mich nicht so selbstverständlich oder einfach war wie für andere.»

Was Timoteo anspricht, ist der Umstand, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden ist. Vor einem Jahr hat sie zum ersten Mal öffentlich vom Übergriff erzählt. Jetzt sitzt sie mit gestrecktem Rücken auf einem Hocker, die Knie beinahe am Boden.

«Ich hatte die Erinnerung daran in mir vergraben. Bis sie übers Spielen hochkam, bei meinem ersten Film. Ich sollte in einer Szene zu jemandem sagen, er dürfe mich nicht anfassen. Wir mussten den Dreh für einen Tag unterbrechen.»

Der Papierstreifen, den Timoteo schon die ganze Zeit in den Händen gehalten hat, ist mittlerweile zu einer regelmässigen Handorgel geworden. «Wenn du so etwas überlebt hast, wird die Suche danach, wie du leben sollst, existenziell. Du musst wieder eine Identität finden. Denn die wird dir genommen.

Du wirst Teil des Übergriffs, weil du es zulässt.» Ganz ruhig spricht Timoteo über die perfide Mechanik des Missbrauchs – bis sie vom Klingeln ihres Handys unterbrochen wird. Es ist ihr Agent, sie antwortet, es gehe ihr gut, legt wieder auf. Und fährt ohne Umschweife fort, nun mit viel Druck in der Stimme: «Es ist wichtig, dass man über Missbrauch spricht, weil es täglich passiert. Das Einzige, was man tun kann, ist, die Kinder zu lehren, sich selber zu respektieren und sich dadurch zu schützen. Das ist die einzige Vorsorge.»

«Das Leben war für mich nicht so selbstverständlich wie für andere.»Sabine Timoteo, Schauspielerin

Doch Timoteo empfindet sich nicht als Opfer. Im Gegenteil, diese Erfahrung habe ihr eine Art Wissen vermittelt über Zustände, zu denen andere vielleicht weniger Zugang hätten. Das kann sie als Schauspielerin nutzen: «Ich lebe seit Jahren von einem Beruf, von dem man als Schweizerin eigentlich nicht leben kann.»

Aber, das ist ihr wichtig, sie mache nicht Filme, weil sie etwas aufzuarbeiten habe – sondern weil sie Geschichten erzählen wolle. Und weil sie dieses immense Forschungsfeld fasziniere, das ihr das Schauspiel eröffne. «Mein Vater ist Molekularbiologe, aber ich kann nicht sagen, ich forsche weniger.»

Sperriger Fernsehauftritt

In rund fünfzig Filmen hat Sabine Timoteo gespielt, meistens in Deutschland, aber auch in Italien, Österreich oder Lettland. Bewusst hat sie sich in der Schweiz von der Öffentlichkeit ferngehalten. «Lange wussten die Leute im Quartier gar nicht, dass ich Schauspielerin bin. Und das war mir recht.»

Bern war für Timoteo das private Refugium, Deutschland der Arbeitsort. Allmählich ändert sich das. Vor einem Jahr stand sie hier zum ersten Mal vor der Kamera, in Res Balzlis Film «Tinou», in dem sie eine kleine Rolle als Buvette-Besitzerin hat, die den Hauptfiguren nicht nur Hochprozentiges, sondern auch etwas Herzensgüte ausschenkt.

Diese Wärme strahlt Timoteo auch beim Gespräch aus, wie sie dasitzt in ihren etwas zu weiten Manchesterhosen, welche die filigrane Figur schier verschlucken. Ganz anders als vor einem Jahr, als sie nach dem Filmpreis in «Glanz & Gloria» auftrat, dem Promiformat des Schweizer Fernsehens: Sie wirkte unnahbar und antwortete nur widerwillig auf die Fragen der Moderatorin.

Warum hat sie da zugesagt? «Weil alle immer dachten, die macht so etwas nie.» Würde sie sonst auch nicht, ausser es geht um einen ihrer Filme. «Ich bin kein Promi, ich bin Sabine Timoteo, die zwei Töchter hat und einen Hund und die irgendwie versucht, über die Runden zu kommen wie alle anderen auch.»

Obwohl mit jenen Filmen, die sie macht, nicht das grosse Geld zu verdienen ist, kann sich Timoteo nicht beklagen. «Ich habe immer Arbeit. Und es kommen immer wieder spannende Projekte.» Ja, und darum sei ihr auch das Schauspielen nicht verleidet, auch wenn manche behaupteten, mit vierzig sei Schluss.

«Je älter ich werde, desto mehr Spass habe ich daran. Weisch?», sagt sie, und es ist, als hänge ein Fragezeichen am Wort. So, als ob sie die Begeisterung für ihre Arbeit und ihre wackligen Figuren selber nicht ganz fassen könne.

«Zen for Nothing» und «Tinou» laufen an den Solothurner Filmtagen (21. bis ?28. Januar). www.solothurnerfilmtage.ch (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2016, 08:08 Uhr

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