Hotelzimmer zertrümmern mit Jean-Paul Belmondo

Der 85-jährige Schauspieler hat seine Memoiren geschrieben – es geht um alberne Streiche und geistreiche Filme.

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Die entscheidende Begegnung im Leben des damals nicht sehr erfolgreichen Theaterschauspielers Jean-Paul Belmondo fand Ende der 1950er-Jahre auf einer Pariser Strasse statt. Zufälligerweise traf er den Filmkritiker Jean-Luc Godard, der vorschlug: «Kommen Sie mit in mein Hotelzimmer. Wir drehen einen Film, und dafür kriegen Sie 50'000 Francs.» Das fand Belmondo anstössig und lehnte sofort ab. Seine Frau aber überredete ihn, es sich noch einmal zu überlegen. Der Rest ist Geschichte – die beiden drehten den Kurzfilm «Charlotte et son Jules» und dann den Gangsterfilm «A bout de souffle», der eine neue Kinoära einläutete.

Bébel, wie ihn in Frankreich alle nennen, ist inzwischen 85 Jahre alt und eine nationale Institution. In der Öffentlichkeit zeigt sich der gebrechliche Mann mit dem immer noch breiten Grinsen nur noch bei besonderen Gelegenheiten, kürzlich besuchte er das Tennisturnier von Roland Garros. An seinem Leben teilhaben kann man aber trotzdem: Die Autobiografie, die vor zwei Jahren in der Heimat erschienen ist, gibt es nun auch auf Deutsch. Sie heisst «Meine tausend Leben», ist nur etwas über 300 Seiten lang und offenbart Erstaunliches. Zum Beispiel, dass Belmondo lange darunter litt, zu hässlich zu sein für eine Filmkarriere. Er habe oft zu hören bekommen, schreibt er, dass «Alain Delon und ich ein gegensätzliches Paar à la ‹Die Schöne und das Biest› bildeten».

Gebrochene Nase wegen eines Boxkampfes

Geboren wurde Jean-Paul am 9. April 1933 in Neuilly-sur-Seine, sein Vater war ein bekannter Bildhauer, seine Mutter Tänzerin. Die Kindheit war glücklich, die Eltern unterstützten ihn bei seinen Aktivitäten, auch beim Versuch, Boxer zu werden. Davon blieb aber nicht viel mehr als eine gebrochene Nase, die sein Selbstvertrauen punkto Aussehen nicht gerade förderte. Erst nach mehreren Anläufen schaffte er die Aufnahmeprüfung als Schauspieler ans Pariser Konservatorium, erhielt aber stets nur kleine Rollen. Er liess sich nicht unterkriegen, versuchte auch aus den kürzesten Auftritten das Beste rauszuholen und fand ein probates Mittel dazu: Wo er konnte, spielte er den Clown, egal, wie ernst die Rolle war. Damit machte er sich nicht nur Freunde, aber einen Namen als aufrechter Kerl.

Erst Jean-Luc Godard erkannte das Potenzial dieser Mischung aus kindlicher Unbekümmertheit und cooler Gelassenheit. Wobei Belmondo die Attitüden des Regisseurs mit den Schweizer Wurzeln sogleich auf die Nerven gingen. Er fand es zum Beispiel suspekt, dass der Regisseur nie die Sonnenbrille abnahm («ich hatte Lust, ihm die Brille runterzureissen und in den Gully zu treten»). Und kritisiert Godards verwahrloste Erscheinung («er schien sich weder zu rasieren noch zu kämmen»). Aber beide wussten, was sie aneinander hatten. Und drehten zusammen weitere Klassiker wie «Une femme est une femme» und «Pierrot le fou». Schnell wurde Belmondo zum Star, der mit den wichtigsten französischen Regisseuren der 1960er-Jahre arbeitete.

Zusammen mit der «Tigerin aus der Schweiz»

Schubladisieren liess er sich nie. Bei Kritikern machte sich Belmondo unbeliebt, weil er eben nicht nur seriöse Rollen annahm wie diejenige eines Priesters in Jean-Pierre Melvilles «Léon Morin, prêtre», sondern auch mit Regisseuren wie Philippe de Broca reine Kommerzvehikel («L’homme de Rio») drehte. In der Boulevardpresse machten seine Frauengeschichten Schlagzeilen, er war zum Beispiel acht Jahre mit Ursula Andress zusammen, der – wie es im Buch heisst – «Tigerin aus der Schweiz». Und auf den Drehplätzen sorgte er mit albernen Streichen für Unterhaltung. Zu leiden hatten dabei oft Hoteleinrichtungen: Einmal schildert Belmondo ein Spiel, das er «Umzug durch die Lüfte» nennt. Es ist ein Wettkampf zwischen zwei Personen, bei dem derjenige gewinnt, der zuerst das Mobiliar des anderen aus dem Zimmer durchs Fenster hinausgeworfen hat. Die Hotelbesitzer hatten weniger Freude an derartigen Aktivitäten und riefen nicht selten die Polizei.

Belmondo aber schien sich von nichts und niemandem einschüchtern zu lassen. Er fuhr schnelle Autos, drehte Film um Film, und als die Presse immer wieder Geschichten über die Rivalität zwischen ihm und Alain Delon publizierte, traten die beiden 1970 einvernehmlich in «Borsalino» zusammen auf. Dieses Unternehmen endete dann doch in einer kleinen Fehde: Delon hatte seinen Namen zweimal aufs Filmplakat schreiben lassen, weil er auch noch Produzent war, was dem nur einmal genannten Belmondo missfiel. 27 Jahre später rauften sie sich dann wieder zusammen und drehten «Une chance sur deux» mit Vanessa Paradis.

Die zweite Lebenshälfte wird knapp abgehandelt

«Meine tausend Leben» liest sich als unterhaltsame, oftmals komische und manchmal berührende Anekdotensammlung. Sie endet allerdings abrupt. Auf die Jahre ab 1990 geht das Buch kaum mehr ein, lässt die Zeit aus, in der Belmondo fast keine Filme mehr drehte, aber wieder oft Theater spielte, einen Schlaganfall erlitt und in seltenen Interviews manchmal Zeichen der Verbitterung zeigte. Aber dieses tausendunderste Leben muss wohl von jemand anderem aufgeschrieben werden als vom ewigen Kind Bébel selber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2018, 17:34 Uhr

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Jean-Paul Belmondo: «Meine tausend Leben» Autobiografie, Heyne, 319 Seiten, ca. 33 Franken


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