Hollywoods neuer Darling

Mit «Lady Bird» wurde die Schauspielerin Greta Gerwig auch als Regisseurin und Autorin zum Liebling von Kritik und Oscar-Academy.

Greta Gerwig an der Oscar-Zeremonie vom vergangenen März Foto: Eric Jamison (Invision, AP, Keystone)

Greta Gerwig an der Oscar-Zeremonie vom vergangenen März Foto: Eric Jamison (Invision, AP, Keystone)

Dass die Jugend ein süsser Vogel sei, ist wahrscheinlich eine Erfindung nostalgischer Greise. Oder von Müttern, die es gut meinen, aber den Mund nicht halten können und immer davon reden, dass sie es nie so komfortabel gehabt hätten wie ihre Töchter. Daher dürfe man von so einer Tochter, solange sie die Beine unter den elterlichen Tisch stecke, doch wohl ein wenig Ordnungssinn erwarten und in mageren Zeiten ein Kosten­bewusstsein. Aus Dankbarkeit für die Süsse ihrer jungen Jahre. Mit aller Liebe gesagt.

Fragte man aber die 17-jährige Christine McPherson (Saoirse Ronan), die nur auf den Namen Lady Bird hört in Greta Gerwigs erstem Spielfilm, man bekäme etwas zu hören von wegen süssem Vogel. Vermutlich würde sies gröber ausdrücken: Der «Fuck»-Quotient ist hoch in ihrem Sprachschatz.

Video – «Lady Bird» (Trailer)

Aber gemeint wäre dies: Dass die ­Jugend eine schwer auf Seelen drückende Wolke sei, ein Gemenge aus Melancholie und theatralischer Sentimentalität und Zwang zur Coolness, aus Zorn und Dünnhäutigkeit, aus volatilen besten Freundschaften, aus verschwärmter Liebesillusion und echtem Liebesschmerz und der Frage, wann die rechte Zeit sei, den ersten Sex zu haben. Ferner: dass sie zu lang dauere und doch zu kurz sei, dass die Freiheiten, von denen alle sagen, man müsse sie sich nehmen, womöglich mehr kosten, als die Eltern sich leisten können. Und überhaupt, ­Vogel Jugend, my ass: Wenn da wahrnehmungsmässig eine ornithologische ­Metapher auch nur in Wahrheitsnähe käme, dann der Vergleich von Mütterlichkeit mit dem ständigen Krächzen einer tyrannisch liebenden – und doch geliebten – mütterlichen Nebelkrähe.

Damit wäre Lady Birds aushaltbares Elend beschrieben – und das Stück fiktives Jugendleben, das die Regisseurin, bei der das Leid der Adoleszenz auch nicht so lang vorbei ist, aus der amerikanischen Wirklichkeit brach. Der Ort der dramatischen Handlung (ob mans überhaupt Handlung nennen soll? Besser vielleicht: der Ort einer schwungvoll ­inszenierten Zähflüssigkeit des Seins) ist Sacramento, Kalifornien. Das sei, heisst es, die Stadt, die man gesehen haben müsse, bevor man den Unsinn vom kalifornischen Hedonismus nachplappere.

Reiben am Müssen und Wollen

Dort strampelt diese Lady Bird so vor sich hin, mit kreativer Wut, massvoll unglücklich, glücklich deprimiert und ein bisschen exaltiert im juvenilen Pathos, denn die Kunst der extrovertierten Kopfhängerei gehört zu ihren Talenten. Ein letztes Jahr an ihrer katholischen Highschool ist zu überstehen, was danach sein soll, vielleicht Schauspielerei, vielleicht Literatur, weiss sie noch nicht so recht, aber wo es nicht sein soll, das weiss sie genau: nicht in Sacramento, diesem Unort, wo die Sehnsüchte verdorren. Sondern an einem New Yorker College, mindestens jedoch an der Ostküste, wo die Schriftsteller in Wäldern wohnen und Romane schreiben.

Item, es entsteht in einer handfest ­genauen Inszenierung der Eindruck der völlig normalen Unnormalität eines Jungseins, das kein Zuckerschlecken ist – das Elternsein ist allerdings auch keins, beiläufig erwähnt; nicht bei den McPhersons. Es reibt sich ein störrisches, verwundbares Mädchen am Müssen und am Wollen, an der ersten und der zweiten Liebe, an der finanziellen Realität der Familie, an der nörgeligen Vernunft der Mutter und der eigenen Unvernunft, die auch ein Lebensrecht hat. Manchmal ­natürlich verbrennen sich Lady Bird und die, die ihr nah kommen, an den Reibungsfunken. Heilbar auf die Dauer, aber schmerzhaft im Moment.

Das Schönste an Gerwigs Film ist ja die melancholisch-komische Lakonie. Diese sichtbare Begabung zur Unsentimentalität im liebenswürdigen Umgang mit Figuren, die selbst durchaus sentimental werden können. Diese ironische Selbstverständlichkeit, mit der die Dramatikerin Gerwig Wut verrauchen und Tränen trocknen lässt: durch die vergehende Zeit, die manche Wunden schneller heilt, als man denkt.

Adoleszenz ist, wenn noch kein Sex war und nicht einmal ein Kuss, aber ein Mädchen bringt einem Jungen doch schon Lockenwickler mit für die Jim-Morrison-Frisur.

Zudem erinnert «Lady Bird» die, die über das Alter längst hinaus sind, daran, was das war: Adoleszenz. An jenen ­seltsamen Schwebezustand des frühen Nicht-mehr-Kind-Seins. Ans schüchterne Stürmen und Drängen der Hormone und Gedanken. Der Film konzentriert es in einer fein geschliffenen Szene und psychodramatischen Definition: Adoleszenz ist, wenn noch kein Sex war und nicht einmal ein Kuss, aber ein Mädchen bringt einem Jungen doch schon Lockenwickler mit, damit er sich eine Frisur machen kann, wie sie Jim Morrison seinerzeit hatte. Und der Junge sagt, er habe von ihm, dem Mädchen, geträumt und davon, wie sie zusammen nach Disneyland geflogen seien auf einer Riesenkarotte.

Fünf Oscarnominationen hat «Lady Bird» dieses Jahr erhalten (aber keinen Preis). Vor allem die in der Kategorie ­Regie Originaldrehbuch galten dem ­Originaltalent Greta Gerwig, die man vor allem als Hauptdarstellerin aus Noah Baumbachs «Frances Ha» kennt. Von ­Saoirse Ronan, der jungen Irin, nominiert als beste Hauptdarstellerin, werden wir auch noch viel hören, hoffentlich; und wie man den Vornamen ausspricht, werden wir lernen.

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